Schicksalstag für Marine Le Pen: Kann die Ikone der französischen Rechten doch noch zur Wahl 2027 antreten?Am Dienstag entscheidet ein Gericht darüber, ob Marine Le Pen 2027 für das Präsidentenamt kandidieren kann. Sollte die langjährige Chefin des Rassemblement national unterliegen, steht Jordan Bardella als Ersatzkandidat bereit.07.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMarine Le Pen, dreifache Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement national (RN), und Jordan Bardella, Chef der Rechtsaussenpartei, an einer Kundgebung in Liévin am vergangenen Samstag.Tom Nicholson / ReutersAuf diesen Gerichtstermin wartet Frankreich seit Monaten: Am Dienstag, voraussichtlich gegen 13 Uhr 30, wird im Pariser Berufungsgericht ein wegweisendes Urteil gegen Marine Le Pen, die langjährige Chefin des rechtsnationalen Rassemblement national (RN), sowie gegen mehrere ihrer Weggefährten erwartet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für Le Pen geht es um ihre wahrscheinlich letzte Chance, bei der Präsidentschaftswahl 2027 antreten zu können. Die 57-Jährige war im März 2025 wegen der Scheinbeschäftigung von Assistenten im Europaparlament schuldig gesprochen worden. Ein Gericht verurteilte sie zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe (davon zwei Jahre mit elektronischer Fussfessel und zwei auf Bewährung) sowie zum Entzug ihres passiven Wahlrechts für fünf Jahre.Drei mögliche AusgängeNach Überzeugung der Richter hatte ihre Partei über Jahre hinweg europäische Steuergelder verwendet, um Mitarbeiter zu bezahlen, die nicht in Brüssel oder Strassburg, sondern in Frankreich tätig waren. Le Pen ging in Berufung. Die Strafe der Unwählbarkeit für fünf Jahre sollte jedoch sofort wirksam werden. Damit sollte sie bereits während des laufenden Berufungsverfahrens von einer Präsidentschaftskandidatur ausgeschlossen werden.Empört verliess Le Pen damals noch vor Ende der Urteilsverkündung den Gerichtssaal und sprach von einer politischen Entscheidung gegen ihre Person. Zu Beginn des Berufungsverfahrens trat sie dagegen deutlich zurückhaltender auf. Sie räumte Fehler in der Organisation ihrer Partei ein, bestritt aber weiterhin jede betrügerische Absicht.Für Dienstag stehen drei Szenarien im Raum. Bestätigen die drei Richterinnen des Berufungsgerichts den Wahlausschluss, dürfte Le Pens vierte Kandidatur für das höchste Staatsamt endgültig vom Tisch sein. Zwar könnte sie noch den Kassationshof anrufen, doch mit einer Entscheidung vor der Präsidentschaftswahl im April 2027 ist nicht zu rechnen. Ein vollständiger Freispruch gilt ebenfalls als wenig wahrscheinlich. Neue entlastende Beweise wurden im Berufungsverfahren nicht vorgelegt. Zudem haben mehrere Mitangeklagte ihre Verurteilungen rechtskräftig akzeptiert.Möglich ist aber auch ein milderes Urteil. Im RN hofft man, dass die Richterinnen den politischen Bann aufheben oder zumindest deutlich verkürzen – etwa auf zwei Jahre. Da die Strafe bereits seit Ende März 2025 läuft, könnte Le Pen in diesem Fall gerade noch rechtzeitig zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 18. April 2027 wieder antreten. Die Stichwahl ist für den 2. Mai vorgesehen.Unklar bliebe dann allerdings, unter welchen Bedingungen die Galionsfigur des RN Wahlkampf machen könnte. Le Pen hat wiederholt erklärt, mit einer elektronischen Fussfessel nicht kandidieren zu wollen. Eine Präsidentschaftskandidatin müsse sich frei bewegen können, sagte sie kürzlich dem Fernsehsender LCI. Ob sie daran im Ernstfall festhielte, ist fraglich: Für Le Pen geht es immerhin um die Erfüllung ihres Lebenstraums. Schon dreimal trat die Tochter des Front-national-Gründers Jean-Marie Le Pen zur Präsidentschaftswahl an, und nie schienen ihre Erfolgsaussichten besser als diesmal.Bardella steht bereitDie monatelange Ungewissheit hat auch das RN in einen politischen Schwebezustand versetzt. Die Partei bereitet sich gleichzeitig auf zwei völlig unterschiedliche Wahlkämpfe vor. Nach aussen hin demonstrieren Le Pen und der Parteichef Jordan Bardella Geschlossenheit. Bei einer Kundgebung im nordfranzösischen Liévin versicherten sie sich am Samstag gerade erst wieder gegenseitig ihrer Unterstützung. Bardella erklärte, er hoffe, Le Pen werde «in einigen Monaten zur Präsidentin der Republik gewählt». Le Pen wiederum versprach, ihren Ziehsohn «mit grosser Energie, grosser Überzeugung und grossem Vertrauen» zu unterstützen, sollte sie selbst nicht kandidieren dürfen.Bardella führt die Partei seit 2022 und erzielt in Umfragen inzwischen zum Teil bessere Werte als seine Mentorin. Während Le Pen das RN weiterhin als Bewegung präsentiert, die «weder rechts noch links» sei, sondern eine Vertreterin des Volkes gegen die Eliten, sucht der 30-jährige Bardella gezielt die Nähe zur bürgerlichen Rechten und zum wirtschaftsliberalen Lager. Manche im RN sehen darin eine Chance, neue Wählerschichten zu gewinnen. Andere befürchten, der junge Parteichef entferne sich zu weit vom traditionellen Kern der Partei. Einen Machtkampf zwischen ihr und Bardella weist Le Pen jedoch entschieden zurück.Passend zum Artikel