Der KI-Boom wird mit Schulden und Spekulation befeuert. Steuern wir auf die nächste Finanzkrise zu? Die Finanzierung der Verbreitung von künstlicher Intelligenz nimmt zunehmend Züge an, die an die grosse Finanzkrise von 2008/09 gemahnen. Das sind die fünf beunruhigendsten Entwicklungen.06.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenGefährliches Déjà-vu: Um den KI-Boom zu finanzieren, kommen exotische Instrumente wieder zum Einsatz. Das macht die Anleger nervös. Im Bild ein Händler an der Wall Street im Juli 2026.Jeenah Moon / ReutersDie Einführung der künstlichen Intelligenz (KI) erfolgt in beeindruckendem Tempo und verändert die Welt. Doch kaum minder schwindelerregend sind die Dynamik der mit KI assoziierten Titel am amerikanischen Aktienmarkt und der schuldenfinanzierte Ausbau von IT-Infrastruktur und Rechenzentren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Geschehen an der Wall Street weckt Befürchtungen vor einer Spekulationsblase. Die Marktkapitalisierung amerikanischer Aktien entspricht mittlerweile dem Zweifachen der amerikanischen Wirtschaftsleistung. Gemessen an diesem Massstab, der auf den Investor Warren Buffett zurückgeht, ist das ein historischer Spitzenwert.So gross das Potenzial der künstlichen Intelligenz auch sein mag, bis jetzt ist unklar, wie sich langfristig damit Geld verdienen lässt, um den Aktienboom und die Investitionen zu rechtfertigen. Dabei stehen riesige Beträge auf dem Spiel: Die Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass sich die weltweiten Ausgaben allein für Rechenzentren bis 2030 auf etwa 7000 Milliarden Dollar belaufen werden. Und diese wollen finanziert werden.Geht es um die KI-Blase, liegt der öffentliche Fokus meistens auf den Börsenwerten der sogenannten Hyperscaler wie Amazon, Meta und des Google-Inhabers Alphabet. Um Krisenherde zu orten und zu beurteilen, lohnt sich jedoch ein breiterer Blick auf den Finanzmarkt. Schliesslich ist der Markt für Fremdkapital der ideale Vektor für finanzielle Ansteckungseffekte.Die Finanzierung von KI erweist sich nämlich als ebenso komplex wie die Technologie selbst. Ob verbriefte Forderungen, fremdfinanzierte Fonds oder ad hoc errichtete Zweckgesellschaften: Die Liste erinnert stark an das Instrumentarium, das zur weltweiten Finanzkrise in den Jahren 2008/09 beigetragen hat.Selbstverständlich hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten einiges geändert: Grossbanken sind heutzutage stabiler aufgestellt und finanziert. Optimisten unterstreichen zudem, dass die am KI-Boom massgeblich beteiligten Unternehmen wie Alphabet, Amazon und Nvidia in vielen Bereichen der Wirtschaft tätig und höchst profitabel sind.Doch genau wie der damalige Aufschwung am amerikanischen Immobilien- und Finanzmarkt wird auch der gegenwärtige Boom durch Fremdkapital befeuert: Wieder kommen exotische Finanzierungsinstrumente und Methoden zur Risikostreuung zum Einsatz, die eine schmerzhafte Kettenreaktion auslösen können. Eine genauere Analyse zeigt einige Gemeinsamkeiten.Ein intransparentes Netz an zirkulären FinanzbeziehungenDas wohl bekannteste heikle Merkmal von KI-Finanzierungen ist das Geflecht zirkulärer Transaktionen. Bei diesen Deals investieren namhafte Unternehmen in KI-Entwickler wie Open AI oder Anthropic, die sich im Gegenzug verpflichten, Produkte oder Dienstleistungen von ihren eigenen Aktionären zu kaufen. Das Risiko dabei: Die Auftragslage und die Bewertung der Unternehmen werden künstlich in die Höhe getrieben. Firmen