Ein Ort der Wache für die Toten – das Lost Shtetl Museum in Litauen öffnet die Fenster zur verlorenen jüdischen WeltSpektakuläre architektonische Inszenierung vor idyllischer ländlicher Kulisse: Ein neues Museum im Baltikum beleuchtet die Geschichte des jiddischen Schtetls am Beispiel der litauischen Kleinstadt Scheduva.Judith Leister11.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenErinnerung und Erforschung: das 2025 eröffnete Lost Shtetl Museum in Scheduva,Liucija K.Nachdem Sergei Kanowitsch 2015 mit seiner NGO Maceva (Hebräisch für «Grabstein») den jüdischen Friedhof von Scheduva dokumentiert hatte, trieb ihn eine Sorge um. Der Sohn des angesehenen litauisch-jüdischen Schriftstellers Grigori Kanowitsch und Experte für das Kulturerbe der Litwaks, der litauischen Juden, fragte sich, wie wohl die Zukunft des abgelegenen Friedhofs, der zwei Stunden nordwestlich der litauischen Hauptstadt Vilnius liegt, aussehen würde. Er fürchtete ein «totes» Areal, von aller Welt verlassen. So begann Kanowitsch, von einem Museum zu träumen, das eine Art «Wächter» für den Friedhof sein könnte und noch dazu die Geschichte des Ortes erzählt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zehn Jahre später ist dieses Museum Realität geworden. Mit Unterstützung der privaten Stiftung eines Nachfahren von Juden aus Scheduva öffnete im September 2025 das Lost Shtetl Museum, ein atemberaubender Neubau des finnischen Architekten Rainer Mahlamäki, seine Pforten. Mahlamäki hat bereits 2013 beim POLIN-Museum für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau die Qualität seiner Arbeit unter Beweis gestellt. Das Museum in Scheduva erhebt sich als Ensemble aus einer Gebäudegruppe mit Satteldächern aus den umgebenden Feldern und erinnert an ein traditionelles Dorf. Die Aussenhülle aus Aluminiumschindeln, die bei wechselnden Lichtverhältnissen heller oder dunkler werden, verleiht ihm jedoch etwas Unwirkliches, Geisterhaftes.Es gibt Hunderte von Erinnerungsobjekten, doch Modelle und virtuelle Präsentationen nehmen einen grossen Raum ein.Liucija K.Verstehen, wie sie gelebt habenKanowitsch, der Visionär, ist derweil längst von Bord. Bereits im Januar 2025 verliess der Gründer und CEO das Museumskuratorium wegen «unüberbrückbarer und grundlegender Differenzen in der Vision und Haltung». Er monierte, die Ausstellung sei kurzfristig und gegen seinen Widerstand verändert worden. Gegenüber der israelischen Zeitung «Haaretz» erklärte er im Februar 2026, dass der Antisemitismus der «Litauischen Aktivistenfront» und der von ihr ausgerufenen kurzlebigen «Provisorischen Regierung Litauens» während der deutschen Okkupation im Museum heruntergespielt werde. Neben anderen Verzerrungen werde die litauische NS-Kollaboration insgesamt verharmlost. Dabei zieht Kanowitsch, der dem Lost Shtetl Museum ostentativ «alles Gute» wünscht, es heute vor, nicht mehr über das Projekt zu sprechen. Mit ihm quittierte auch die Chefkuratorin des Hauses den Dienst.Kanowitsch prägte das Lost Shtetl Museum, das direkt am jüdischen Friedhof von Scheduva steht, in der zehnjährigen Projektphase entscheidend. Von Anfang an habe ihm kein reines Holocaust-Museum vorgeschwebt, sagt er, sondern eine Präsentation über jüdisches Leben am Beispiel von Scheduva: «Bevor man die Zahlen und Fakten des Holocaust hört, muss man verstehen, dass diese Menschen gelebt haben. Man muss begreifen, was verlorengegangen ist. Man muss verstehen, wie sie gelebt haben. Sonst werden die Juden ausschliesslich als Opfer des Holocaust gesehen.» Dabei hilft, dass Nachfahren der Juden von Scheduva, vor allem aus Litauen, Israel, Südafrika und den USA, Hunderte von Erinnerungsobjekten zur Verfügung gestellt haben.Am Beginn der technisch und inszenatorisch beeindruckenden Ausstellung steht ein Abriss jüdischer Geschichte im Grossherzogtum