Wütende Ärzte und zerstrittene Physiotherapeuten: Die mächtige Lobbymaschine des Gesundheitswesens stottertVerbände gestalten die Gesundheitspolitik massgeblich mit. Doch mit internen Kämpfen wie jenem bei der FMH und bei Physioswiss schwächen sie sich selbst. Der Bund steuert dafür umso mehr.11.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEin Hausarzt hört einen Patienten ab. Allgemeinmediziner sind von den geplanten Taxpunkten weniger stark betroffen als Spezialisten.Christoph Ruckstuhl / NZZDie Ärzte sind stocksauer. Das Parlament will ihnen vorschreiben, wie viele Taxpunkte sie für ärztliche Leistungen maximal pro Tag verrechnen dürfen. Doch der Furor der Ärzte richtet sich vor allem gegen den eigenen Verband. Mediziner aus dem ganzen Land geben der FMH die Schuld für ein Gesetz, das der Verband im Parlament stets bekämpft hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Spezialisten wie Kardiologen oder Hals-Nasen-Ohren-Ärzte würde das neue Gesetz hart treffen. Sie warnen davor, dass erfahrene und effiziente Ärzte ihre Praxis am Mittag schliessen könnten, weil sie dann die Taxpunktgrenze bereits erreicht hätten.Die Beiträge in den sozialen Netzwerken waren heftig: Yvonne Gilli, die Präsidentin der FMH, wurde zum Rücktritt aufgefordert, von Streik war die Rede, eine Petition wurde gestartet. Manche Kommentare waren unter der Gürtellinie.Wenige Tage später kam es auch beim Verband Physioswiss zum Krach. Eine Gruppe von Physiotherapeuten spaltete sich ab und gründete einen neuen Verband. Auch bei diesem Streit geht es um Geld und darum, welche Physiotherapeuten die Gewinner und die Verlierer der neuen Tarifstruktur sind, die ab dem Jahr 2027 eingeführt werden soll.Bei den Verbänden im Gesundheitswesen rumort es derzeit also mehr als üblich. Das könnte sich rächen.Die Politik wird mächtigerDie Gesundheitsbranche ist eine der grössten und mächtigsten Lobbygruppen in Bundesbern. Ärzte, Pflegende, Praxisassistentinnen, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, aber auch Spitäler und Krankenkassen sind in zahlreichen Dachverbänden, Unterverbänden und Fachgesellschaften organisiert. Es gibt viele Überschneidungen und gemeinsame Gremien.In der Gesundheitspolitik herrsche eine Expertokratie, sagt Lukas Golder, Politikwissenschafter beim Meinungsforschungsinstitut GfS Bern. Die Gesundheitspolitik werde historisch stärker von Experten aus Verbänden dominiert als vom Parlament.Früher haben Verbände Konflikte diskret ausgetragen. Sie haben das Gespräch mit dem Bund gesucht – es gab sogar Vorvernehmlassungen –, und interne Meinungsverschiedenheiten gelangten selten an die Öffentlichkeit. Heute streiten sie sich vermehrt öffentlich. Die gut geölte Lobbymaschine stottert. Das Parlament und der Bundesrat nutzen die Gunst der Stunde und reden immer mehr mit. Der Streit um die Taxpunkte zeigt das exemplarisch.Die Massnahme ist Teil des Kostendämpfungspakets 2, welches das Parlament im März 2025 beschlossen hatte. Normalerweise verhandeln die FMH und der Spitalverband H+ Tariffragen mit dem Krankenkassenverband Prioswiss, der ein Interesse daran hat, den Patienten möglichst tiefe Prämien anzubieten. Dass sich die Politik nun eingeschaltet hat, stört die FMH. «Diese Eingriffe des Parlaments schwächen die Tarifpartnerschaft», sagt die FMH-Präsidentin Yvonne Gilli.Die Schwächung der Verbände begann aber bereits früher. Weil sich die Tarifpartner jahrelang nicht auf einen neuen ambulanten Tarif einigen konnten, drohte Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider damit, den Tarif in Eigenregie festzulegen. Schliesslich