Eleganz bis in die Details – so begeistert Spanien an diesem TurnierDie Iberer erdrücken Belgien und stehen im Halbfinal. Dort kommt es gegen Frankreich zum Duell der beiden derzeit besten europäischen Teams.11.07.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenSelbst in der Mittagshitze von Los Angeles blieb Luis de la Fuente seiner Linie treu. Zum Viertelfinal gegen Belgien erschien der spanische Nationaltrainer erneut in makellos­er Garderobe: Anzug, Hemd, Krawatte. Zwar tauschte der 65-Jährige in der Vorrunde einmal zur Halbzeit sein Hemd gegen ein Poloshirt und legte auch am Freitag nach einiger Zeit die Krawatte ab. Dennoch zählt er zu den elegantesten Figuren an der Seitenlinie dieses Turniers.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit seinem ausgeprägten Stilbewusstsein führt de la Fuente seinen Spielern gewissermassen vor Augen, dass es im spanischen Fussball um mehr geht als einzig um das Resultat. Diese Haltung spiegelt sich genauso bei seiner Mannschaft wider. Ungeachtet des Gegners pflegen die Spieler ihren kultivierten Ballbesitzfussball, der – ganz wie die Kleiderwahl des Trainers – auch bei diesem Turnier nicht aus der Mode gekommen ist.Mit dem 2:1 gegen Belgien haben die Spanier den Halbfinal dieser Weltmeisterschaft erreicht. Am Dienstag treffen sie in Dallas auf Frankreich. Es ist jenes Spitzenduell, das sich der Weltfussballverband bereits vor der Auslosung erhofft hatte, als er kurzerhand eine Setzliste einführte, die verhindern sollte, dass die bestklassierten Nationen der Weltrangliste bereits frühzeitig aufeinandertreffen.Spanien gesteht den Gegnern kaum Torchancen zuZusätzliche Brisanz erhält die Partie durch die jüngsten Aussagen von Lamine Yamal im futuristischen Los-Angeles-Stadion mit seiner an der Dachkonstruktion aufgehängten 360-Grad-Videoleinwand, der erklärte, es sei sein Spanien, das Frankreich als Konkurrenten am meisten «fürchte».Genährt wird die Rivalität durch die vergangenen zwei Pflichtspiele, die jeweils die Iberer gewannen: den EM-Halbfinal 2024 (2:1) auf dem Weg zum Titel sowie den grandiosen Nations-League-Halbfinal 2025 (5:4). Dabei verfolgt Yamal ein persönliches Ziel: Er will Weltfussballer werden. Letztmals wurde jedoch dem Franzosen Ousmane Dembélé der Ballon d’Or zugetragen.Während Dembélé, Mbappé und Co. bislang eine der treffsichersten Offensivreihen dieses Turniers stellen (16 Tore in 6 Spielen), verfügen die Spanier über die stabilste Defensive. Lediglich ein Gegentor mussten sie hinnehmen – durch den belgischen Stürmer Charles De Ketelaere in der 41. Minute, was beinahe schon Nachrichtenwert erlangte.Diese Bilanz gründet darauf, dass die Spanier ihren Gegnern kaum Torchancen zugestehen. Belgien traf quasi mit der ersten Möglichkeit. Die Spanier haben den Ball in ihrem geduldigen Kombinationsspiel, das der vor zwei Jahren zum Weltfussballer ausgewählte Rodrigo im Zentrum dirigiert, nahezu monopolisiert. Geht er doch verloren, wird das eigene Tor mit der Hartnäckigkeit von Matadoren verteidigt.Die Viererkette, darunter die hoch einzustufenden Aussenverteidiger Pedro Porro und Marc Cucurella, bildet ein stabiles Gerüst. Vor allem aber ist es die defensive Unterstützung der Vorderleute, die derzeit an die glorreichen Titel der Spanier bei der EM 2008 und der WM 2010 erinnert.Ähnlich wie die Franzosen sind die Spanier ihrer Favoritenrolle in diesem Turnier gerecht geworden. In der K.