Kai Wegners Rückzug besiegelt das Ende eines bürgerlichen Experiments im historisch linken BerlinKonservative taten sich lange Zeit schwer in der deutschen Hauptstadt. Das dürfte ab der Wahl im September wieder der Fall sein.Armin Arbeiter, Berlin11.07.2026, 16.41 Uhr5 LeseminutenBerlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) erklärte am Freitag, bei der Wahl im September nicht mehr anzutreten.Lisi Niesner / ReutersAls Kai Wegner vor etwas mehr als drei Jahren als erster CDU-Politiker seit Jahrzehnten das Rote Rathaus von Berlin eroberte, galt das vielen Konservativen als Hoffnungsschimmer: Wenn selbst eine Stadt wie Berlin bürgerlich werden kann, könne sich auch Deutschland verändern. Jetzt, wenige Wochen vor der nächsten Berlin-Wahl, sind diese Hoffnungen zertrümmert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wegner kündigte am Freitag an, nicht mehr für das Amt des Regierenden Bürgermeisters zu kandidieren. All das, nachdem bekannt geworden war, dass er während des Berliner Stromausfalls im Januar den Eindruck erweckt hatte, die Krise durchgehend von zu Hause aus koordiniert zu haben. Das stellte sich als unwahr heraus. Er hatte sich nicht mit den Behörden koordiniert und stattdessen später Tennis gespielt, während mutmasslich Linksextreme die Stromversorgung für mehr als 100 000 Menschen gekappt hatten.Die ohnehin in Umfragen führende Linkspartei kann sich Chancen ausrechnen, den Bürgermeisterposten zu erobern: 20 Prozent der Berliner Wähler würden dieser Partei ihre Stimme geben, 19 Prozent den Grünen. Mit 13 Prozent für die SPD ergäbe das eine satte Mehrheit für eine Linksregierung. Die CDU liegt in Umfragen bei 17 Prozent, elf Prozentpunkte weniger als bei der Wahl 2023.Vieles deutet darauf hin, dass Wegners Zeit als Regierender Bürgermeister nur ein bürgerliches Interregnum war – in einer Stadt, die historisch betrachtet besonders links ist.Chaos in der VerwaltungIns Amt gebracht hatten ihn 2023 unter anderem die Probleme der damaligen rot-grün-roten Stadtregierung. Der Urnengang selbst war eine Wiederholung der Wahl von 2021: Das Berliner Verfassungsgericht hatte sie wegen gravierender Mängel für ungültig erklärt, da es eine beispiellose Häufung organisatorischer Wahlfehler wie etwa falsche oder fehlende Stimmzettel gegeben hatte. Vor der Wahl 2023 waren 67 Prozent mit der Arbeit des rot-grün-roten Senats unzufrieden.Dass die Regierung nicht einmal eine reguläre Abstimmung ordnungsgemäss organisieren konnte, ging vielen Wählern zu weit. Hinzu kamen lange Wartezeiten in Bürgerämtern, marode Schulen, schleppender Wohnungsbau, eine zunehmende Verelendung der Stadt.Wegner versprach, diesen Missständen den Kampf anzusagen. Dabei agierte er nicht als Law-and-Order-Mann, sondern setzte sich als Vertreter des weltoffenen CDU-Flügels in Szene. Etwa mit Auftritten beim Christopher Street Day. Tatsächlich gelang es ihm, eine längst überfällige Verwaltungsreform durchzusetzen, die Polizei zu stärken sowie die heillos chaotischen Bürgerämter wieder auf Vordermann zu bringen. Einen zeitgerechten Termin zu bekommen, um etwa einen neuen Wohnsitz anzumelden, galt als schier unmöglich. Mittlerweile funktioniert das rasch.Doch viele andere grosse und drängende Herausforderungen, darunter mangelnde Integrationsbemühungen, steigende Clan- und Drogenkriminalität sowie ein massives Müllproblem, konnte er nicht meistern. Derzeit sind 78 Prozent der Berliner mit der Arbeit des schwarz-roten Senats unzufrieden.Steigende SchuldenZudem lebte und lebt Berlin von hohen Subventionen sowie dem sogenannten Länderfinanzausgleich. Dieser ist ein Umverteilungssystem, bei dem finanzstarke Bundesländer über die Verteilung von Steuereinnahmen ärmere Länder mitfinanzieren. Im vergangenen Jahr waren das für Berlin 4,2 Milliarden Euro und somit rund ein Zehntel des Budgets der Stadtregierung.Dennoch ist die Stadt notorisch verschuldet. Laut Berliner Rechnungshof steigt der Schuldenberg von zurzeit 66,4 auf 84 Milliarden Euro bis 