Litauen. In dem damaligen Grossreich zwischen Ostsee und Schwarzem Meer entwickelte sich ab dem 14. Jahrhundert eine ländliche Schtetl-Zivilisation, die das Zusammenleben von Juden (Litwaks) mit Litauern, Letten, Polen, Ukrainern und Weissrussen einschloss.Im Zentrum der Präsentation steht jedoch die Zwischenkriegszeit. Juden und Christen lebten zwar gemeinsam in Scheduva, Jiddisch Schadeve, jedoch in getrennten sozialen und religiösen Sphären. In erster Linie begegnete man sich beim Handel, wie die grosse, in Blau getauchte Galerie «Marktplatz» zeigt. Ein multimediales Modell des Orts ruft auch die beiden verschwundenen Synagogen von Scheduva in Erinnerung. Der virtuelle Spaziergang durch das nicht mehr existierende Schtetl wird flankiert von historischen Bildern sowie dem Geräusch von Fuhrwerken und gackernden Hühnern.Jahrzehntelang wurde die jüdische Geschichte aus der nationalen Erzählung Litauens ausgeklammert.Liucija K.Jahrzehntelang ausgeklammertMit der Gründung der Republik Litauen 1918 wurden die Litwaks, anders als noch im Zarenreich, zu vollwertigen Staatsbürgern. Manche engagierten sich für die Unabhängigkeit, andere bei der Freiwilligen Feuerwehr, dritte im Stadtrat. Jolanta Mickute, pädagogische Leiterin des Museums, unterstreicht, dass man «den Beitrag der jüdischen Bevölkerung bei der Gründung und beim Aufbau des litauischen Staates würdigen» wolle. Keine Selbstverständlichkeit in Litauen, wo die jüdische Geschichte jahrzehntelang aus der nationalen Erzählung ausgeklammert wurde.Die Ausstellung erteilt zudem dem zähen Mythos von den angeblichen jüdischen Unterstützern des Kommunismus eine Absage. Mit Beginn der sowjetischen Besatzung im Juni 1940, einer Folge des Hitler-Stalin-Pakts, wurden Tausende Bürger Litauens gen Osten deportiert. Die Verbrechen lastete man «jüdischen Bolschewisten» an, was nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1941 als Begründung für eine weitreichende NS-Kollaboration der Litauer herhalten musste – obwohl zwölf Prozent der litauischen Juden selbst Opfer der sowjetischen Deportationen und Enteignungen wurden.Auf den Holocaust zu verengen sich die Räume des Museums und werden erratisch. Im Juli 1941 wurden die Juden von Scheduva ghettoisiert. Im August erschossen Deutsche und lokale Kollaborateure alle 814 Juden des Ortes, die Hälfte der Bevölkerung, in umliegenden Wäldern. Ein enger Pfad im Untergeschoss des Museums vergegenwärtigt den letzten Gang der Opfer, vorbei an Bäumen, auf moosigem Grund, umgeben von Naturgeräuschen. In einem Archivfilm sieht man Juden im nahe gelegenen Siauliai beim Ausheben der eigenen Gräber. Der «Holocaust durch Kugeln» war total. Ende 1941 waren 95 Prozent der 220 000 Litwaks tot, alle 294 litauischen Schtetl erloschen.Den Kontrapunkt bildet der «Canyon der Hoffnung» am Ende der Ausstellung. Von dort öffnet sich der Blick auf den Friedhof und in die Weite. «Das Letzte, was man vor dem Verlassen des Museums sehen soll, sind die alten Steine des Friedhofs», sagt Sergei Kanowitsch. «Dort waren einmal Menschen, die heirateten, beteten, stritten. Das ist alles, was davon geblieben ist. Wir haben eine Welt verloren.»Die Anlage umfasst moderne Ausstellungsbereiche und einen von Enea gestalteten Memorial-Park.Liucija K.Opfer – und TäterJetzt liegt eine neue Aufgabe vor ihm. Neben der Arbeit, die er mit Maceva für die 200 jüdischen Friedhöfe in Litauen leistet, wurde er im April 2026 zum Direktor des Staatlichen Jüdischen Museums Gaon von Wilna ernannt, einem Verbund jüdischer Museen in Vilnius, einschliesslich der Gedenkstätte am Erschiessungsort Paneriai. Schon sein Vater Grigori hatte sich als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Litauens in den achtziger und neunziger Jahren für die jüdischen Museen eingesetzt. Gerade arbeitet Sergei Kanowitsch an einer «Restrukturierung», bei der die Profile der einzelnen Museen geschärft und neue Kernbotschaften entwickelt werden sollen. Die Bestände seien eigentlich riesig: «Unsere Sammlung ist sehr reich, wird aber nicht ausreichend gezeigt.»Als grösste Herausforderung bezeichnet er die konkreten Planungen für ein Museum über den Holocaust und das Wilnaer Ghetto in den geschichtsträchtigen Räumen der Vorkriegs-Aufklärungsgesellschaft Mefitze-Haskala in Vilnius. In dem verwitterten Gebäude befand sich während des Kriegs die Ghettobibliothek. 