PfadnavigationHomeGeschichteStreit um die „Landshut“„Ich habe einen Verdacht – es geht um politisches Ränkespiel von Linksaußen“Stand: 08:35 UhrLesedauer: 4 MinutenJürgen Schumann, der Kapitän der „Landshut“, und sein Co-Pilot Jürgen Vietor (r.) im Cockpit der 737 während der Entführung – das Foto machte der Anführer der TerroristenQuelle: Public DomainKnapp 49 Jahre nach der Entführung und Befreiung der Lufthansa-Boeing „Landshut“ ist neuer Streit um den Umgang mit dem historischen Flugzeug ausgebrochen. Jürgen Vietor, „Landshut“-Co-Pilot während der dramatischen Tage, redet Klartext.Für Verwunderung bis Empörung hat die Ankündigung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gesorgt, die geplante Ausstellung der 1977 entführten Lufthansa-Boeing „Landshut“ ab Oktober 2027 nur ein halbes Jahr zu öffnen. Für mehr reiche das Geld nicht, teilten die bpb-Chefs den früheren Geiseln schriftlich mit. Jürgen Vietor war während der Entführung der Co-Pilot der „Landshut“; sein Cockpit-Kollege Kapitän Jürgen Schumann wurde von den palästinensischen Terroristen ermordet. Vietor, Jahrgang 1942, flog nach der glücklichen Befreiung der Maschine durch die GSG 9 in Mogadischu noch viele Jahre als Kapitän für die Lufthansa. WELT: Im Herbst 2017 standen Sie neben der Transportmaschine, mit der die „Landshut“ aus Brasilien zurück nach Deutschland kam. Wissen Sie noch, was Sie damals hinsichtlich des weiteren Umgangs mit dem Flugzeug mit der einstigen Kennung D-ABCE gewünscht haben?Jürgen Vietor: Es ging vor allem darum, die „Landshut“ vor einer Verschrottung in Fortaleza zu bewahren. Die Flughafen-Gesellschaft „Fraport“ Frankfurt/Main hatte den Zuschlag erhalten, den Flughafen künftig zu betreiben, und wollte natürlich die dort herumstehenden Flugzeugwracks entfernen. Nach Zahlung der „Parkgebühren“ für die Zeit von 2008 bis 2017 konnte die Maschine zerlegt und nach Friedrichshafen überführt werden.WELT: Das klingt reichlich planlos …Lesen Sie auchVietor: Es gab zu dieser Zeit wohl wirklich keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Die Verantwortung für die „Landshut“ ging dann an die Kulturstaatsministerin Monika Grütters über, doch sie wollte „das Ding“ nur irgendwie loswerden. Obwohl sich der ehemalige Leiter des Dornier-Museums, David Dornier, sehr bemüht und Konzepte ausgearbeitet hat, die „Landshut“ ins Dornier-Museum zu integrieren, wurden ihm von vielen Seiten, insbesondere vom damaligen Oberbürgermeister von Friedrichshafen, Steine in den Weg gelegt, sodass er schließlich aufgab.Lesen Sie auchWELT: Und was wünschen Sie sich heute, nach der Ankündigung der bpb-Chefs?Vietor: Ich hoffe, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, was die Finanzierung angeht. Wozu wurden Millionenbeträge ausgegeben, um für sechs Monate eine Alibi-Ausstellung zu veranstalten? Aber ich habe einen anderen Verdacht: Es geht möglicherweise gar nicht um fehlende Finanzmittel, sondern um politisches Ränkespiel von Linksaußen. Sollte sich dies bewahrheiten, werde ich meine Mitarbeit als Zeitzeuge einstellen.WELT: Welche Bedeutung hat das originale Flugzeug für die ehemaligen Geiseln wie Sie?Lesen Sie auchVietor: Natürlich eine große Bedeutung! Es waren fünf extreme Tage, täglich mit dem Tod bedroht und mit dem ungewissen Schicksal weiterer Ermordungen durch die Entführer und dem technischen Zustand der Maschine. Noch nie hatte ein Flugzeug in der Zivilluftfahrt nach einer Notlandung im Geröll (neben der blockierten Piste am Flughafen Aden, die Red.) weiterfliegen müssen. Das war ein Experiment mit absolut unsicherem Ausgang. Kein Passagier und kein Besatzungsmitglied wird jemals die Angst und das Leid dieser dramatischen Tage vergessen. Und deshalb wäre es furchtbar, wenn die „Landshut“ nach den sechs Monaten Ausstellung verschrottet würde.WELT: Sie berichten als Zeitzeuge über die „Landshut“-Entführung. Wie ist Ihre Erfahrung – interessieren sich Menschen in Deutschland heute dafür?Vietor: Nach fast einem halben Jahrhundert mit vielen gravierenden Ereignissen – denken Sie nur einmal an die Covid-Pandemie! – haben wohl nur noch wenige Menschen eine Erinnerung an diese dramatischen Tage im Oktober 1977, eventuell sogar nur rudimentär. Das ist ihnen nicht zu verdenken. Wir Zeitzeugen besuchen gelegentlich, aber mit deutlich abnehmender Tendenz Schulen, wenn Geschichtslehrer das Thema „Deutscher Herbst“ auf der Agenda haben. Die Schüler haben sich meist gut in das Thema eingearbeitet und sind, zumindest in diesen zwei Stunden, sehr interessiert und wissbegierig.WELT: Falls sich die bpb nicht doch noch am Riemen reißt und die jetzt bekannt gegebene Entscheidung revidiert – was sollte dann aus der D-ABCE werden? Vietor: Ich kann Ihnen da keine Antwort geben, weil ich nicht in die Zukunft schauen kann. Und die Maschine irgendwo sinnlos abzustellen, bis sie von allein auseinanderfällt? Wahrscheinlich würde die „Landshut“ dann kannibalisiert oder verschrottet. In so einem Fall würde ich selbst gerne den Co-Pilotensitz erwerben.WELT: Düstere Aussichten...Vietor: ... aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Der „Deutsche Herbst“ hat jahrzehntelang die deutsche Geschichte geprägt. Vielleicht erinnern sich noch lebende Zeitgenossen einmal daran und retten, was noch zu retten ist!Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus. Die Entführung der „Landshut“ verfolgte er schon als Grundschüler 1977 und den Umgang mit der Erinnerung als Geschichtsjournalist seit 1997.
„Landshut“-Ausstellung: Ehemaliger Co-Pilot vermutet „politisches Ränkespiel von Linksaußen“ - WELT
Knapp 49 Jahre nach der Entführung und Befreiung der Lufthansa-Boeing „Landshut“ ist neuer Streit um den Umgang mit dem historischen Flugzeug ausgebrochen. Jürgen Vietor, „Landshut“-Co-Pilot während der dramatischen Tage, redet Klartext.







