KommentarWenn die KI-Blase platzt: Werden wir überhaupt mit den Folgen fertig? Der Dotcom-Crash war harmlos: Tech-Aktionäre verloren Geld, doch die Wirtschaft drehte sich weiter. Die US-Immobilienkrise ein paar Jahre später trieb das globale Finanzsystem bereits an den Rand des Kollapses. Und wenn nun die KI-Blase platzt? Die Fallhöhe ist gross.11.07.2026, 05.35 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZAnleger lernen offenbar nichts aus der Geschichte. Seit Jahrhunderten machen sie die gleichen Fehler. Der ersten Phase der noch rational begründbaren Euphorie folgt die Phase des irrationalen Überschwangs. Gold, Eisenbahnen, Tulpen, Digitalisierung oder Häuser – alles Mögliche wurde im Lauf der Jahrhunderte so vom Investitions- zum Spekulationsobjekt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anleger, Investoren und Unternehmer sind eben auch nur Menschen. Viele wollen langfristig etwas aufbauen. Manche sind Spekulanten. Andere wollen noch schnell auf den Zug aufspringen. Sie alle aber rationalisieren ihren emotionalen Überschwang mit der immergleichen Devise:Diesmal ist alles anders.Diesmal gelten die Gesetzmässigkeiten im Verhältnis von Rendite zu Risiko nicht, diesmal ist die Technologie wahrhaft revolutionär. Und so bläht sich die Blase auf – bis sie platzt.Das wird mit der künstlichen Intelligenz (KI) nicht anders sein. Und dann?Die Folgen der Dotcom-Blase von 2000 waren noch überschaubar, die Immobilienkrise von 2008 hat die Welt an den Rand einer globalen Wirtschaftskrise getrieben, und wir sollten uns langsam fragen, welche Auswirkungen ein allfälliges Ende des KI-Hypes auf Wirtschaft und Finanzmärkte haben könnte: Was ist der Preis, den wir dereinst für unseren Rausch im KI-Kasino bezahlen werden? Und: Können wir den überhaupt noch bezahlen?Manch einer wird an dieser Stelle abwinken: Equity-Blasen wie derzeit bei den Tech- und KI-Aktien sind nur halb so schlimm. Fallen die Kurse, schmälert sich das Vermögen der Aktionäre. Einige Firmen gehen in Konkurs, weil sich ihre Zukunftsperspektiven zerschlagen haben. Es folgt eine milde Rezession. Die gesunden Firmen erholen sich vom Platzen der Blase und werden zur Vorhut einer neuen Hausse am Aktienmarkt. Das Finanzsystem bleibt stabil.Genau dieses Szenario präsentierte sich beim Dotcom-Boom, der ersten grossen Equity-Blase in diesem Jahrhundert.Doch diesmal ist alles anders. Und wahrscheinlich schlimmer.Der derzeitige KI-Boom ist zwar auch ein Equity-Boom. Er hat aber längst weitere Teile des Finanzmarktes erfasst, und dort findet abseits der breiten Öffentlichkeit und in von den Aufsichtsbehörden nicht einsehbaren Winkeln eine wilde KI-Party statt.Finanzmarkt als Superkraft oder systemisches RisikoAn sich ist der US-Finanzmarkt die Superkraft hinter Amerikas Wirtschaft und der noch immer soliden Stellung als weltweite Nummer eins. Er ist der weltweit grösste und professionellste Markt für Kredite, Anleihen, Aktien, kurzfristige Gelder und andere Finanzprodukte. In den letzten Jahren ist er stark gewachsen und hat nochmals an Komplexität zugelegt. Das ohnehin gestiegene systemische Risiko könnte nun durch den KI-Hype potenziert werden.So hat sich der KI-Hype längst auch im Anleihemarkt breitgemacht. Der in den USA heisslaufende Ausbau der Infrastruktur für die KI-Wirtschaft verschlingt Hunderte von Milliarden. Die gewinnträchtigen Hyperscaler wie