1944 gründeten Überlebende dort das Jüdische Museum, das 1949 von den sowjetischen Behörden geschlossen wurde.«Die litauische Gesellschaft ist absolut reif, die dunklen Seiten ihrer Geschichte anzugehen», sagt Kanowitsch in Anspielung auf die in Litauen wirkmächtige sogenannte Theorie vom doppelten Genozid. Diese besagt, dass es nicht nur einen Genozid an den Juden, sondern – unter den Sowjets – auch einen Genozid an den Litauern gegeben habe. Die «Theorie» ist der durchsichtige Versuch, Verbrechen gegeneinander aufzuwiegen und sich von eigener Schuld reinzuwaschen. «Zu jedem Verbrechen gehören Opfer und Täter», sagt Kanowitsch. «Wir können nicht in einer Welt leben, in der es nur Opfer, aber keine Täter gibt. Wir können nicht nur aus der Sicht der Opfer über Geschichte sprechen. Das sind wir den Opfern und der historischen Wahrheit schuldig.»Entgegnung von Jonas Heraklis Dovydaitis, CEO des Lost Shtetl Museum:Der Artikel erweckt fälschlicherweise den Eindruck, Sergei Kanowitsch habe eine zentrale oder Rolle bei der Entstehung des Lost Shtetl Museums gespielt oder sei gar dessen Gründer gewesen. Er misst ihm im Vergleich zu den vielen anderen am Projekt beteiligten Personen und Institutionen eine unverhältnismässig grosse Bedeutung bei. Zwar wirkte Herr Kanowitsch als externer Berater und Mitglied eines grösseren Teams an dem Projekt mit, doch die Ursprünge des Museums reichen bis ins Jahr 2012 zurück.Damals besuchte ein Nachkomme der jüdischen Gemeinde von Scheduva, der in der Schweiz lebte, den verlassenen jüdischen Friedhof, auf dem seine Vorfahren begraben lagen. Inspiriert durch die Verbindung seiner Familie zu dieser Stadt initiierte er die Restaurierung des Friedhofs und beauftragte lokale Fachleute mit der Durchführung der Arbeiten. In den folgenden Jahren veranlasste er in der Umgebung von Scheduva die Restaurierung lokaler Holocaust-Gedenkstätten an den Schauplätzen des Massenmords an Juden und liess schliesslich ein Museum errichten zum Gedenken an die jüdische Gemeinde von Scheduva sowie an die Hunderte von litauischen Schtetln, die im Holocausts zerstört wurden. Heute dient das Museum als Ort, an dem die Erinnerung, die Geschichten und das Erbe der jüdischen Nachkommen von Scheduva bewahrt und an künftige Generationen weitergegeben werden.Das Museum wurde von der in der Schweiz ansässigen Youth Aid-Stiftung konzipiert, in Auftrag gegeben und finanziert und in Zusammenarbeit mit zahlreichen Historikern, Kuratoren, Architekten, Designern und internationalen Partnern entwickelt. Der Grossteil der Projektleitung und der Bauarbeiten wurde von Schweizer Unternehmen durchgeführt, während der Gedenkpark, der das Museum umgibt, vom Schweizer Landschaftsarchitekturbüro Enea entworfen wurde. Als Institution, die für die Beauftragung, Finanzierung, Entwicklung und den Betrieb des Museums verantwortlich ist, setzen wir uns weiterhin dafür ein, genaue und überprüfbare Informationen über seine Geschichte, seine Trägerschaft und seine Entwicklung bereitzustellen.Der Artikel enthält zudem Ungenauigkeiten. Sergei Kanowitsch war weder Geschäftsführer des Museums noch Mitglied seines Beirats, und seine Tätigkeit als externer Berater endete im Jahr 2025, nachdem das Museum beschlossen hatte, seinen Beratungsvertrag nicht zu verlängern.Passend zum Artikel