PfadnavigationHomeGeschichteEntführte „Landshut“Eine Ohrfeige für die traumatisierten GeiselnStand: 10:39 UhrLesedauer: 3 MinutenMänner der GSG9 helfen befreiten Passagieren über die Tragfläche der „Landshut“ aus der Maschine
Quelle: BundespolizeiSeit 2017 ist die Bundeszentrale für politische Bildung verantwortlich für die im „Deutschen Herbst“ 1977 entführte Lufthansa-Maschine „Landshut“. Jetzt verkündet deren neuer Präsident, dass sie nur sechs Monate zu sehen sein soll. Historiker Rupps ist empört.Dieser Brief hat es in sich: „Anlässlich des Jahrestages der Befreiung der ,Landshut‘ am 18. Oktober 2027 wird an diesem Tag der Lernort ,Landshut‘ in Friedrichshafen für ein halbes Jahr eröffnen.“ So steht es in dem Schreiben des seit März 2026 amtierenden Chefs der Bundeszentrale für politische Bildung unter dem Datum 15. Juni 2026 an ehemalige Geiseln der durch palästinensische Terroristen 1977 entführten Lufthansa-Boeing. Zur Begründung heißt es: „Ein langfristiger Betrieb des Lernortes ist aufgrund der angespannten Haushaltslage bundesweit zu unserem großen Bedauern nicht möglich.“Damit tritt der zweitgrößte denkbare Schaden für dieses Projekt ein, nachdem schon seit neun Jahren die originale Maschine in einem Hangar in Friedrichshafen vor sich hin gammelt – noch schlimmer wäre nur ein komplettes Scheitern gewesen. Der SWR-Journalist und Historiker Martin Rupps hatte 2017 die ausrangierte 737 nach Deutschland geholt. 2025 veröffentlichte er das Buch „Showdown in Mogadischu“ (Springer Wissenschaftsverlag, Wiesbaden. 335 S., 32,99 Euro), die genaueste Rekonstruktion des Geiseldramas und seines guten Endes. WELT: Herr Rupps, was dachten Sie, als Sie den Brief von Sönke Rix lasen?Martin Rupps: Eine Blamage der deutschen Erinnerungspolitik. Eine Ohrfeige für die befreiten, traumatisierten „Landshut“-Geiseln und ihre Familien.WELT: Gehen wir es systematisch an. Wie viel hat dieses Projekt Ihrer Kalkulation nach bisher gekostet?Lesen Sie auchRupps: Auf jeden Fall Millionen Euro, meine Anfrage bei der Bundeszentrale läuft. Aber man kann ja addieren: 13.000 Euro monatlich betrug die Miete für das Flugzeug im ersten Hangar, etwa 50.000 Euro pro Monat im zweiten, mit monatlichen Nebenkosten von 8500 Euro. Der Mietvertrag läuft 15 Jahre. Die „Landshut“-Schau wird die teuerste Sechs-Monats-Ausstellung in der Geschichte der Bundesrepublik!WELT: So viel Geld! Was hätte man dafür alles machen können!Rupps: Zum Beispiel die „Landshut“ restaurieren. Die Lufthansa war schon im Boot, ein schlüssiges Konzept lag ebenfalls vor. Eine Zeitreise in das Jahr 1977.WELT: Weshalb wurde nichts daraus? Rupps: Die unsägliche Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die jetzt als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wird, boykottierte das Projekt, weil es nicht ihre Idee war, sondern die des damaligen Bundesaußenministers Sigmar Gabriel. Ein enger Mitarbeiter von ihr hatte das Außenministerium im Groll verlassen.WELT: Seit ein paar Jahren befindet sich die „Landshut“ in der Obhut der Bundeszentrale für politische Bildung.Rupps: In der Obhut ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter an der Spitze der Bundeszentrale, des Bundestags-Hinterbänklers Martin Gerster und der SPD-Parteihistorikerin Petra Terhoeven. Man schiebt einander fröhlich Millionenprojekte zu, obwohl die SPD keine Volkspartei mehr ist. Lesen Sie auchWELT: 400.000 Euro hat allein ein Computerspiel über den Herbst 1977 gekostet, fast das Vierfache der virtuellen Onlineausstellung „landshut77.de“ des Hauses der Geschichte in Bonn. Wie kann es zu solchen Unverhältnismäßigkeiten kommen?Rupps: Petra Terhoeven und ein paar Historiker mehr wollten an dem Projekt eine neue, abstrakte, woke Museumsdidaktik ausprobieren – meiner Meinung nach zum persönlichen Ruhm. Strichzeichnungen statt Fotos und Bumm-Bumm, Computeranimationen statt Originalfotos. Das will doch kein Mensch sehen.Lesen Sie auchWELT: Sehen Sie noch eine Chance, das Scheitern des Gesamtprojekts zu verhindern?Rupps: Ja. Die Bundeszentrale übergibt das Wrack an das private Technik-Museum in Sinsheim-Speyer. Mitsamt dem vom Haushaltsausschuss des Bundestages genehmigten Betrag. Dort stehen schon eine Concorde und eine Tupolew Tu-144, genannt „Concordski“. Die kriegen hin, woran eine deutsche Behörde inzwischen scheitert. Alternativ könnte das auch beispielsweise das Henry Ford Museum of American Innovation in Dearborn (US-Bundesstaat Michigan). WELT: Und die Bundeszentrale für politische Bildung?Rupps: Die gehört völlig umgekrempelt. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus. Die Entführung der „Landshut“ verfolgte er schon als Grundschüler 1977 und den Umgang damit als Geschichtsjournalist seit 1997.






