Frau Abgeordnete, fast 42 Grad im Juni – hat Sie die Hitze überrascht?Ich glaube, das hat viele überrascht. Mir sagen Leute, die in Dachgeschosswohnungen leben, sie hätten noch nie so gelitten. In meiner Heimatstadt Köln waren die Krankenhäuser überlastet, die Bestatter am Limit. Wir hatten schon vorher Hitzesommer, aber die Abfolge von Rekordtemperaturen hat schon viele aufgerüttelt. Ganz anders als die Bundesregierung.Bevor wir über die aktuelle Regierung sprechen, ein Blick zurück: Warum ist das Land so schlecht vorbereitet?In der Ampel haben wir ein eigenes Klimaanpassungsgesetz auf den Weg gebracht. Und mit dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz ein riesiges Förderprogramm aufgelegt. Grundsätzlich kann der Bund bei der Klimaanpassung aktuell nur einen Rahmen geben. Die Länder und Kommunen müssen auch selbst vor Ort entscheiden können. Ich werfe CDU und SPD aber vor, dass sie die großen finanziellen Hebel nicht nutzen, die der Bund hat. Hier könnten sie unterstützen.Dröge mit ihrer Ko-Fraktionschefin Britta Haßelmann und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im BundestagOmer MessingerBundesumweltminister Schneider sagt, die Kommunen sollen den Hitzeschutz aus ihrem Anteil am Sondervermögen bezahlen.Das finde ich schon dreist. Die Kommunen stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Bürgermeister sagen parteiübergreifend zu Recht, dass sie ohne weitere Mittel gar nichts zusätzlich hinbekommen. Wir Grünen haben dem Sondervermögen aus der Opposition heraus zugestimmt, gerade für solche Fragen. Doch ausgerechnet beim Förderprogramm für Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen kürzt der Bund. Im Haushaltsentwurf für 2027 soll der Titel „Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel“ um mehr als 86 Prozent gekürzt werden. Hätten wir in der Ampel 500 Milliarden gehabt, hätten wir eine ganz andere Politik gemacht.Dabei gab es auch bei den Grünen viele Leute, die nicht über Klimaanpassung, sondern nur über Klimaschutz reden wollten. Im Wahlprogramm vor der Bundestagswahl war die Anpassung ein viel kleineres Thema als die Reduktion von Emissionen.Wir haben immer über beides gesprochen. Aber natürlich heißt jedes zehntel Grad Erderwärmung weniger in Zukunft ein besseres Leben auf diesem Planeten. Das eine ist das Behandeln der Symptome, das andere die Therapie der Krankheit. Und man sollte nicht den verwirrenden Eindruck erwecken, dass man sich vollständig an eine brutal voranschreitende Klimakrise anpassen kann. Ohne das Bremsen des Klimawandels kommen wir nicht durch. Gleichzeitig ist richtig, dass wir mit den jetzt existierenden Problemen umgehen müssen. Ohne Schutz sterben viele Menschen bei Hitze. Gerade in sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen müssen wir dringend handeln, da braucht es mehr Klimaanlagen in Kombination mit Solaranlagen.Auch sonst schlug die Hitze breit zu: Autobahnen platzten auf, Fugen von Straßenbahnschienen schmolzen, die Bahn bat während der Hitzewelle darum, nicht mit ihr zu reisen. Dabei ist Klimaanpassung unter den Parteien im Grundsatz eigentlich kaum umstritten; selbst die AfD hat dafür geworben. Noch einmal: Warum ist bisher so wenig passiert?