PfadnavigationHomeGeschichteArtikeltyp:MeinungLinksterrorismusEin zentraler Gedenkort für die RAF-Opfer? Natürlich!Stand: 13:55 UhrLesedauer: 4 MinutenAm 24. Oktober 2007 gab es einmal eine zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer des linksextremen Terrors im Deutschen Historischen MuseumQuelle: picture-alliance/dpa/Peer GrimmDie Bundesrepublik Deutschland hat in den 1970er-Jahren den Angriff des linksextremen Terrors erfolgreich abgewehrt. An diesen Erfolg des Rechtsstaates sollte endlich angemessen erinnert werden – wie es selbstverständlich für die Opfer rechtsextremer Gewalt ist.Am 19. Juni 2022 wurde das Denkmal „Schattenwurf“ auf dem Platz vor dem thüringischen Landtag in Erfurt eröffnet. Es handelt sich um einen Mahnort für alle zehn Opfer des NSU. Da lag der letzte tödliche Anschlag der rechtsextremen Terrorgruppe 16 Jahre zurück, die Aufdeckung als politisch motivierte Tat aber erst elf Jahre. 2025 eröffnete in Chemnitz zudem ein Dokumentationszentrum über den NSU unter dem Titel „Offener Prozess“. Das Erfurter Mahnmal und das Chemnitzer Zentrum sind nur zwei von mehr als 20 Tafeln, Gedenksteinen oder Straßenumbenennungen in Erinnerung an die Mordopfer; hinzu kommen Gedenkbäumepflanzungen in mehr als 30 Orten.Einen zentralen Gedenkort oder auch nur ein übergreifendes Mahnmal für die 34 Opfer der linksextremen Terrorgruppe RAF zwischen 1970 und 1993 gibt es hingegen nicht. Der elf deutschen und niederländischen Polizeibeamten, neun Zufallsopfern, sieben US-Soldaten und sieben Männer, die den westdeutschen Staat oder seine Wirtschaft repräsentierten, also die eigentlichen Feindbilder der Angreifer darstellten, wird maximal an den jeweiligen Anschlagsorten gedacht – und das teilweise erst beginnend 50 Jahre nach den Morden. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat jetzt ein zentrales Mahnmal für die RAF-Opfer gefordert. Zu denen übrigens noch mindestens zwei von der Bewegung 2. Juni Ermordete hinzukommen und ein Toter bei einem Anschlag der Revolutionären Zellen – allein auf deutschem Boden. Lesen Sie auchHermann hat vollkommen recht und bekommt daher richtigerweise Zuspruch von Angehörigen der Terroropfer: Corinna Ponto, Tochter des 1977 ermordeten Dresdner-Bank-Sprechers Jürgen Ponto nennt den Vorschlag „selbstverständlich“ und „längst geboten“. Jörg Schleyer, der Sohn des 1977 entführten und nach fünf Wochen als RAF-Geisel erschossenen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer sagte der „Bild“-Zeitung: „Es wird höchste Zeit, dass die Opfer des RAF-Terrors ein zentrales Denkmal erhalten – spätestens zum 50. Jahrestag des Deutschen Herbstes im nächsten Jahr. Ein Denkmal im Herzen der Hauptstadt würde unmissverständlich zeigen: Unsere Toten sind Märtyrer der Bundesrepublik – ihr Opfer darf niemals vergessen werden.“Lesen Sie auchÄhnlich sehen es: Michael Buback, der Sohn des 1977 mit zwei Begleitern erschossenen Generalbundesanwalts Siegfried Buback; Monika Schumann, die Witwe des 1977 von palästinensischen Komplizen der RAF getöteten Lufthansa-Kapitäns Jürgen Schumann; schließlich Clais von Mirbach, dessen Vater 1975 beim RAF-Angriff auf die deutsche Botschaft in Stockholm ermordet worden war.Doch ein Gedenkort, ein künstlerisch gestaltetes Mahnmal wie der Erfurter „Schattenwurf“ genügt nicht. Die Bundesrepublik braucht ein richtiges Museum für die Opfer des Linksterrorismus, mindestens in der Größe des Chemnitzer Dokumentationszentrums. In den beiden nationalen Ausstellungen über deutsche Geschichte, im nach links driftenden Deutschen Historischen Museum in Berlin (dessen Dauerausstellung zurzeit überarbeitet wird, was Schlimmes erwarten lässt) und im wesentlich besseren Haus der Geschichte in Bonn, spielt das Thema naturgemäß eine Nebenrolle.Lesen Sie auchAls 2017 das Wrack der 1977 in Mogadischu von der GSG 9 befreiten „Landshut“ zurück nach Deutschland kam, gab es Hoffnung: Das Großexponat könnte Mittelpunkt eines solchen Museums werden. Doch die vom endlose 25 Jahre lang amtierenden Thomas Krüger geleitete Bundeszentrale für politische Bildung verzögerte eine solche Ausstellung Jahr um Jahr. Nach seinem altersbedingten Abgang 2025 kommt jetzt zwar Bewegung in das Thema, denn der neue Vizepräsident Volker Ullrich zeigt sich in Gesprächen offen: Das bisherige, vollkommen verkopfte und offenbar vorsätzlich uninteressante Konzept des „Lernortes ,Landshut‘“ soll geändert werden; ein möglicher privater Träger für eine vernünftige Präsentation steht zur Verfügung.Lesen Sie auchDoch soweit ersichtlich, wird die „Landshut“ in Friedrichshafen am Bodensee bleiben. Eine attraktive Stadt in einer wunderschönen Gegend, aber kein authentischer Ort des linksextremen Terrors. Deshalb braucht es zusätzlich ein vernünftiges Museum für die RAF-Opfer. Man könnte es im ehemaligen Bonner Kanzleramt einrichten, gegenwärtig Sitz des angesichts fehlgeleiteter Gelder und zahlreicher Skandale ohnehin stark zu schrumpfenden Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Hier hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt 1977 im „Deutschen Herbst“ die RAF bei ihrem Amoklauf gegen den Rechtsstaat besiegt.Lesen Sie auchOder auf dem Campus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Hier hatte die Baader-Meinhof-Bande am 11. Mai 1972 ihren ersten Bombenanschlag verübt – mit einem Toten und 13 teilweise Schwerstverletztzen.Oder im Hochhaus am Hamburger Axel-Springer-Platz 1. Hier hatten Ulrike Meinhof und mehrere Mittäter fünf Rohrbomben gelegt, von denen zwei detonierten und 37 Mitarbeiter des Springer-Verlages verletzten, darunter sechs schwer.Vielleicht aber auch im ehemaligen West-Berlin, der heutigen Bundeshauptstadt, die möglicherweise schon ab dem Herbst von einer Links-Koalition regiert werden wird. Eine Gedenkstätte für die RAF-Opfer wäre ein guter Stachel im Fleisch des pseudoprogressiven, in Wirklichkeit latent gewalttätigen Juste Milieu der Bundesrepublik.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „Eine kurze Geschichte der RAF“ und „Der Stammheim-Prozess“.