Als die Schweiz letztmals in einem WM-Viertelfinal spielte, herrschten in Lausanne 40 Grad im Schatten. Es wurde das torreichste Spiel der WM-GeschichteIm Sommer 1954 richtet die Schweiz erstmals eine Fussball-Weltmeisterschaft aus. Die ersten Live-TV-Übertragungen einer WM und ein ungewöhnlicher Modus machen das Turnier bis heute einzigartig.10.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenUnd schon wieder schlägt der Ball im Tor ein. Der Schweizer Torhüter Eugène Parlier kann den Gegentreffer der Österreicher nicht verhindern.Photopress/KeystoneDie Sonne brannte erbarmungslos auf den Rasen, als am 26. Juni 1954 um 17 Uhr in Lausanne der WM-Viertelfinal zwischen der Schweiz und Österreich angepfiffen wurde. Meteorologen massen im Stadion Pontaise 40 Grad im Schatten. Die Hitze prägte die Partie von der ersten Minute an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Telegramme zeigen einen wilden Spielverlauf. Die Schweiz führte nach 19 Minuten 3:0. Robert Ballaman und zweimal Josef Hügi hatten innert vier Minuten getroffen. Danach drehte Österreich die Partie mit fünf Treffern innerhalb von neun Minuten. Ballaman und Hügi erzielten später nochmals je ein Tor. Doch Österreich legte in der zweiten Halbzeit mit zwei weiteren Toren nach. Am Ende stand ein 7:5 für die Österreicher. Bis heute ist es das torreichste Spiel der WM-Geschichte.Spieler verlieren das Bewusstsein und brechen zusammenDie Hitze prägte nicht nur das Spiel. Auch die Spieler gerieten an ihre Grenzen. Zeitzeugen erzählten später, Österreichs Torhüter Kurt Schmied habe während des Spiels einen Sonnenstich erlitten. Benommen soll er durch den Strafraum getaumelt sein und in der Pause sogar kurz das Bewusstsein verloren haben. Auswechslungen oder Trinkpausen erlaubte das Reglement damals noch nicht. Also wurden die Verantwortlichen kreativ. Der österreichische Masseur stellte sich in der zweiten Halbzeit hinter das Tor, dirigierte den Torhüter und kühlte ihn bei jeder Gelegenheit mit einem nassen Schwamm.Auch die Schweizer litten unter den extremen Bedingungen. Die sonst diszipliniert auftretende Mannschaft zerfiel zusehends. Der Captain Roger Bocquet verlor zeitweise die Orientierung, schleppte sich über den Platz und brach in der Schlussphase zusammen. Spätere Untersuchungen stellten einen Hirntumor fest, den die Ärzte erfolgreich entfernten.Nicht nur wegen solcher Szenen zählt die «Hitzeschlacht von Lausanne» bis heute zu den prägenden Erinnerungen an die WM 1954 – neben dem «Wunder von Bern», dem Finalspiel, in dem die Deutschen völlig überraschend die gloriosen Ungarn besiegten.Die WM war erstmals live im FernsehenDas Turnier war in vielerlei Hinsicht revolutionär. Erstmals trug die Eidgenossenschaft eine Fussball-Weltmeisterschaft aus. Bis heute blieb die Endrunde 1954 die einzige Männer-WM auf Schweizer Boden. Damals, neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, stand weit mehr als Sport auf dem Programm.Die Weltmeisterschaft fiel in eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Viele Schweizerinnen und Schweizer erlebten damals ihr erstes internationales Grossereignis, im Stadion, am Radio oder erstmals vor dem Fernseher. Der Fussball wuchs vom regionalen Volkssport zum nationalen Phänomen, das die Massen bewegt.Die beiden Captains, der Österreicher Ernst Ocwirk und der Schweizer Roger Bocquet, geben sich vor dem Spiel die Hand.Photopress/KeystoneDie Vergabe an die Schweiz war nicht von ungefähr gekommen. Mit dem Sitz des Weltfussballverbands (Fifa) in Zürich verfügte das Land über eine enge Verbindung zum internationalen Fussball. Gleichzeitig