In Los Angeles, das ja nicht nur die Stadt der Engel ist, sondern auch die der Stars, war Star-Spotting ein beliebtes Beiprogramm dieser Weltmeisterschaft. Auch am Freitag wurde in dem Stadion, das streng genommen in Inglewood steht und selbst ein architektonischer Star der WM ist, alle paar Minuten ein Promi eingeblendet: unter anderen Brad Pitt, Noel Gallagher (mit seinem Sohn, der unschwer als solcher zu erkennen war), Courtney Love und mindestens ein halbes Dutzend weitere.Insofern lag es vielleicht nahe, am Ende der 90 Minuten zwischen Spanien und Belgien einfach da weiterzumachen. Zu sehen war nun: Lamine Yamal, der größte Star des Europameisters, in seiner Rolle als Man Of The Match dieses Viertelfinals.Oder, wenngleich weniger spektakulär, Fabián, der für Pedri in die Startelf gerückt war und Spanien in Führung gebracht hatte (30.). Yamal jedenfalls war am Freitagmittag im Stadion von Inglewood eher in einer anderen Rolle zu beobachten: der des Stars, der noch auf der Suche nach sich selbst ist.Ein vorweggenommenes Finale?Was auch deshalb noch eine spannende Geschichte dieser Weltmeisterschaft werden dürfte, weil es jetzt für die Spanier gegen die Mannschaften geht, deren Stars diese WM prägen. Wenn nun am Dienstag im Halbfinale in Dallas Frankreich der Gegner ist, dann ist das nicht nur in technischer Sicht ein „Finale vor dem Finale“, wie Trainer Luis de la Fuente das sagte, sondern für manche auch ein vorweggenommenes.„Für mich sind wir die beiden besten Nationalmannschaften dieser Weltmeisterschaft“, sagte Yamal über das Duell, das obendrein ein Clash zweier Stile ist. Und eine Frage dabei lautet: Ob der spanische Kollektivstil nicht auch einen bräuchte, der noch ein bisschen mehr heraussticht. Wie Erling Haaland, wie Harry Kane oder eben: wie Kylian Mbappé.Wenn man einen Unterschied sucht zwischen der aktuellen spanischen Mannschaft und der, die vor zwei Jahren in Deutschland Europameister wurde und im Halbfinale Frankreich ausschaltete, unter anderem mit einem Tor von Yamal, dann ist es am ehesten dieser: Dass die Bedrohung noch nicht wieder im selben Maße von den Flügeln kommt.Yamal ist nach einer Muskelverletzung im Oberschenkel so eben noch rechtzeitig fit geworden, bislang hat er ein Tor erzielt, Nico Williams war monatelang ausgefallen, im letzten Gruppenspiel gegen Uruguay wurde er ausgesprochen böse gefoult, gegen Belgien kam er erst in der 79. Minute ins Spiel.Die Belgier in Atem gehaltenBei Yamal ist es vielleicht auch eine Frage der Perspektive. Man muss schon aufzählen, was er alles unternommen hat, um die belgischen Fesseln zu sprengen. Er ist immer wieder nach innen gezogen, um mit seinem starken linken Fuß in Position zu kommen, er hat es, mit seinem Tempo, auch über außen versucht, er hat getrickst, gepasst und ein paar Mal auch ganz aussichtsreich geschossen.Er hat damit die Belgier in Atem gehalten, nicht nur seinen unmittelbaren Gegenspieler von Beginn an, Maxim de Cuyper, sondern auch Jeremy Doku, der weite Wege nach hinten machte, und dann Joaquin Seys, der für de Cuyper kam. Und er hat, nicht zuletzt, auch das Führungstor eingeleitet, mit einem Pass in die Tiefe, auf den überholenden Rechtsverteidiger Pedro Porro.Was darf man von einem bald 19-Jährigen erwarten?Bei alledem konnte man aber auch den Eindruck haben, dass ziemlich oft, wenn er etwas versuchte, auch etwas nicht stimmte. Mal war es das Timing, mal die Entscheidungsfindung, sogar der eine oder andere technische Fehler war zu sehen. Gegen Ende wirkten die Versuche immer intensiver, aber auch verkrampfter. „Solange wir Weltmeister werden, wird hier in diesem Raum wohl niemand zu mir sagen: Du hast nicht getroffen“, sagte Yamal.Die Frage ist schon auch: Was kann, was darf man erwarten von einem der – daran muss man ja immer wieder erinnern – gerade einmal 18 Jahre alt ist? Yamal wird am Montag, dem Tag vor dem Halbfinale, 19. Die spanische Legende Xavi hat das gerade so formuliert: Er sehe in Lamine Yamal etwas, das man in diesem Alter vorher nur bei Lionel Messi, Diego Maradona, Pelé und vielleicht Cristiano Ronaldo gesehen habe, schrieb er in seiner Kolumne für „The Athletic“, Yamal könne, bei entsprechender Professionalität, der „beste Spieler seiner Generation“ werden, einer, dem „die nächsten 15 bis 20 Jahre“ gehören.Mikrostrukturen im MakroplanAber die Spanier bräuchten das Außergewöhnliche womöglich schon jetzt. Es war gegen Belgien immer noch faszinierend, ihnen zuzusehen: Wie es nicht nur einen Makroplan gibt, ein Positionsspiel, das sich auf einem anderen Level als bei allen anderen Mannschaften dieser WM bewegt, in dem jeder weiß, wo er zu sein hat. Und in dem sich daraus jederzeit und überall auch Mikrostrukturen bilden können, Dreier- oder Viererkonstellationen, die blitzschnell etwas in Bewegung bringen können.Aber um wirklich wie ein kommender Weltmeister auszusehen und nicht nur wie eine Mannschaft, die es – vielleicht – werden könnte, fehlte gerade in den vergangenen beiden Partien noch etwas. Gegen Belgien brauchte es sogar ein Tor, das auf denkbar unspanische Weise fiel: Pau Cubarsi, der aufgerückte Innenverteidiger, schoss aus rund 25 Metern, und wenn Thibaut Courtois noch im belgischen Tor gestanden hätte, wäre die Sache damit vermutlich erledigt gewesen.Doch Courtois war in der 71. Minute wegen Oberschenkelproblemen ausgewechselt worden, nicht ganz freiwillig, wie er später erzählte, sein Ersatzmann Senne Lammens jedenfalls ließ den Ball nach vorne prallen, und Merino war zur Stelle – „San Merino“, wie die „Mundo Deportivo“ schrieb, der heilige Merino.Belgiens Trainer Rudi Garcia sprach später nicht nur über diese unglückliche Konstellation. Er hatte Kevin de Bruyne anders als geplant auswechseln müssen, ohnehin fehlte die komplette erste Mittelfeldzentrale mit Amadou Onana (Kreuzbandriss aus dem USA-Spiel) und Youri Tielemans (beim Aufwärmen verletzt), und trotzdem gab es Momente, in denen die Belgier dem ersten spanischen Gegentreffer bei diesem Turnier, dem 1:1 durch Charles de Ketelaere (41.), noch einen weiteren hätten folgen lassen können.Für den spanischen Torwart und Rekordhalter Unai Simón war es das erste WM-Gegentor nach 649 Minuten. Die Sterne hätten nicht günstig für seine Belgier gestanden, sagte Garcia, jedenfalls in der Übersetzung. Für die Spanier geht es darum, ihre noch ein bisschen besser zum Leuchten zu bringen.