„Mehr Klimaanlagen in Kombination mit Solaranlagen“: Dröge im Gespräch mit der F.A.Z.Omer MessingerFriedrich Merz ist nicht einmal in der Lage, auszusprechen, dass das gerade die Klimakrise ist und nicht bloß Wetter. Das ist Teil des Problems. Ich finde es krass, wie wenig die Bundesregierung gerade macht. Es gab aber immer auch Widerstand gegen Klimaanpassung. Bei jedem Baum, den ich in der Kölner Kommunalpolitik wollte, wollte jemand anders dort einen Parkplatz haben. Haben wir über Frischluftschneisen geredet, fanden andere das esoterisches Gerede. Das ändert sich jetzt.Ist die Verdrängung das Problem? Gerade ist die Hitze schon wieder weg. Läuft es wie nach der Ahrflut, dass die neue Wucht der Natur auch schnell wieder vergessen ist?Bei der Klimakrise hat man immer das Gefühl, die potentiellen Katastrophen sind noch ganz weit weg. Aber der Hitzeschock jetzt hat viele aufgerüttelt. Im Deutschlandtrend der ARD ist der Klimawandel schon wieder die zweitdringendste Sorge der Deutschen. Bei uns melden sich gerade viele alte, aber auch junge Menschen, die sagen, dass sie mit der Hitze nicht klarkommen. Die sagen: Niemand kümmert sich um das Thema. Krankenpfleger, Ärztinnen und Lehrer melden sich auch viel.Sollte das Grundgesetz geändert werden, damit der Bund mehr für die Klimaanpassung tun darf?Wir würden da auf jeden Fall mitstimmen. Solange die CDU in der Opposition war, war es schwer, das zu beschließen. Wir haben in der Ampel-Zeit schon herausgearbeitet, wie so eine Gemeinschaftsaufgabe ausgestaltet werden kann. Wenn es jetzt in der Koalition eine Mehrheit dafür gibt, bin ich sicher, dass auch eine Zweidrittelmehrheit erreichbar sein wird. Ich wünsche Umweltminister Schneider viel Glück, das im Kabinett durchzusetzen.In Deutschland kann man im Hitzesommer klimatisch schlechter leben als in den Golfstaaten. In Nordamerika sterben viel weniger Menschen in zu heißen Krankenhäusern. Daran könnte man etwas ändern, ohne an die Verfassung zu gehen.Mein Vorschlag ist, dass wir in zwei Jahren jedes Krankenhaus, jede soziale Einrichtung, jede Schule und jede Kita mit Klimaanlagen ausstatten. Aber bitte mit Solar auf dem Dach. Zudem müssen wir vor allem unsere Städte mehr begrünen – denn das hilft nicht nur gegen Hitze, sondern sorgt auch für bessere Luft, speichert kostbares Wasser und fördert nachweislich das menschliche Wohlbefinden.Die CDU in Hamburg spottet über diese Forderung. Grüne Doppelzüngigkeit sei das; schließlich hätten in Hamburg auch die Grünen dafür gesorgt, dass der Einbau nur erlaubt ist, wenn man nachweist, dass es keine anderen Maßnahmen zur Kühlung gibt. Ziemlich viel Bürokratie also.Quatsch, Bürokratieabbau muss immer auch grünes Kernthema sein. Dabei geht es aber nicht darum, sinnvolle Ziele infrage zu stellen, sondern Lösungen zu finden, wie man den Einzelfall schlauer regeln kann. Deshalb haben wir zum Beispiel auf Bundesebene Praxischecks eingeführt und gerade beim Ausbau der erneuerbaren Energien viele bürokratische Hürden abgebaut. Übrigens brauchen wir nicht nur Klimaanlagen, sondern auch mehr Beschattung in den Städten. Jeder Baum ersetzt mehrere Klimaanlagen. Wir müssen Flächen entsiegeln. Spielplätze brauchen Sonnensegel. Wenn andere Parteien grüne Klimapolitik kritisieren, sollten sie doch mal sagen, wie sie es besser machen wollen.„Jeder Baum ersetzt mehrere Klimaanlagen“: Dröge in ihrem BundestagsbüroOmer MessingerDie üppige Förderung beim Heizen führt dazu, dass Wärmepumpen in Deutschland oft teurer sind als in anderen Ländern. Wäre es bei den Klimaanlagen jetzt nicht besser, dafür zu sorgen, dass Strom billiger wird?Die Koalition könnte das eigene Versprechen umsetzen, die Stromsteuer für alle zu senken. Bei der Heizungsförderung ist es fatal, wenn die jetzt wie angekündigt drastisch sinken sollte. Die Menschen, die Unternehmen haben sich darauf verlassen. Für den Übergang hin zu neuen Technologien braucht es eine verlässliche Förderung. Das schafft Akzeptanz für Klimapolitik. Und die braucht es.