bot es beste Voraussetzungen für ein Turnier mit erstmals sechzehn teilnehmenden Nationen. Gespielt wurde in Lausanne, Bern, Lugano, Basel, Zürich und Genf.Für Diskussionen sorgte der Turniermodus. Während die WM in diesem Jahr erstmals mehr als hundert Partien umfasst, wollte die Fifa die Zahl der Spiele damals bewusst klein halten. Die sechzehn Teams spielten in vier Gruppen. Jede Gruppe bestand aus zwei gesetzten und zwei ungesetzten Mannschaften. Das Reglement schützte die gesetzten Teams. Sie trafen nicht direkt aufeinander, sondern spielten ausschliesslich gegen die ungesetzten Gegner.Ein Sieg brachte damals zwei Punkte. Endete ein Gruppenspiel nach 90 Minuten unentschieden, folgte eine Verlängerung über zweimal 15 Minuten. Stand danach weiterhin kein Sieger fest, teilten die Mannschaften die Punkte. Erreichten zwei Teams den zweiten Gruppenplatz mit gleicher Punktzahl, entschied ein zusätzliches Spiel über den Einzug in den Viertelfinal.«Schweizer Riegel» schlägt Italien zweimalDie Schweizer Nationalmannschaft zählte nicht zum Favoritenkreis. In ihrer Gruppe spielten England und Italien, beide gehörten zu den gesetzten Teams. Trotzdem durfte die Schweizer Auswahl des Trainers Karl Rappan auf den Heimvorteil vertrauen. Rappan, der Österreicher aus Wien, hatte den Schweizer Fussball von den 1930er Jahren an geprägt. Mit dem «Schweizer Riegel» entwickelte er ein Defensivsystem, das seiner Zeit weit voraus war und später den Weg für die Position des Libero ebnete.Die Grundlage für Rappan bildete ein angepasstes 2-5-3-System. Die beiden Aussenläufer rückten in die Abwehr zurück und übernahmen die Rolle der Aussenverteidiger. Die beiden Verteidiger spielten hintereinander im Zentrum. Dahinter sicherte ein freier Mann ohne direkten Gegenspieler ab. Ein System, das so heute kaum mehr gespielt werden kann, damals aber durchaus erfolgreich war.Zum Auftakt überraschte die Schweiz. In Lausanne besiegte sie den Favoriten Italien 2:1. Anschliessend verlor sie in Bern gegen England 0:2. Weil Italien dieselbe Punktzahl erreichte, musste ein Entscheidungsspiel den Viertelfinalisten bestimmen. Die Schweiz gewann dieses klar 4:1 und sorgte für die erste grosse Überraschung des Turniers.Die Schweizer Spieler (rechts Josef Hügi) werden nach dem Sieg gegen Italien von den Zuschauern gefeiert.Photopress/KeystoneTrotz dem späteren Ausscheiden im Viertelfinal gegen die Österreicher hinterliess die Schweizer Mannschaft einen guten Eindruck. Vor allem der Stürmer Josef Hügi überzeugte. Der ausgebildete Malermeister, wegen seiner Torgefährlichkeit auch «Goldfüsschen» genannt, erzielte sechs Tore und belegte damit Platz zwei der Torschützenliste hinter dem Ungarn Sandor Kocsis, der elfmal traf.Die Tore fielen an dieser Weltmeisterschaft allgemein fast im Minutentakt. In 26 Spielen erzielten die Mannschaften insgesamt 140 Treffer. Das entspricht einem Schnitt von 5,38 Toren pro Partie.Der Einzug in den Viertelfinal beim Heimturnier von 1954 zählte bis zu diesem Dienstag zu den grössten Erfolgen des Nationalteams an einer Weltmeisterschaft. Mit dem Sieg gegen Kolumbien im Achtelfinal in Vancouver hat die heutige Mannschaft diesen Erfolg egalisiert. Nun warten in Kansas City im amerikanischen Gliedstaat Missouri Argentinien und Lionel Messi auf die Schweizer Nationalmannschaft.
Hitzeschlacht von Lausanne: Als die Schweiz letztmals in einem WM-Viertelfinal spielte
Im Sommer 1954 richtet die Schweiz erstmals eine Fussball-Weltmeisterschaft aus. Die ersten Live-TV-Übertragungen einer WM und ein ungewöhnlicher Modus machen das Turnier bis heute einzigartig.











