Interview«Physiotherapie ist nicht Wellness» – hinter dem Streit der Physiotherapeuten steckt mehr als ein Konflikt über TarifeEine Gruppe von Therapeuten hat sich vom Verband Physioswiss abgespalten. Christoph Landolt ist Verwaltungsrat bei Physiozentrum und Mitgründer des neuen Verbands Prophysio. Er sagt: Die moderne Physiotherapie sei heute politisch nicht gut genug repräsentiert.09.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEine Physiotherapeutin befestigt ein Tape an einem Knie.Ennio Leanza / KeystoneHerr Landolt, Sie haben einen neuen Verband für die Physiotherapeuten gegründet. Weshalb?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Physiotherapie ist nicht gleich Physiotherapie. Es gibt viele Praxen, die mit ausschliesslich passiven Methoden wie Massagetechniken, Fango und Ähnlichem arbeiten. Zeitgemäss ist aber eine aktive Physiotherapie. Sie beruht auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das bedeutet, dass sie datenbasiert und wirkungsorientiert ist. Das braucht Messgeräte, eine Trainingsinfrastruktur und Therapeuten, die auf dem neusten Wissensstand sind. Für dieses Verständnis von moderner Physiotherapie gibt es heute eine Repräsentationslücke. Der neue Verband will diese füllen.Aber der Auslöser war ein Streit über die Tarifstruktur, die Physioswiss im Juni vorgestellt hatte und ab 2027 in Kraft treten soll. Was stört Sie daran?Die neuen Tarife beruhen auf einer Datenlage, die mit der Realität in der modernen Physiotherapie nichts zu tun hat. Die meisten Praxen verlieren mit der neuen Tarifstruktur. Am stärksten wären ausgerechnet jene Physiotherapeuten betroffen, die effizient und wirkungsorientiert therapieren. Es geht hier aber um mehr als nur um Tarife. Es geht um die Versorgung. Physiotherapie ist nicht Wellness.Neu soll über Minuten abgerechnet werden und nicht mehr über Pauschalen. Warum ist das ein Problem?Christoph LandoltPDDie neue Tarifstruktur muss kostenneutral sein. Es wird also nur Geld herumgeschoben. Behandlungen würden schlechter vergütet, die Administration dafür besser. Das ist schon einmal schlecht. Hinzu kommt: Ein Zeittarif schafft den Fehlanreiz, die Behandlungen zeitlich auszudehnen. Laut einer aktuellen Sotomo-Umfrage erwartet ein Drittel der befragten Therapeuten, dass die Behandlungen länger dauern werden. Wenn nun länger therapiert wird, können weniger Patienten betreut werden. Das führt dazu, dass Patienten lange keinen Termin bekommen. Tendenziell werden sie damit auch länger therapiert, als es nötig wäre. So wird die Physiotherapie zu einem Massage- und Wellnesshotel. Aber die moderne Physiotherapie vergleicht sich eher mit Ärzten. Dort will ein Patient auch nicht länger sein als nötig. Entscheidend ist die Wirksamkeit einer Behandlung und nicht die Dauer.Schwächen Sie sich nicht selbst mit der Abspaltung von Physioswiss?Spaltungen sind nie gut, wir agieren hier aus der Not heraus. Die Tarifstruktur ist fatal für die Zukunft des Physiotherapeuten-Berufs. Sie ist auch desaströs für die wirtschaftliche Entwicklung der Praxen, die einen grossen Teil der Behandlungen durchführen. Der Zugang für die Patienten wird sich verschlechtern, die Behandlungen werden weniger wirksam sein. Das ist ein Versorgungsrisiko.Was erhoffen Sie sich mit dem neuen Verband?Wir müssen uns einen Platz am Verhandlungstisch mit den Krankenkassen und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) sichern.Wie viele Leute brauchen Sie, um einen solchen Platz zu ergattern?Wir gehen davon aus, dass wir einige tausend Mitglieder brauchen. Wir rechnen damit, dass viele Angestellte aus Physiotherapiepraxen zu uns kommen werden. Sie sind bis jetzt kaum verbandspolitisch organisiert. Ihnen können wir eine Stimme geben. Wir sind aber für alle offen, die unsere Idee von einer modernen, wirkungsorientierten Physiotherapie teilen.Wie bei vielen Gesundheitsleistungen sehen wir auch bei den Physiotherapeuten eine Mengenausweitung. Wie setzt man in einer solchen Situation die richtigen Anreize?Die Nachfrage nach Physiotherapie nimmt sicher eher zu. Der jetzige Tarif ist nicht perfekt, aber er ist immer noch besser als der geplante. Im Unfallbereich gibt es bereits seit einem Jahr einen Zeittarif. Dort sieht man, dass viele Behandlungen sehr viel länger dauern als vorher. Jede Praxis, die jetzt zu wenig Patienten hat, wird künftig volle Terminpläne haben.Kritiker sagen, Ketten und Gruppenpraxen würden immer zwei bis drei Minuten weniger lange behandeln, als es das Tarifsystem vorgesehen habe, damit sie mehr Termine vergeben könnten.In den Pauschalen war nie definiert, wie lange eine Behandlung dauern muss, und das ist auch richtig so. Es ist ein Honorar für eine Behandlung. Wesentlich ist es, das Richtige zu tun und nicht möglichst lange zu therapieren.Wollen Sie dann überhaupt etwas ändern am jetzigen Tarif?Es frustriert mich, dass es keinen Anreiz für Qualität und keine tauglichen Minimalanforderungen an Infrastruktur und Weiterbildung gibt. Wir müssen nun die Chance nutzen, ein gutes neues Tarifsystem auszuarbeiten. Wir müssen ein System suchen, bei dem wir die Kriterien Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit ins Zentrum stellen. Da gibt es sicher auch noch viele bessere Tarife als den, den wir jetzt haben. Wir wollen das zusammen mit den Versicherungen und dem BAG ausloten.Wird es künftig eine Zusammenarbeit zwischen Prophysio und Physioswiss geben?Wir haben nichts gegen Physioswiss. Wir sehen uns als Branchenverband, der auch die Perspektive der Patienten einbezieht. Aber wir haben in vielen Bereichen die gleichen Interessen und werden dort zusammenarbeiten.Passend zum Artikel
Neue Tarifstruktur: was hinter dem Streit der Physiotherapeuten steckt
Eine Gruppe von Therapeuten hat sich vom Verband Physioswiss abgespalten. Christoph Landolt ist Verwaltungsrat bei Physiozentrum und Mitgründer des neuen Verbands Prophysio. Er sagt: Die moderne Physiotherapie sei heute politisch nicht gut genug repräsentiert.














