Martin Margiela, der sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzieht, 1994 bei der Präsentation seiner Herbstkollektion in New York. Getty Images Mehr als 200 Entwürfe, Prototypen, Fotografien und persönliche Gegenstände des belgischen Kultdesigners kommen im Juli in Paris zur Versteigerung. Darunter auch Stücke aus seiner eigenen Garderobe und der seiner Mutter.Die Modebranche lebt von Archiven; viele neue Kollektionen gehen auf die Auseinandersetzung von Designern und Marken mit früheren Entwürfen zurück. Oft bleiben diese jedoch verschlossen, sorgfältig verwahrt und der Öffentlichkeit verborgen. Nicht selten werden sie erst nach dem Tod ihrer Besitzer zugänglich gemacht. Martin Margiela geht einen anderen Weg: Der Designer, der sich 2009 aus der Öffentlichkeit zurückzog und sich nun der bildenden Kunst widmet, öffnet sein persönliches Archiv und lässt Teile davon versteigern.«Nachdem ich viele Jahre damit verbracht hatte, mein Archiv von einem Ort zum anderen zu verlegen und einzelne Stücke für Ausstellungen auszuleihen, hatte ich das Gefühl, dass es an der Zeit war, mich von einem Teil meiner Erinnerungen an die Modewelt zu trennen», so lässt sich Margiela von Maurice Auction zitieren. Das Pariser Auktionshaus organisiert den Verkauf gemeinsam mit Kerry Taylor Auctions in London. «Nach langem Überlegen war es schliesslich der Gedanke, mehreren Sammlern und Institutionen eine Freude zu bereiten, der mich dazu bewog, sie in die Welt hinauszuschicken», so Margiela weiter. Die Auktion findet am 9. Juli 2026 in Paris statt. Maurice Auction / PD Unter den Hammer kommen mehr als 200 Objekte aus den Jahren von 1984 bis 2008: eigene Entwürfe, Prototypen, Skizzen und persönliche Gegenstände aus der Karriere Margielas, der als einer der einflussreichsten Designer der letzten fünfzig Jahre gilt. Die meisten der Objekte wurden zuvor noch nie gezeigt.Besonders begehrt dürften jene Stücke sein, die Margiela selbst getragen hat. Darunter die «Blouse Blanche», die Atelierbluse des Designers, auf deren Kragen sein Name mit schwarzem Permanentmarker vermerkt ist. Zu den weiteren spannenden Losen gehören ein Paar Tabi-Stiefel mit der charakteristischen geteilten Zehenpartie, die mit Graffiti einer Ausstellung im Pariser Palais Galliera von 1991 bedeckt sind, sowie ein Prototyp jener Schleier, die die Gesichter der Models auf dem Laufsteg regelmässig verhüllten. Marc Chatelard Marc Chatelard Marc Chatelard Die der Auktion vorausgehende Ausstellung wird von Margielas langjährigem Mitarbeiter Bob Verhelst kuratiert. Versteigert wird zudem das Telefon von Margielas Schreibtisch aus dem Jahr 1988, auf dem seine frühere Telefonnummer notiert ist – angeblich, weil er sie sich nie merken konnte. Auf dem Telefon von 1988 steht Margielas alte Telefonnummer geschrieben. Marc Chatelard Intimer Einblick in Margielas WeltDer 1957 im belgischen Genk geborene Designer hat an der Königlichen Akademie der schönen Künste in Antwerpen studiert und später im Atelier von Jean Paul Gaultier gearbeitet. 1988 gründete er sein gleichnamiges Modehaus. Früh entwickelte er eine Ästhetik, die sich demonstrativ gegen das Modebild der Zeit richtete: Während viele Designer ihre Modelle möglichst perfekt erscheinen liessen, interessierte ihn das Unfertige, Getragene und Reparierte, offene Säume, freiliegende Konstruktionen und Silhouetten, die wirken, als befänden sie sich noch mitten im Entstehungsprozess.Zur Versteigerung kommen aber auch Stücke aus seiner Zeit bei Hermès, wo Margiela zwischen 1997 und 2003 Kreativdirektor war. Diese wirken heute fast irritierend nüchtern; statt Dekonstruktion und freiliegender Nähte prägten zurückhaltende Schnitte in ebenso zurückhaltenden Farbpaletten und edle Materialien wie Leder, Seide und Cashmere seine Kollektionen. Getty Images Marc Chatelard Strickwaren aus Margielas Hermès-Kollektion für Herbst/Winter 1998. Besonders persönlich sind rund sechzig Kleidungsstücke, Taschen, Accessoires und Schuhe aus der Garderobe seiner verstorbenen Mutter Léa Bouchet. Margiela, der ihr sehr nahe stand und von ihr schon früh in seinem Wunsch, Designer zu werden, unterstützt wurde, schenkte ihr während seiner Jahre bei Hermès zahlreiche Stücke aus den Kollektionen.Eine intime, aber unkomplizierte ZusammenarbeitDies sei das erste Mal, dass ein Kreativer direkt mit einem Auktionshaus zusammenarbeite, um sein persönliches Archiv von Kleidung und Entwürfen anzubieten, schreibt das Auktionshaus weiter. Mit Margiela sei man dabei in engem Austausch gewesen, erzählt Salomé Pirson, Mitgründerin von Maurice Auction, gegenüber dem «Financial Times»-Magazin «How to Spend It». Gemeinsam mit dem Auktionshaus habe er die Objekte inventarisiert und für die Versteigerung ausgewählt.Pirson beschreibt den Designer als «alles andere als exzentrisch» und betont, dass er Maurice Auction grosses Vertrauen entgegengebracht habe. Schliesslich sei die Sammlung von hohem persönlichem Wert: «Es geht hier nicht um jemanden, der etwas gekauft, behalten und dann verkauft hat, um Geld zu verdienen», sagt Pirson. «Es geht um ein persönliches Archiv.»Die Auktion findet am 9. Juli 2026 in Paris statt. Wer die Objekte vorab sehen möchte, hat dazu vom 4. bis 8. Juli Gelegenheit: Maurice Auction zeigt die Stücke in seinen Räumlichkeiten an der Rue La Boétie 60 im 8. Arrondissement. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Eine Premiere in der Modewelt: Martin Margiela versteigert sein eigenes Archiv
Mehr als 200 Entwürfe, Prototypen, Fotografien und persönliche Gegenstände des belgischen Kultdesigners kommen im Juli in Paris zur Versteigerung.
Martin Margiela versteigert im Juli 2026 in Paris über 200 Archive aus seiner Karriere: Entwürfe, Prototypen und persönliche Gegenstände. Ein Shift in Creative Leadership: Archive öffnen statt bewahren für Community-Engagement und Monetarisierung – Pattern, das auch Tech-Brands beobachten sollten.