-o.-Phase setzten sie sich nacheinander gegen Österreich (3:0), Portugal (1:0) und Belgien durch – wenngleich die Erfolge gegen die letztgenannten Kontrahenten faktisch erst spät besiegelt wurden. Jeweils durch Tore des eingewechselten Mikel Merino: gegen Portugal in der Nachspielzeit, gegen Belgien in der 88. Minute.In Europa hat sich der Torinstinkt des Mittelfeld-Allrounders bereits seit der EM 2024 herumgesprochen, als er kurz vor Ende der Verlängerung im Viertelfinal den Gastgeber Deutschland mit seinem Siegtor ausschaltete. Am Freitag half dem Profi des Arsenal FC ein schwerer Fehler des belgischen Ersatztorhüters Senne Lammens. Dieser liess einen Schuss vor die Füsse Merinos prallen. Zuvor war er für den verletzt ausgewechselten Thibaut Cou­rtois eingesprungen, der herausragend pariert hatte und nur bei der spanischen Führung von Fabián Ruiz nach einer halben Stunde machtlos war.Die Unterlegenheit seines Teams gestand Belgiens Trainer Rudi Garcia fair ein. Vielmehr bewunderte der Franzose die Kadertiefe des Gegners. Sie war einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den Mannschaften. Die Spanier konnten in der zweiten Halbzeit personell nachlegen. Demgegenüber schienen die stark ersatzgeschwächt angetretenen Belgier, bei denen nach dem Aufwärmen vor der Partie Captain Youri Tielemans angeschlagen passen musste, kontinuierlich an Kraft zu verlieren.Routiniers wie Kevin De Bruyne, Axel Witsel oder Romelu Lukaku können mit inzwischen weit über 30 Jahren das Tempo des Spitzenfussballs nicht mehr über die gesamte Zeit gehen. Sollte ihre jeweils vierte WM die letzte gewesen sein, ist der Viertelfinal ein versöhnliches Ende – selbst für sie als Teil der goldenen Generation, die den erhofften ersten grossen Titel für das Land nie erringen konnte.Mit europäischen Teams tun sich die Spanier leichterBei den Spaniern fällt auf, dass sie sich offenbar mit den bereits bekannten europäischen Gegnern leichter taten als in der Vorrunde, als es noch mühevolle Auftritte gegen aus anderen Konföderationen Stammende gab: Kap Verde (0:0) und Uruguay (1:0). Dies schien insbesondere mit der Athletik und Aggressivität jener Widersacher zusammenzuhängen, die dem Spiel der Spanier traditionell weniger entgegenkommen.Allerdings dürfte sie nun ein ähnlich durchsetzungsstarkes Team mit Frankreich erwarten. Zumal die Franzosen gewiss auf Revanche aus sind. Sie kennen die Eigenschaften der spanischen Mannschaft, die sich personell unter dem seit Januar 2023 amtierenden de la Fuente kaum verändert hat, nur zu gut. Dazu gehört auch die beeindruckende Statistik, wonach de la Fuente mittlerweile seine ersten 13 Welt- und Europameisterschaftsspiele ohne Niederlage bestritten hat – einen solchen Einstand konnte noch kein Trainer vorweisen.Das lässt die Spanier daran glauben, dass sie womöglich eine weitere historische Glanztat vollbringen können. Sollten die spanischen Männer wie jüngst die Frauen Weltmeister werden, würde das Land als erstes überhaupt beide Titel gleichzeitig vereinen.Das Rendez-vous mit Frankreich sei ein «Final vor dem Final», sagte Luis de la Fuente und fügte an, der Ausgang sei völlig offen, denn beide Mannschaften hätten unterschiedliche Spielweisen. Für das Auftreten der zwei Trainer gilt das eher nicht. Auch Frankreichs Didier Deschamps erscheint an Spieltagen im tadellosen Anzug.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»