garantieren ihre eigenen Absätze.Im Zentrum solch zirkulärer Transaktionen steht derzeit oft der Chip-Entwickler Nvidia. Das von CEO Jensen Huang geleitete Unternehmen entwirft die weltweit fortschrittlichsten Halbleiter und Grafikprozessoren, die für den Ausbau der künstlichen Intelligenz unentbehrlich sind.Nvidia hat zum Beispiel letztes Jahr 30 Milliarden Dollar in Open AI investiert und plant nun laut Medienberichten, deren Chip-Käufe für ein Datenzentrum im amerikanischen Gliedstaat Ohio in der Höhe von 350 Milliarden Dollar zu finanzieren. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im Juli, als der Chiphersteller AMD eine Investition im Umfang von 5 Milliarden Dollar in Anthropic bekanntgab. Als Gegenleistung wird Anthropic AMD-Grafikprozessoren verwenden.Milliardenschwere Verpflichtungen ausserhalb der Bilanz Ein weiteres Risiko bergen Zweckgesellschaften, deren Schulden nicht in der Bilanz der Mutterkonzerne erscheinen. Diese Finanzkonstrukte werden oft für den Bau neuer Rechenzentren verwendet. Das Problem: Die finanziellen Verflechtungen zwischen den verschiedenen Akteuren werden zunehmend unübersichtlich.Ein solches Modell kam etwa beim Bau des Hyperion-Rechenzentrums im amerikanischen Gliedstaat Louisiana zum Einsatz. Der Vermögensverwalter Blue Owl Capital hält über eine Holding namens Beignet 80 Prozent an der Beteiligungsgesellschaft. Die verbleibenden 20 Prozent liegen beim Facebook-Mutterkonzern Meta.Beignet, nach einer beliebten Nachspeise in Louisiana benannt, nimmt über die Privatplatzierung von Anleihen neues Fremdkapital in der Höhe von 27 Milliarden Dollar auf, um das Datenzentrum zu errichten. Diese Bonds mit Fälligkeit 2049 wurden an institutionelle Investoren verkauft, darunter das zum deutschen Versicherungskonzern Allianz gehörende Finanzhaus Pimco.Die Rating-Agentur S&P Global bewertete die neuen Schuldtitel mit A+, leicht schwächer als die Bonität von Meta. Das ist allerdings deutlich über dem Bewertungsniveau des Mehrheitsaktionärs Blue Owl Capital, das von S&P als Ramsch eingestuft wird. Nach Fertigstellung des Baus wird Meta das Rechenzentrum für mindestens vier Jahre mieten, wodurch die Beteiligungsgesellschaft Beignet die Mittel erhalten soll, um die Schulden zurückzuzahlen.Insgesamt ist ein starker Anstieg ausserbilanzieller Verpflichtungen für Halbleiter- und Infrastrukturkäufe zu beobachten. Aufgrund der globalen Mangellage bei Speicherchips müssen Unternehmen kostspielige Langfristverträge eingehen, um sich überhaupt versorgen zu können. Laut Bloomberg haben sich Alphabet, Meta, Microsoft, Amazon und Oracle zu zukünftigen Ausgaben von insgesamt 2,6 Billionen Dollar verpflichtet. Die Summe dieser Verbindlichkeiten entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung Italiens.Insgesamt zeigt sich ein rasanter Anstieg bei der Aufnahme von Fremdkapital. Nach Schätzung der Bank Goldman Sachs wurden allein im Jahr 2026 Unternehmensanleihen und Konsortialkredite in der Höhe von knapp 500 Milliarden im Zusammenhang mit KI-Investitionen begeben. Nur ein Teil davon geht auf das Konto der Hyperscaler zurück.Hinzu kommen seit Anfang 2025 geschätzte 200 Milliarden Dollar an Krediten von privaten Geldgebern für den Bau von Rechenzentren, so Goldman. Bei den sogenannten Private-Credit-Deals sind die Gläubiger zumeist Versicherungsgesellschaften, Investmentfonds und andere Nichtbanken. Sie unterstehen nicht denselben Offenlegungspflichten, womit sehr wenig über die Konditionen der