Lamine Yamal schoss den Ball und traf. Yamals Vater jubelte, der kleine Yamal jubelte, und sogar drei saudische Fans, die gerade über die Wiese vor dem Stadion in Atlanta schlenderten, freuten sich in ihren grünen Trikots mit dem Falken. Der kleine Yamal erschrak ob des plötzlichen Aufschreis der fremden Männer, auch wenn die es doch nur lieb gemeint hatten. Ein paar Meter weiter feierten fünf bis sechs Yamals den spanischen 4:0-Sieg gegen Saudi-Arabien bei der Fußball-Weltmeisterschaft noch über eine Stunde später mit lauten „Olé“-Gesängen. Auf einer anderen Wiese sah man beim Kinderkick auch noch Yamal im Barcelona-Trikot, während über der Szenerie auf einer riesigen digitalen Leinwand ein Bild Yamals für ein Bekleidungsunternehmen mit dem patriotischen Namen „American Eagle“ warb.Lamine Yamal war am Sonntag überall, und jeder wollte Lamine Yamal sein. Auf dem Weg zum Stadion musste man die Spanien-Trikots aktiv suchen, die nicht mit der Nummer 19 beflockt waren. Ein paar „17“-er mit „Williams Jr“ für Nico Williams gingen langsam Richtung Eingangstore. Der Rest war zu vernachlässigen. Das Trikotverhältnis übersetzte sich dann in Dezibelzahlen, als Yamals Name vor der Partie verlesen wurde. Das Publikum jubelte wie bei einem Tor, und es jubelte noch lauter, als Lamine Yamal nach elf Minuten ein echtes Tor erzielte, den ersten Treffer Spaniens bei dieser WM. Nachdem die Mannschaft zuvor – ohne Yamal in der Startelf – gegen die Kapverden noch auf eine in der Heimat als schmachvoll empfundene Art und Weise torlos geblieben war.Spanien bei der Fußball-WM:Der Erlöser liefertNach dem zähen 0:0 gegen die Kapverden spielt Spanien beim 4:0 gegen Saudi-Arabien wie unter Strom gesetzt. Das liegt an den Wechseln in der Startelf – und vor allem an Lamine Yamal.Das Tor wird den Hype um Yamal, der nicht erst jetzt entsteht, sondern ohnehin existiert, weiter verstärken. Aber nicht nur dieser Treffer. Zu offensichtlich war, dass der immer noch erst 18-Jährige den Spaniern im ersten Spiel gegen die Kapverden massiv gefehlt hatte. Nach einer schweren Muskelverletzung im Oberschenkel war er gerade so rechtzeitig fit für die WM geworden, gegen die Kapverden reichte es zu einer Einwechslung, der Startelfeinsatz gegen Saudi-Arabien war sein erster seit April.Spanien spielte direkt alle Bälle zu ihm, damit er das so müde spanische Spiel doch bitte anzünden möge. Und er legte Feuer. Er dribbelte, sprintete, schuf Chaos. Kapitän Rodri hatte in einer bezeichnenden Szene die Möglichkeit, die freien stehenden Marc Cucurella und Alex Baena auf der linken Seite anzuspielen. Er trat aber lieber auf den Ball, drehte sich um und schlug einen langen Pass nach rechts auf Yamal. Nach elf Minuten grätschte der von seinen Mitspielern Gesuchte dann einen scharfen Querpass von Mikel Oyarzabal über die Torlinie.Nach 24 Minuten führte Spanien schon 3:0„Das ist etwas ganz Besonderes. Ich habe immer davon geträumt, bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein“, sagte er später. Er bejubelte seinen Treffer wie so oft, indem er mit seinen Fingern eine 304 zeigte – die letzten Ziffern der Postleitzahl seiner Heimat Rocafonda, eines Viertels in der katalanischen Stadt Mataró. Nach 24 Minuten führte Spanien schon 3:0. Der gegen die Kapverden zuvor 30 Minuten ballkontaktlose Oyarzabal hatte doppelt erhöht. Ein von Cucurella initiiertes Eigentor setzte den Schlusspunkt. Kuriose Statistik: Spanien ist bei der WM erst dreimal gefoult worden: einmal von den Kapverden, nun gleich zweimal von Saudi-Arabien. Nach 45 Minuten war für Yamal bereits Schluss, Nationaltrainer Luis de la Fuente nahm ihn raus, Schonung. Er