Amazon, Meta oder Alphabet finanzieren einen Teil davon aus finanztechnischen Gründen verstärkt am Anleihemarkt. Auch kleinere Betreiber von Datenzentren und Chiphersteller laden sich massiv Fremdkapital in die Bilanzen.Die grossen Hoffnungen der KI-Welt, Anthropic und Open AI, finanzieren sich derweil mehrheitlich über Risikokapital. Platzt die KI-Blase am Aktienmarkt, würde wahrscheinlich auch der Markt für privat gehaltene Unternehmensanteile und damit Tausende von Startups in die Tiefe gerissen werden.Und auch der Kreditmarkt wird von den KI-Firmen zunehmend angezapft. Open AI hat sich eine Kreditlinie von 4 Milliarden Dollar bei den Grossbanken gesichert. Anthropic hat einen Kredit in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar aufgenommen. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Einen Teil dieser KI-Kredite dürften die Banken längst in Form von appetitlich verpackten Finanzprodukten weiterverkauft und so KI-Risiken an ein breites Spektrum von Investoren und Anlegern gestreut haben.Um an Mittel für das KI-Rennen zu kommen, entwickeln Firmen immer kreativere Ideen. Für hochgezogene Augenbrauen bei den Aufsichtsbehörden sorgen bereits die als «round tripping» bezeichneten Geschäfte zwischen den verschiedenen Akteuren der KI-Wirtschaft.So hat Amazon über 30 Milliarden Dollar in Anthropic investiert. Anthropic hat sich im Gegenzug dazu verpflichtet, in den nächsten zehn Jahren Rechenkapazitäten von Amazon im Wert von 100 Milliarden Dollar zu kaufen. Solche Deals gibt es zuhauf. Und sie sind gefährlich. Denn sie entfalten eine enorme Hebelwirkung auf die Aktienkurse: An der Börse wird jede Ankündigung künftiger Umsatzsteigerungen – auch wenn sie lediglich durch «round tripping» erzeugt wurden – mit Kurssprüngen gefeiert.Riskante Geschäftspraktiken mehren sich auch im ohnehin intransparenten Markt für private Kredite. Diese werden von Nichtbanken wie Private-Debt-Fonds, Vermögensverwaltern und Private-Equity-Firmen vergeben. Zusammen mit Pensionskassen und Versicherungen bilden sie den Schattenbankensektor. Weil traditionelle Banken nach der Finanzkrise stärker reguliert wurden, bedient dieser nun die Nachfrage nach riskanten Krediten und wächst rasant.Das Prinzip ist fast immer das gleiche: Es werden bei vermögenden Kunden oder institutionellen Investoren Gelder eingesammelt und an Unternehmen verliehen; oft sind diese Firmen hoch verschuldet oder haben ein riskantes Geschäftsmodell. Auf rund 2 Billionen Dollar wird dieser Markt in den USA geschätzt. Reguliert ist er kaum, und niemand weiss, welche Ausfallrisiken sich hier angesammelt haben.Besonders brisant: Auch hier hat sich die KI-Blase breitgemacht. Kreditnehmer sind unter anderem spezialisierte KI-Infrastruktur-Anbieter und KI-Startups (Core Weave, Lambda Labs usw.), die einen hohen Kapitalbedarf haben, aber bei traditionellen Banken aufgrund fehlender Kreditbiografie keine Kredite bekommen. Die Schattenbanken lassen sich die Kredite dann gut vergüten und besichern sie mit der von den Unternehmen verbauten IT-Hardware – meist Chips. Sollte die KI-Börsenblase platzen, würde diese IT-Hardware schnell an Wert verlieren und könnte eine Kaskade von Schieflagen unter den Schattenbanken auslösen.Der derzeitige KI-Hype drückt sich also nicht nur in einer eher harmlosen Equity-Blase aus. Er ist längst auch eine Fremdkapitalblase. Es wird massiv mit geliehenem