„Eine heiße Schlacht, hier brodelt alles“, sagt Heribert Meisel, der fiebrige Wiener Reporter, zu Beginn einer Fußballpartie, die bis heute in fast 100 WM-Jahren und 1000 WM-Spielen weder bei Temperatur noch Toranzahl übertroffen wurde. Meisels Radioreportage von der „Hitzeschlacht von Lausanne“ wird später als Schellackplatte ein Hit.Fast 40 Grad Celsius misst man an jenem Tag, der alle üblichen Erwartungen an ein Fußballspiel auf den Kopf stellt. Nach 16 Minuten trifft ein Schweizer mit dem herrlichen Stürmernamen Ballaman zum 1:0, nach 39 Minuten wieder – nun ist es das 4:5. Neun Tore binnen 23 Minuten. Binnen drei Minuten drei Schweizer Tore, binnen neun Minuten fünf für Österreich. Ein wahrlich hirnerweichender Kick.Kollaps in der SchlussphaseKurt Schmied, der österreichische Torhüter, erleidet schon in der ersten Halbzeit einen Hitzschlag. In der Kabine wird er ohnmächtig. Man päppelt ihn wieder auf, Auswechslungen sind noch nicht erlaubt. Nach der Pause postiert sich Masseur Josef Ullrich hinter dem Kasten des torkelnden Torwarts. Ist der Ball weit weg, reicht er ihm einen kühlenden Schwamm. Ist der Ball nah, gibt er Warnhinweise. Halten bitte! Ein ferngesteuerter Torwart.Auch die Schweizer haben einen Ausfall. Kapitän Roger Bocquet hält sich schon nach 20 Minuten den Kopf. Er schleppt sich bis in die Schlussphase, kollabiert dann. Es ist nicht nur die Sonne. Nach dem Spiel wird bei ihm ein Hirntumor festgestellt – und erfolgreich behandelt. Bocquet wird die Diagnose um 40 Jahre überleben.„Ich weiß nichts mehr“Die Schweizer, die zuvor in ihrem Camp in Magglingen die alpine Sommerfrische genossen, trifft die Hitze am Genfer See härter. Sie mussten noch drei Tage zuvor in ein Entscheidungsspiel gegen Italien (sie gewannen 4:1), während die Österreicher nach der Vorrunde eine Woche Ruhe hatten. Doch auch sie werden noch ihre Zeche bezahlen. Während ihnen die Hitzeschlacht noch Tage in den Knochen und Köpfen sitzt, profitiert ihr nächster Gegner Deutschland von einem Temperatursturz über Nacht und gewinnt bei angenehmen Temperaturen in Genf 2:0 gegen Jugoslawien.Die bei dieser WM vom Wetterglück begleiteten Deutschen sind dann im Halbfinale gegen Österreich deutlich frischer und gewinnen 6:1 – ehe ihnen im Finale gegen die Ungarn der Regen helfen wird.Österreich gegen die Schweiz, es ist ein Spiel, das vom Takt der Torfolge und der Trefferdichte einmalig geblieben ist: 0:1 (16. Minute), 0:2 (17.), 0:3 (18.), 1:3 (25.), 2:3 (26.), 3:3 (27.), 4:3 (32.), 5:3 (34.), 5:4 (36.), 6:4 (54.), 6:5 (60.), 7:5 (77.). Ein unvergessliches Duell, außer für den vergesslichen Torwart der Österreicher.Zur Pause denkt Kurt Schmied, das Spiel sei zu Ende. Im Spital nach Schlusspfiff weiß er nicht mal, wer gewonnen hat. Und kann sich auch später nicht an seinen berühmtesten Auftritt erinnern. „Alle anderen haben mir immer in höchsten Tönen vorgeschwärmt, was das für ein großartiges Match war. Und ich habe halt immer drauf gesagt: ‚Ihr könnt’s mir eh alles erzählen, ich weiß ja nichts mehr.‘“