Endlich Sommerferien – füllen wir sie nicht mit Aktivitäten und StrebsamkeitAnspruchsvoll ist nicht, das nächste Restaurant zu recherchieren oder die schönsten Fotos der Radtour zu schiessen. Anspruchsvoll ist, die eigene Rastlosigkeit zu erleben, aber nicht auszuleben.Jürg Müller12.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSo macht man Ferien!Jae C. Hong / AP«Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.» Das meinte einst der deutsche Entertainer Harald Juhnke. Für die anstehenden Ferien klingt das wie die perfekte Anleitung. Doch die Realität sieht oft anders aus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Viele betreiben ihre Ferien wie Hochleistungssport. Die Reiseroute ist durchgetaktet, Sehenswürdigkeiten und Restaurants werden laufend online recherchiert, verglichen und optimiert. Und wer abends in der App zu wenig Schritte zählt, fühlt sich als Versager.Der Ökonom John Maynard Keynes hätte sich darüber kaum gewundert. Wie an dieser Stelle kürzlich zu lesen war, lag er mit seiner Prognose der 15-Stunden-Woche weniger falsch, als es scheint: Über das ganze Leben gerechnet, hat sich unsere Arbeitszeit seit 1930 etwa halbiert. Doch Keynes sah in der gewonnenen Freizeit nicht einfach ein Geschenk, sondern vor allem eine Herausforderung.«Das permanente Problem der Menschheit»Keynes war überzeugt, dass die Menschen, sobald die ökonomischen Zwänge wegfielen, vor der schwierigen Aufgabe stehen würden, «weise, angenehm und gut zu leben». Der Umgang mit der gewonnenen Freizeit müsse gelernt werden. Sonst drohe geistige Orientierungslosigkeit – was er «das permanente Problem der Menschheit» nannte.Zu lange sei der Mensch wegen ökonomischer Notwendigkeiten aufs Streben dressiert worden, nicht auf Musse. Diese Dressur holt viele auch in den Ferien ein. Dahinter steckt eine gewisse ökonomische Logik. Werden wir dank neuen Technologien produktiver, erhöht sich unser Lohn pro Stunde. Das wirkt sich doppelt auf die Freizeit aus.Erstens können wir uns mehr leisten. Zweitens wird jede Stunde Freizeit wertvoller, weil wir wegen des höheren Stundenlohns auf mehr Einkommen verzichten – die Opportunitätskosten der Freizeit erhöhen sich. Beides erzeugt Druck: Das höhere Einkommen erweitert den Spielraum des Konsums, zugleich steigt der Anreiz, auch freie Zeit möglichst «produktiv» zu nutzen.Konkret heisst das oft: mehr Freizeitgeräte, enger getaktete Erlebnisse – und das Gefühl, ohne durchgeplante Ferien etwas verpasst zu haben. Diese Mechanik dürfte mit ein Grund sein, weshalb sich viele Menschen heute gehetzt fühlen, obwohl wir weniger arbeiten als noch vor hundert Jahren.Technologie bringt hier per se keine Abhilfe – im Gegenteil, wie die oben gezeigte Mechanik impliziert. Entsprechend dürfte die derzeit vieldiskutierte künstliche Intelligenz die (gefühlte) Überforderung sogar noch akzentuieren. Keynes’ Frage nach dem weisen Umgang mit der Zeit stellt sich drängender denn je.Diese Frage betrifft den Kern jeder einzelnen menschlichen Existenz. Entsprechend gibt es keine kollektive Antwort. Der richtige Umgang mit der eigenen Lebenszeit muss individuell gefunden werden. Doch woran könnte man sich orientieren? Juhnke liefert einen ersten Fixpunkt: keine Termine. Also die Freizeit bewusst offenhalten, ohne Absicht, ohne Ziel.Dass das schwerfällt, zeigt der zweite Teil seines Zitats. Denn «leicht einen sitzen» verrät: Stille und Nichtstun sind für viele schwer auszuhalten. Nur zu oft wird die aufkeimende Rastlosigkeit betäubt. Juhnke tat das mit Alkohol, im Übermass und mit schweren gesundheitlichen Folgen.Wo bleibt der innere Frieden?Doch die Mittel der Betäubung sind vielfältig. Eines davon ist ausgerechnet Betriebsamkeit selbst. Der Volksmund nennt das «Beschäftigungstherapie» – schon das Wort verrät, dass damit Feuer mit Feuer bekämpft wird. Und so sehnen sich viele ein halbes Jahr lang nach den Sommerferien – nur um sie spätestens nach ein paar Stunden am Strand mit derselben Geschäftigkeit zu füllen wie den Berufsalltag.Wer so verfährt, kehrt meist nur wenig erholt aus seinen Ferien zurück. Ein älterer Grieche sagte kürzlich bei einem Kaffee am Meer zum Autor dieser Zeilen: Die meisten Touristen könnten einfach nicht zufrieden sein. Ein Wort, das es in sich hat: zufrieden – den inneren Frieden haben. Diesen Frieden kann nur finden, wer die eigene Unruhe nicht betäubt, sondern ihr standhält, sie konfrontiert und so überwindet.Die Sommerferien bieten dafür das perfekte Übungsfeld. Anspruchsvoll ist nicht, das nächste Restaurant zu recherchieren oder die schönsten Fotos der Radtour zu schiessen. Anspruchsvoll ist, einfach einmal nichts zu tun: die eigene Rastlosigkeit zu erleben, aber nicht auszuleben. Die Kunst des leeren Nachmittags besteht also darin, ihn nicht mit Tätigkeiten und Strebsamkeit, sondern mit sich selbst zu füllen. Also die freie Zeit nicht zu nutzen, sondern einfach in ihr zu sein.Wem das gelingt, der nimmt diese Musse bestenfalls mit in den Alltag – und leistet damit einen kleinen Beitrag zur Lösung von Keynes’ permanentem Problem der Menschheit.Jürg Müller ist Direktor des Think-Tanks Avenir Suisse.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel