Die «Wiedergeborene»: Marine Le Pen ist zurück im Rennen um die PräsidentschaftMarine Le Pen feiert ihr politisches Comeback und startet in den Präsidentschaftswahlkampf. Doch ihre Kandidatur bleibt eine Wette auf Zeit. Und Jordan Bardella? Der ist erst einmal abgemeldet.10.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMarine Le Pen, die alte und neue Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement national, und Jordan Bardella, der Parteivorsitzende, am Mittwoch in der Kleinstadt La Flèche.Michel Euler / APHände schütteln, Käse probieren, mit Landwirten schwätzen – französische Präsidentschaftskandidaten lieben den Marktplatz. Wo sonst hätte Marine Le Pen, die sich seit vielen Jahren als Anwältin des einfachen und ländlichen Frankreichs versteht, besser in ihren Wahlkampf einsteigen können?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nur einen Tag nach dem überraschenden Berufungsurteil, das ihr den Weg für eine vierte Kandidatur freimachte, begab sich die langjährige Chefin des rechtsnationalen Rassemblement national (RN) am Mittwoch gemeinsam mit dem Parteivorsitzenden Jordan Bardella auf den Wochenmarkt in La Flèche.Bardella zurück in der zweiten ReiheDie Kleinstadt in der Loire-Region, rund 250 Kilometer südwestlich von Paris, gehört seit den Kommunalwahlen im März zu den neuen Hochburgen des RN. Hier treibt zudem Le Pens Schwester Marie-Caroline den Aufbau der Partei in der Region voran. La Flèche war auch deswegen von den Parteioberen als Schauplatz für den Wahlkampfauftakt auserkoren worden.Doch vom beschaulichen Marktidyll war an diesem Tag wenig zu spüren. Fernsehbilder zeigten ein dichtes Gedränge aus Kamerateams, Sicherheitskräften, Anhängern und Gegendemonstranten. Während Unterstützer versuchten, sich für ein Selfie bis zu Le Pen vorzukämpfen, spielte der Parteichef Jordan Bardella, der bis zum Berufungsurteil als wahrscheinlichster Präsidentschaftskandidat des RN gegolten hatte, nur noch die Rolle des Begleiters.Seine verschlossene Miene wurde in französischen Medien umgehend zum Thema. Die linksliberale Zeitung «Le Monde» beschrieb einen Politiker, der neben der sichtlich triumphierenden Le Pen beinahe abwesend wirkte. Aus dem designierten Anwärter auf den Élysée-Palast war über Nacht wieder die Nummer zwei der Partei geworden.Dass Bardella überhaupt so weit in den Vordergrund gerückt war, lag jedoch allein an Le Pens juristischen Problemen. Nach ihrer Verurteilung im März 2025 hatte sich das RN zunehmend auf das Szenario vorbereitet, mit dem Dreissigjährigen als Ersatzkandidat in die Präsidentschaftswahl zu ziehen. Bardella veröffentlichte unterdessen ein Buch über seine politische Vision für Frankreich. Er unternahm Auslandsreisen, unter anderem nach Israel, und traf sich mit französischen Wirtschaftsführern.Nun musste das RN die Rollen zwischen der Übermutter der Partei und ihrem Zögling innerhalb weniger Stunden erneut verteilen. Er selbst beteuerte in La Flèche, wie Medien berichteten, «weder Enttäuschung noch Erleichterung» zu empfinden. Das war allerdings ein Satz ganz nach Bardellas Art: kontrolliert, loyal gegenüber seiner Mentorin Le Pen, frei von jeder emotionalen Regung. Gerade diese Disziplin hatte seinen Aufstieg in der Partei überhaupt erst möglich gemacht.Auf Zeit gespieltPassend zu Le Pens Wahlkampfauftakt veröffentlichte das RN in dieser Woche auch einen neuen Slogan: «Pour la France, la Renaissance» – «Für Frankreich, die Wiedergeburt». Die von vielen bereits abgeschriebene Veteranin der französischen Politik, so will es die Partei erzählen, ist also wiederauferstanden; Le Pen, die sich schon 2012, 2017 und 2022 um die Präsidentschaft beworben hat, ist wieder im Rennen.Doch ihr Triumph ist nicht vollständig. Mit dem Urteil des Berufungsgerichts wurde zwar die grösste Hürde für eine Kandidatur aus dem Weg geräumt. Das Gericht verkürzte die gegen Le Pen verhängte Unwählbarkeit so weit, dass einer Teilnahme an der Wahl im April 2027 grundsätzlich nichts mehr im Wege stehen sollte. Die drei Richterinnen liessen aber einen Teil der Strafe bestehen, der ihren Wahlkampf noch erheblich erschweren könnte. Sie bestätigten eine Freiheitsstrafe, die Le Pen grundsätzlich noch rund ein Jahr unter elektronischer Überwachung verbüssen muss.Im französischen Fernsehen diskutierten Experten umgehend die praktischen Folgen. Wer eine elektronische Fussfessel trägt, darf seine Wohnung nur zu festgelegten Zeiten verlassen. Abendliche Wahlveranstaltungen, Reisen durchs Land oder Termine im Ausland sind nur eingeschränkt möglich. Le Pen hatte wohl gute Gründe dafür, dass sie über Monate hinweg erklärte, sie werde sich nicht mit einer Fussfessel auf einer Bühne zeigen.Doch nach dem Urteil wollte sie davon nichts mehr wissen. «Ich bin die Kandidatin», erklärte sie unmissverständlich im Fernsehsender TF1. Gemeinsam mit ihren Anwälten hatte die ausgebildete Juristin bereits den nächsten Schritt vorbereitet: Sie würde den Kassationshof anrufen.Frankreichs höchstes Gericht rollt den Fall nicht neu auf, sondern prüft lediglich mögliche Rechtsfehler des Berufungsurteils. Solange darüber nicht entschieden ist, muss Le Pen – zumindest nach Auffassung ihrer Verteidigung – die elektronische Fussfessel noch nicht tragen. Genau auf diesen Zeitgewinn setzt sie.Wähler sind beiden Kandidaten treuOb Le Pens Kalkül aufgeht, hängt davon ab, wie schnell der Kassationshof entscheidet. Der Generalstaatsanwalt Rémy Heitz erklärte am Donnerstag, man werde alles tun, um noch vor der Wahl in neun Monaten ein Urteil zu fällen.Bestätigt der Kassationshof das Berufungsurteil vor der Wahl, müsste Le Pen ihren Wahlkampf tatsächlich unter elektronischer Überwachung führen. Gewänne sie dagegen die Wahl, käme ihr die Immunität des Staatsoberhaupts zugute. Die Verurteilung bliebe zwar bestehen, ihre Vollstreckung würde jedoch für die Dauer ihrer Amtszeit ruhen.Politisch kann sich Le Pen diesen Schwebezustand leisten. Dass ihr Kurs aufgeht, legen die jüngsten Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Ifop (Institut français d’opinion publique) für «Le Figaro» und LCI nahe. Obwohl sie wegen der Veruntreuung öffentlicher Gelder schuldig gesprochen wurde, legt sie auf 36 Prozent zu und hat den Vorsprung aufgeholt, den Bardella zuletzt in den Umfragen besass. Offenbar schadet ihr der Schuldspruch im eigenen Lager kaum; entscheidend ist für viele Anhänger vor allem, dass das RN den Élysée-Palast erobert – ob mit Le Pen oder Bardella.Auf dem Marktplatz von La Flèche lagen Jubel und Protest allerdings nur wenige Meter auseinander. Während Le Pens Anhänger ihre Rückkehr feierten, skandierten Gegendemonstranten Parolen gegen das RN und warfen der Justiz vor, vor der Rechtspopulistin eingeknickt zu sein. Es war wohl nur ein Vorgeschmack auf die hitzigen Monate, die Frankreich noch bevorstehen.Passend zum Artikel
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