wurde der Tardoc am 1. Januar 2026 eingeführt – nach siebenjähriger Vorbereitung. Die Datengrundlage für den neuen Tarif stammt noch aus der Anfangsphase der Verhandlungen. Doch der Tardoc ist kein fixfertiges Konstrukt. Der Tarif kann auch nach der Einführung noch laufend angepasst werden. Auch da stärkte die Uneinigkeit der Verbände die Rolle der Politik.Genaugenommen profitiert vor allem der Bund von diesen Vorgängen. «Die Politik in der Schweiz ist zentralistischer geworden, was sich im Gesundheitswesen anhand der Pflegeinitiative zeigt», sagt Golder. Mit deren Umsetzung werden dem Bund neue Kompetenzen übertragen, etwa hinsichtlich der Ausbildung, der Arbeitsbedingungen oder der Löhne des Pflegepersonals. Bereiche, für die eigentlich die Kantone zuständig wären.Harte VerteilkämpfeDass Verbände, die unterschiedliche Interessen vertreten, miteinander ringen, ist politisch gewollt. Möglichst gute Konditionen für die Ärzte würden zulasten der Versicherten gehen. Deshalb steuern die Krankenkassen gegen. Aber dass sich einzelne Verbände auch intern zunehmend uneinig sind, hat Folgen: Verbandsvertreter sprechen gegenüber Politikern und Beamten nicht mehr mit einer Stimme.Simon Wieser ist Gesundheitsökonom bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er sagt: «Die Konflikte innerhalb der Verbände der Gesundheitsbranche haben wegen der neuen Tarife zugenommen.» Denn jetzt gehe es um Geld und darum, wer künftig wie viel verdiene.Da der neue Tarif kostenneutral sein musste, gibt es kein zusätzliches Geld, das Benachteiligungen kompensieren könnte. Es gibt also Gewinner und Verlierer. «Anhand der Konflikte bei der FMH und bei den Physiotherapeuten sehen wir, dass derzeit harte Verteilkämpfe geführt werden», sagt Wieser.Das liegt auch an der starken Regulierung. Je weniger der Wettbewerb spielt, desto erbitterter werden die Verteilkämpfe um die Prämiengelder geführt. Zum Vergleich: Bei den Zahnärzten, bei denen freier Wettbewerb herrscht, gibt es solche Konflikte nicht.«Streit und Abspaltungen schwächen die Interessenvertretung in der Politik», sagt Wieser. Es sei zum Beispiel fraglich, ob die Vertreter des neu gegründeten Physiotherapeutenverbandes überhaupt einen Platz am Verhandlungstisch bekämen.Lobbying mit amerikanischen Zügen«Das Lobbying der Verbände im Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahren zunehmend amerikanische Züge angenommen», sagt der Politikwissenschafter Lukas Golder. In den USA würden viel mehr Einzelinteressen vertreten. Ausserdem sei es dort verbreitet, dass Lobbyisten sich sofort an die Medien wendeten, wenn sie nicht einverstanden seien oder Angst hätten, zu kurz zu kommen.Der gegenwärtige Streit in der FMH zeigt, dass sich nun auch Verbandsmitglieder über die sozialen Netzwerke stärker in Debatten einbringen. Dadurch steigt für Verbände das Risiko, nicht mehr mit einer Stimme zu sprechen. Die FMH-Präsidentin Yvonne Gilli warnt denn auch vor einer Entzweiung: «Das würde die Politik stärken und die Ärzteschaft schwächen – und somit zur ‹Loose-loose-Situation› für die Ärzte führen.»Wie lähmend eine solche Abspaltung sein kann, zeigte sich bei den Krankenkassen. Im Jahr 2013 hatten sich einige Krankenversicherungen vom Verband Santésuisse losgelöst und einen zweiten Verband gegründet. Das hat die Ausarbeitung der neuen ambulanten Tarife stark verzögert. Ärzte und Spitäler mussten sich nicht nur mit einem, sondern mit zwei Verbänden einig werden. Seit dem Jahr 2025 treten die Krankenkassen wieder geeint auf, unter dem Dach des neu gegründeten Verbands Prioswiss.Passend zum Artikel