Transaktion – und somit deren Risiko – bekannt ist.Beim Cloud-Anbieter Core Weave ist die Milliardenfinanzierung sogar mit KI-Chips besichert. Der Haken: Veralten die Halbleiter durch den rasanten technologischen Fortschritt vorzeitig, sinkt der Wert der Sicherheiten. Im Falle einer Zahlungsunfähigkeit blieben die Gläubiger auf einem Grossteil des Schadens sitzen.Die Verursacher der Krise 2008 melden sich zurück Der Anstieg der Verschuldung geht mit einer Zunahme bei der Verbriefung von Krediten einher. Dabei werden Schuldtitel in verschiedene Tranchen zerlegt, neu gebündelt und anschliessend als neue Produkte an Anleger wie Hedge-Funds oder Versicherungen verkauft. Weil die Bonität der Produkte manchmal schwer zu durchschauen ist, gelten verbriefte Forderungen als Mitverursacher der Finanzkrise von 2008/09.Neustens gewinnen Produkte unter dem Namen Synthetic Risk Transfer (SRT) an Beliebtheit: Eine Bank verschafft sich Spielraum auf der Bilanz, indem sie das Kreditrisiko von Vermögenswerten gegen Geld auf eine Gegenpartei überträgt, aber weiterhin Eigentümerin der zugrunde liegenden Assets bleibt. Vor einigen Wochen war die französische Bank Société Générale laut Bloomberg dabei, ein solches Portfolio im Umfang von 5 Milliarden Euro zu veräussern, darunter Kredite für den Bau von Rechenzentren. Auch ING in den Niederlanden griff schon auf einen SRT zurück, wie die Nachrichtenagentur schreibt.Experten für Finanzmarktstabilität schlagen Alarm. Trotz Reformen seit der Finanzkrise würden die zuständigen Behörden diese Finanzierungsaktivitäten nicht vollumfänglich verstehen, schrieb der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht. Ein Grund dafür sei der Mangel an Daten, urteilte das internationale Koordinationsgremium der Aufseher und Zentralbanken Anfang des Jahres.Börsenhandel mit geliehenem GeldKI-Entwicklern wie Open AI und Hyperscalern wie Alphabet und Meta muss es gelingen, ihre technische Innovation zu monetarisieren. Das Angebot wesentlich kostengünstigerer chinesischer Modelle wie Kimi K3 von Moonshot.AI stellt diese Annahmen allerdings infrage. Den amerikanischen Unternehmen könnte es möglicherweise nicht gelingen, eine ausreichende Anzahl an Kunden zu gewinnen, damit sich ihre Ausgaben für Chips und Infrastruktur rentieren. Zudem könnte der Ausbau der Rechenzentren aufgrund von Engpässen bei der Materialbeschaffung oder der Stromversorgung ins Schlingern geraten.An der Wall Street machte sich die Skepsis der Anleger in den vergangenen Tagen deutlich bemerkbar. Der Leitindex S&P 500 gab am 29. Juli um 1,5 Prozent nach, während ein Index für amerikanische Halbleiterfirmen wie Micron um 5,3 Prozent absackte. Auch in Südkorea, wo die Chiphersteller Samsung und SK Hynix von der KI-getriebenen Nachfrage profitieren, kam es zu einem Börseneinbruch.Mitverantwortlich für die Verwerfungen an den Aktienmärkten war der hohe Einsatz von Fremdkapital zur Finanzierung von Handelspositionen. Besonders hart traf es den New Yorker Hedge-Fund Situational Awareness des 24-jährigen Deutschen Leopold Aschenbrenner. Dieser hatte auf die Aktien von Unternehmen rund um den KI-Ausbau gesetzt. Inmitten des Börseneinbruchs Ende Juli geriet der Fonds unter Druck. Aschenbrenner, der als «KI-Nostradamus» bekannt geworden war, musste Teile seines Portfolios an seinen viel grösseren Konkurrenten Citadel abtreten.Hedge-Funds nutzen gehebelte Kredite (auch Leverage genannt), um ihre Gewinne zu maximieren: Sie leihen sich bei Geschäftsbanken gegen