braucht ihn noch.Spaniens Lamine Yamal:Von Messi gesegnet Mit einem Traumtor leitet der 16-jährige Lamine Yamal Spaniens Halbfinalsieg gegen Frankreich ein. Er ist nun der jüngste EM-Torschütze der Geschichte – und hat durch seinen Kunstschuss nebenbei noch eine kleine Rechnung beglichen.Zur Wahrheit gehört, dass es nicht Yamal allein war, der Spanien revitalisierte. De la Fuente hatte seine Startelf im Vergleich zum Auftaktspiel auf drei weiteren Positionen umgebaut. Dani Olmo, Alex Baena und Pedro Porro rückten in die Mannschaft und gaben dem Europameister die Schärfe zurück, die ihn zum Europameister gemacht hatte. Auch der trübe Auftritt im ersten Spiel, so berichteten es später mehrere Spieler, habe ihnen zusätzliche Motivation zur Verbesserung gegeben.Und es kommt natürlich auch bei anderen Mannschaften vor, dass sich viel Aufmerksamkeit auf einen Spieler richtet. Zu einer Partie Portugals bei der WM in Katar kamen mal, dem Augenschein nach, mehr Menschen im Ronaldo- als im Portugal-Trikot. Aber bei der spanischen Nationalmannschaft ist es ein neues Phänomen: Sie definierte sich gerade in ihrer großen Zeit von 2008 bis 2012 stark über das Kollektiv. Damals regierten Xavi Hernández, Andrés Iniesta, Sergio Busquets und Xabi Alonso das Mittelfeld, vorn schossen Fernando Torres und David Villa die Tore, aber sie vollendeten mehr die Kunst der Regisseure. Beim EM-Titel vor zwei Jahren spielte sich Rodri zum Weltfußballer; Yamal, damals 16 Jahre alt, teilte sich das Scheinwerferlicht noch mit Nico Williams.Yamal sei ab jetzt bereit für 90 Minuten, sagt Trainer De la FuenteDas ist vorbei. Williams spielte nach einer von Verletzungen durchzogenen Saison bei Athletic Bilbao auch gegen Saudi-Arabien nur ein paar Minuten. Und Yamal hat in Barcelona eine Saison hinter sich, die die Fans dazu veranlasste, seine Trikots in Lastwagenmengen zu kaufen. Er kommt auf 42 Torbeteiligungen in 45 Spielen – er garantiert also gewissermaßen einen Treffer pro Partie. Auch außerhalb des Platzes agiert er sichtbarer. Bei der Meisterfeier Barcelonas schwenkte er eine palästinensische Flagge und holte sich dafür einen (vorsichtigen) Rüffel von Trainer Hansi Flick ab, der mit politischen Aktionen von Fußballern keine guten Erfahrungen gemacht hat. Als Fans bei einem Testspiel der Spanier im März islamfeindliche Sprechchöre gegen ägyptische Spieler angestimmt hatten, sagte Yamal, er fühle sich als Muslim respektlos behandelt, die Gesänge seien unerträglich. Ach ja, und eine, nun ja, ähm, aufsehenerregende Party zu seinem 18. Geburtstag schmiss er auch noch.Auch De la Fuente wählte für seinen Spieler stets große Vergleiche. Yamal sei „vom Zauberstab Gottes berührt“, sagte er einmal. Spieler wie er seien Genies wie „Dalí oder Michelangelo“, erklärte der Nationaltrainer direkt vor dem Spiel gegen Saudi-Arabien. „Sie sind anders. Sie fühlen sich im Extremen wohl. Was wir für außergewöhnlich halten, ist für sie normal.“ Ab jetzt sei Yamal übrigens in der Verfassung, ganze Spiele zu bestreiten, sagte De la Fuente.Für Spanien ist das die bestmögliche Nachricht. Im abschließenden Spiel gegen Uruguay geht es um den Gruppensieg. Den sollte das Team sich aus Eigeninteresse tunlichst sichern, denn als Gruppenzweiter würde es auf den Sieger der Gruppe J treffen. Das dürfte – vorbehaltlich eines narrisch machenden Wunders der Österreicher – Argentinien sein. Und von Lionel Messi gibt es definitiv noch mehr Trikots als von Lamine Yamal.
Lamine Yamal bei der WM 2026: Alle Bälle und alle Augen auf ihn
Selten zog bei einer spanischen Nationalmannschaft jemand so sehr den Fokus auf sich wie Lamine Yamal.