Geld investiert und eben auch spekuliert. Platzt die Blase, könnte die Wirtschaft über Jahre damit beschäftigt sein, die Schulden abzubauen.Wie aus einer geplatzten Blase eine Finanzkrise werden kannDie Übertragungswege in die verschiedenen Teile des Finanzmarktes sind verschlungen und lassen sich meist nur im Nachhinein und nur sehr mühsam rekonstruieren. Bei der Finanzkrise von 2008 war aus sinkenden Häuserpreisen in den USA eine Verschuldungskrise und letztlich eine globale Bankenkrise geworden, die die Welt um Haaresbreite in eine dunkle Wirtschafts- und Finanzkrise gestürzt hätte. Wie das hätte passieren können, wurde erst langsam klar.Irgendwann konnte man die Ansteckungswege rund um den Globus nachzeichnen und erklären, auf welchen Pfaden auch eigentlich biedere Akteure wie deutsche Landesbanken im amerikanischen Immobilien-Kasino gelandet waren und beim Roulette der Ramsch-Hypotheken Milliarden verloren hatten.Irgendwann verstand man, wie die wundersame Verwandlung von amerikanischen Schrottkrediten in mit höchstem Kreditrating versehene internationale Anlagen vor sich gegangen war. Wie die Maschinerie funktioniert hatte, die Forderungen aus Hypotheken via hypothekenbesicherte Wertpapiere («mortgage-backed securities») in handelbare Finanzprodukte verwandelte, diese dann zu neuen Finanzprodukten bündelte («collateralized debt obligations»), und diese portionsweise als hoch rentierende, vermeintlich risikofreie Anlagen ausspuckte.Die Parallelen zur KI-Blase sind frappant.Das Platzen der Immobilienblase in den USA hatte letztlich so desaströse Folgen, weil erstens viele Akteure des Finanzmarktes direkt oder indirekt in diese Blase investiert hatten. Der KI-Hype hat ebenfalls weite Teile des Finanzmarktes erreicht. Er ist eine Equity- und Fremdkapitalblase.Und weil zweitens viele Marktakteure sich zu unseriösen und riskanten Geschäftspraktiken hatten hinreissen lassen. Auch das lässt sich heute beobachten. Stichwort: «round tripping» und mit IT-Hardware besicherte Kredite.Und weil drittens die Aufsichtsbehörden auf einem Auge blind waren und Teile des Finanzmarktes sowieso ausserhalb ihres Sichtfeldes lagen. Auch das ist ansatzweise derzeit zu beobachten.Wie hoch der Preis sein wird, den wir für den KI-Hype bezahlen, bleibt Spekulation. Die Fallhöhe aber ist heute ungleich grösser als im Jahr 2000 oder im Jahr 2008. Denn der amerikanische Finanzmarkt ist heute sehr viel grösser und komplexer als damals. Und das Vermögen vieler Amerikaner liegt dort. Und das vieler Ausländer auch.45 KommentareBeat Schaub 12.07.20261 EmpfehlungUnd selbst wenn die KI-Blase platzt: Warum sollten wir damit nicht fertigwerden? Die grossen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte wurden jeweils als historische Katastrophen beschrieben. Persönlich ging es mir danach aber nicht schlechter. Mein Lohn brach nicht ein, mein Alltag veränderte sich kaum, und die vielbeschworenen Milliardenverluste spielten sich vor allem in Finanzmärkten ab, an deren Gewinnen ich zuvor ebenfalls nicht beteiligt gewesen war.
AI-Boom oder Crash: Die Risiken einer platzenden KI-Blase
Der Dotcom-Crash war harmlos: Tech-Aktionäre verloren Geld, doch die Wirtschaft drehte sich weiter. Die US-Immobilienkrise ein paar Jahre später trieb das globale Finanzsystem bereits an den Rand des Kollapses. Und wenn nun die KI-Blase platzt? Die Fallhöhe ist gross.