Sicherheiten Geld und bauen mit Derivaten grosse Positionen in den Aktien- und Anleihemärkten auf. Doch das Geschäft ist riskant: Obwohl die Höhe der geleisteten Sicherheiten aufsichtsrechtlichen Kriterien unterliegt, besteht beim Festlegen dieser Vorgaben immer ein Stück Ermessensspielraum. Sind die Anforderungen zu hoch, schwinden die Gewinne. Sind sie zu niedrig, kann der Fonds im Falle eines Börseneinbruchs seinen Kredit nicht zurückzahlen.Wie die amerikanische Notenbank Federal Reserve in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht festhielt, liegt das Leverage der Hedge-Funds auf einem historisch hohen Niveau. Auch die Kreditzusagen der Banken in den USA gegenüber Nichtbanken-Finanzintermediären, darunter Private Equity, Private Credit und Versicherungen, haben zugenommen.Der Schaden durch Situational Awareness hält sich offenbar in Grenzen. Wie gefährlich eine Schieflage werden kann, zeigt das Beispiel von Archegos Capital Management aus dem Jahr 2021. Der Kollaps des Vermögensverwalters wurde der Credit Suisse zum Verhängnis und trug massgeblich zu ihrem Niedergang bei. Fehleinschätzungen eines einzelnen Investors können die Turbulenzen an den Märkten verschärfen und sogar einen Dominoeffekt im gesamten Finanzsystem auslösen.Kleinanleger spielen eine grosse RolleAuch private Anleger greifen zunehmend zu Fremdkapital und gehen damit grosse Risiken ein. In Südkorea erwiesen sich solche Geschäfte bei Tausenden Kleininvestoren als besonders populär beim Bestreben, von der Hausse der Halbleiterwerte zu profitieren. Die kreditfinanzierten Zukäufe trugen zum schwindelerregenden Anstieg der Aktien des Chipherstellers SK Hynix von 147 Prozent im Jahr 2026 bei. Seit Anfang 2024 hat der Wert dieser Titel um sagenhafte 1042 Prozent zugenommen.Doch als die Angst vor der günstigen chinesischen Konkurrenz eine Verkaufswelle auslöste, schlugen die hochspekulativen Wetten in hohe Verluste um. Durch den Einsatz von Fremdkapital vergrösserten sich diese um ein Vielfaches und brachten manche Kleinanleger in Nöte.Am Beispiel Südkoreas wird deutlich, dass Kleinanleger heute eine weit grössere Rolle spielen als noch während der Finanzkrise 2008. Laut einem Bericht der britischen Bank Barclays wurden etwa 20 Prozent des Handelsvolumens von amerikanischen Aktien im Jahr 2025 durch Kleinanleger getätigt. Hinter dieser Entwicklung steckt die Verbreitung von Handels-Apps. Deren Nutzerzahl hat sich zwischen 2016 und 2025 weltweit auf über 125 Millionen mehr als verfünffacht, so Barclays.Zwar kaufen manche Retail-Investoren kostengünstige Fonds, doch andere setzen gezielt auf einzelne Titel. Die wachsende Zahl der Kleinanleger kann das Handelsgeschehen beeinflussen und tendiert dazu, spekulative Übertreibungen zu befeuern. Im Falle einer Trendumkehr an der Börse geraten die gehebelten oder konzentrierten Portfolios der Kleinanleger dann schnell unter Druck.Der KI-Boom an den Märkten weist also eine zunehmend beunruhigende Finanzierungsarchitektur auf, die an die grosse Finanzkrise von 2008/09 erinnert. Wie damals droht Anlegern, dass sie das Ausmass ihres Engagements und dessen Risiko unterschätzen. Für die Weltwirtschaft könnte das äusserst unangenehm werden: Das Instrumentarium der Aufsichtsbehörden mag sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verbessert haben. Doch vielen Industrieländern fehlt der fiskalische Spielraum, um einen Schock abzufedern.Passend zum Artikel
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