Näher kann man diesem Mann kaum kommen. Sogar sein altes Telefon mit Wählscheibe steht jetzt bereit. Weil er sich seine eigene Nummer nie habe merken können, schrieb er sie direkt auf das Gehäuse des Geräts von 1988 – nachdem er es weiß übermalt hatte.Die Rede ist von dem Modedesigner Martin Margiela, der einen Teil seines Privatbesitzes am Donnerstag in Paris von Maurice Auction in Zusammenarbeit mit Kerry Taylor versteigern ließ, darunter einen seiner weißen Arbeitskittel, Barbie-Puppen, die Miniaturversionen seiner Kleider tragen, Kleidungsstücke seiner Mutter. Allesamt Stücke, die, wie auch das alte Telefon, zunächst nicht nach Objekten von künstlerischem Wert klingen, sondern eher wie Kram, den auch bekannte Modedesigner des 20. Jahrhunderts mit der Zeit ansammeln und irgendwann loswerden wollen.Anschluss unter dieser Nummer: Margielas altes Telefon hat für 13.000 Euro einen Käufer gefunden.Maurice AuctionDas weiße Telefon allerdings liefert schon einen Hinweis darauf, dass es sich bei diesen Stücken nicht um alltäglichen Hausstand handelt. So erklärt Martin Margiela in seinen eigenen Worten in den beigefügten Notizen, dass er mit dem damals angesagten schwarzen Möbeldesign der Achtzigerjahre wenig anfangen konnte. Dass er deswegen das Gegenteil machte und sein Telefon 1988 eben weiß überstrich. Der Apparat, der auf 3000 bis 5000 Euro geschätzt worden war, erbrachte in der Versteigerung am Donnerstag inklusive Gebühren 13.000 Euro.Nicht allein dieses Arbeitsmaterial war komplett in Weiß gehalten, auch Margielas Atelier war es, seine Arbeitskleidung und später seine Läden: als sollte alles Funktionale, womit er zu tun hatte, bestenfalls unsichtbar sein – seine eigene Person eingeschlossen.Dokumente der ModegeschichteDenn Margiela war in seinen Spitzenjahren in der Mode und ist bis heute, da er sich längst von diesen Kreisen distanziert hat, „der große Unbekannte“. So formuliert es Salomé Pirson von Maurice Auction, die den Verkauf der persönlichen Stücke von Martin Margiela leitet. Der Designer gab über seine gesamte Laufbahn hinweg nur wenige Interviews. Anfragen wurden allenfalls per Fax, später per E-Mail beantwortet. Jahrzehntelang wusste auch fast niemand genau, wie Martin Margiela eigentlich aussieht, ob hinter dem Namen vielleicht ein Designkollektiv steckt oder eine Frau. Beides stimmte in gewisser Weise, denn seine Designpartnerin Jenny Meirens leitete Maison Martin Margiela mit ihm zusammen. Das letzte bekannte Foto von ihm ist zu Beginn seiner Karriere entstanden.Gerade das macht diese Versteigerung so interessant. Die 195 Lose geben Einblicke in Margielas Leben, und sei es nur, dass man erfährt, welches Telefon er verwendet hat. Dokumente der Modegeschichte sind es obendrein. Auch Salomé Pirson betont, dass hier zum ersten Mal ein noch lebender Künstler einen Teil seiner Privatsammlung selbst geschaffener Objekte verkauft. „Hier bewegen wir uns in seiner Welt, es sind Stücke, die er für sich kreiert und über Jahre behalten hat.“Aus seiner Zeit bei Hermès und für die Mutter: Kleidung und Schuhe vor der AuktionAFPDer Absolvent des Modeprogramms an der renommierten Antwerpener Akademie der schönen Künste gründete sein Label 1988, nachdem er Jean Paul Gaultier drei Jahre assistiert hatte. Schon nach einem Jahr mit eigener Marke folgte der Bruch mit der Presse. Margiela hielt eine Modenschau auf einem öffentlichen Spielplatz ab, noch dazu in einem der ärmeren Stadtteile von Paris. Damit schockierte er. Allerdings nicht auf die Art, wie Modedesigner wie Alexander McQueen oder Thierry Mugler es gegen Ende des Jahrhunderts gerne taten, indem sie über die Mode historische Ungerechtigkeiten zum Thema machten oder sich mit dystopischen Zuständen auseinandersetzten, sodass Schock bei den Zuschauern am Ende zu Bewunderung führte. Margiela wurde