2029, so sich nichts an Verwaltung und Politik ändert. Im Jahresbericht 2025 bemängelt die Prüfbehörde die intransparente Finanzpolitik durch massenhafte Haushaltssperren.Das sind Ausgaben, die das Abgeordnetenhaus zwar bewilligt hat, die der Senat aber vorübergehend blockiert. Grundsätzlich ist es nicht ungewöhnlich, eine solche einzusetzen, um auf Budgetkurs zu bleiben. In Berlin habe man das jedoch so oft angewendet, dass der Rechnungshof die Glaubwürdigkeit des Haushaltsplans in Gefahr sieht.Der Rechnungshof kritisiert, dass dieses Instrument so häufig eingesetzt wird, dass der tatsächliche finanzielle Spielraum des Landes kaum noch nachvollziehbar ist. Zudem kritisiert der Rechnungshof die rechtswidrige Verwendung von Rücklagen zur Deckung von Defiziten. Neben der prekären Haushaltslage dokumentiert der Bericht schwerwiegende organisatorische Mängel in der Verwaltung, etwa beim Katastrophenschutz.Für die Finanzen Berlins ist derzeit der Unionspolitiker Stefan Evers verantwortlich. Er wird es auch sein, der nach der Wahl im September Wegner als CDU-Chef nachfolgen dürfte. Der 46-jährige Jurist gehört seit fünfzehn Jahren dem Berliner Abgeordnetenhaus an, war Generalsekretär und parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion und gilt als ein profunder Kenner des Berliner Politikbetriebs.Er will dafür sorgen, dass Genehmigungen schneller erteilt werden, die Stadt den Haushalt besser im Griff behält und die Voraussetzungen schafft, damit private Investitionen und wirtschaftliches Wachstum wieder möglich werden. Dass er allerdings so knapp vor der Wahl das Ruder herumreisst, ist unwahrscheinlich. Sollten die aktuellen Umfragen zutreffen, wird es wohl eher ein Gang in die Opposition, gemeinsam mit der AfD, die von den Problemen der Stadt profitieren konnte und derzeit mit 18 Prozent auf Rang drei liegt.Zwischen Bund und Stadt droht StreitAb September könnte im Roten Rathaus mit Elif Eralp erstmalig eine Regierende Bürgermeisterin der Linkspartei sitzen. Ihr Programm ist klar: Kaum eine andere Partei macht die steigenden Mieten, Lebenshaltungskosten und die soziale Ungleichheit so sehr zu ihrem Wahlkampfthema. Der Staat soll eine noch stärkere Rolle einnehmen, Wirtschaftswachstum oder eine schlankere Verwaltung spielen hingegen keine Rolle.Im Mittelpunkt steht der Wohnungsmarkt. Eralp fordert einen Mietenstopp für die landeseigenen Wohnungen, einen massiven Ausbau kommunaler Wohnungsbestände und die Umsetzung eines Volksentscheids von 2021 zur Vergesellschaftung grosser Immobilienkonzerne. Private Eigentümer sollen damit dauerhaft an Einfluss verlieren, öffentliche Wohnungsunternehmen hingegen zu den dominierenden Akteuren auf dem Berliner Markt werden.In Reaktion darauf hat die deutsche Bundesregierung unlängst ein Gesetz angekündigt, das Enteignungen von Wohnungsbaugesellschaften verbieten soll. Im Falle eines Sieges der Linkspartei sind also Verstimmungen zwischen Bund und Hauptstadt vorprogrammiert.Kritiker sehen in den Wahlkampfthemen der Linken weniger eine Lösung als eine Verlagerung der Probleme. Die Ursachen der Berliner Wohnungskrise – langwierige Genehmigungsverfahren, zu wenig Neubau, steigende Baukosten und jahrelang unterbliebene Investitionen – würden dadurch kaum beseitigt.Eingriffe wie Mietobergrenzen oder Enteignungen könnten laut den Kritikern private Investoren zusätzlich abschrecken und den dringend benötigten Wohnungsbau weiter bremsen. Auch der erhebliche Finanzbedarf werfe im Hinblick auf die ohnehin schon massive Verschuldung der Stadt Fragen auf.Doch neue Schulden sind aus Sicht der Linkspartei das geringere Übel. CDU und SPD würden Berlin «kaputtsparen», so klingt es in ihrem Wahlkampfprogramm. Und vieles spricht dafür, dass Berlin so bleibt, wie man es schon lange kennt.Passend zum Artikel
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Konservative taten sich lange Zeit schwer in der deutschen Hauptstadt. Das dürfte ab der Wahl im September wieder der Fall sein.