vorgeworfen, Armut auszunutzen. Anstatt diese vordigitale Sorte von kurzfristigem Shitstorm auszusitzen, zog er sich zurück – und muss dabei dahintergekommen sein, dass ihn die Unsichtbarkeit als Designer nur interessanter machte.Eine Hermès-Tasche darf nicht fehlenDenn unabhängig von dieser unglücklichen Wahl einer Schauen-Location traf er über mehrere Jahrzehnte hinweg einen Nerv mit seinen Einfällen. Das zeigen nun auch die hohen Erlöse bei der Auktion: Ein grauer, aus Baumwollstrümpfen gefertigter Pullover aus seiner Winterkollektion von 1991 erlöste 117.000 Euro brutto. Neben seinem eigenen Label arbeitete Margiela – weiterhin in der Unsichtbarkeit – als Designer für Hermès. Auch aus dieser Zeit stammen viele Lose. Eine Ledertasche, Modell Initials von 2002, die, wie viele Stücke, zuvor Martin Margielas Mutter Léa Bouchet gehörte, spielte 44.200 Euro ein. Damit liegt die Tasche, die wahrlich nicht zu den bekannten Modellen von Hermès gehört, sogar über dem durchschnittlichen Niveau auktionierter Kelly- oder Birkin-Bags.Gleichfalls begehrt: bekritzelte Tabi-Boots und Miniaturausgaben von Margiela-Modellen für BarbiesAFPAm meisten überrascht allerdings ein Paar bekritzelter Tabi-Boots. Mit der Gründung seines Labels legte Margiela diese besonderen Zehenschlitzstiefel auf, die er zuvor an Arbeitern in Tokio entdeckt hatte. Er fügte noch einen Absatz hinzu. Es muss eine späte Freude sein, wenn man bedenkt, dass die Schuhe zunächst nicht überall gut ankamen und trotzdem seit Jahrzehnten Teil der Modegeschichte sind. Ausgerechnet junge Modebegeisterte haben die Tabi-Boots in den vergangenen Jahren wiederentdeckt. 2018 stellte Margiela ein Paar im Rahmen einer Ausstellung über ihn im Pariser Galliera-Museum aus. Zu seiner eigenen Überraschung verewigten sich die Besucher mit schwarzen Kritzeleien auf den weißen Stiefeln. Damit wurde das Paar schlussendlich zur Kunst – und erzielte nun einen Rekordpreis von 364.000 Euro, das Zehnfache des Schätzpreises von 30.000 bis 50.000 Euro.Zum Zeitpunkt der Galliera-Ausstellung hatte Margiela seine eigene Marke schon neun Jahre lang hinter sich gelassen. Für Hermès war er sogar nur bis 2003 tätig. Dass der Unbekannte nicht in Vergessenheit geraten ist, zeigt das Interesse an der Auktion: 15.000 Bieter beteiligten sich. Sämtliche Lose wurden verkauft und erzielten ein Gesamtergebnis von knapp 1,4 Millionen Euro.Ein Perfektionist, der gerne die Kontrolle behältEine schöne Summe, auch für einen der stilprägenden Modemacher des vergangenen Jahrhunderts. „Er hat keine Kinder, er ist 69 Jahre alt, und er bevorzugt es vielleicht, dass sein Vermächtnis zu Lebzeiten verkauft wird, solange er darüber die Kontrolle hat und damit noch etwas Geld verdienen kann“, sagt Salomé Pirson über Margielas mögliche Beweggründe für die Trennung von einem Teil seines Privatbesitzes.In den vergangenen anderthalb Jahren stand sie mit ihm in Kontakt. Anfang 2025 hatte sich das Haus um den Verkauf des Margiela-Inventars seines ersten italienischen Produzenten gekümmert. Damit habe Margiela selbst nichts zu tun gehabt. „Ich informierte ihn damals nur über die Auktion“, sagt Pirson. So lernten sie sich besser kennen, und so muss Margiela den Entschluss gefasst haben, ein Stück weit aus der Deckung zu treten. Auch das sagt Salomé Pirson heute über den großen Unbekannten und seine Gründe für ein Leben im Abseits: „Er ist Perfektionist. Und ich denke, er ist sehr klug, zu verstehen, dass die Welt ein bisschen dämlich ist. Also tut er sein Bestes, nichts mit dieser Welt zu tun haben zu wollen.“
Wie war es bei der Martin-Margiela-Auktion in Paris?
Martin Margiela gehört zu den stilprägenden Modemachern des 20. Jahrhunderts. Dabei trat er selbst nie in Erscheinung. Jetzt wurde in Paris ein Teil seines Privatbesitzes versteigert. Was erfährt man über ihn?











