PfadnavigationHomePolitikAuslandUrteil in ParisBardella oder Le Pen? Das sind die drei wahrscheinlichsten SzenarienStand: 06:00 UhrLesedauer: 5 MinutenMarine Le Pen und RN-Chef Jordan Bardella bei einem Auftritt in LiévinQuelle: Tom Nicholson/REUTERSDrei Richterinnen entscheiden am Dienstag, ob Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2027 antreten darf. Das Urteil wird die Zukunft des RN bestimmen – und die Frankreichs. In der Partei tobt längst die riskante Debatte, ob Bardella nicht ohnehin der geeignetere Kandidat ist.Die Einladung, die an die Sympathisanten des Rassemblement National (RN) in der nordfranzösischen Stadt Liévin geschickt wurde, klang geradezu romantisch: Zu einer fête champêtre, einem sommerlichen Feld- und Wiesenfest, hatten Marine Le Pen und ihr politischer Ziehsohn Jordan Bardella am Wochenende eingeladen, um die Monate der Ungewissheit bei einem kühlen Bier und demonstrativer Einigkeit ausklingen zu lassen.Denn am Dienstag entscheiden drei Richterinnen des Pariser Berufungsgerichts über die politische Zukunft der französischen Rechtspopulistin: Es geht um die Frage, ob Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen am 18. April und 1. Mai 2027 wird antreten dürfen.Le Pen war im März 2025 wegen Veruntreuung von EU-Geldern zu einer Geldstrafe und vier Jahren Haft verurteilt worden. Härter traf sie der Zusatz, fünf Jahre lang nicht für ein politisches Amt kandidieren zu dürfen, und dies mit sofortiger Wirkung.Lesen Sie auchVor allem um diesen letzten Punkt geht es, wenn die Vorsitzende Richterin des Pariser Berufungsgerichts am Dienstagnachmittag das Urteil verkündet. Die Staatsanwaltschaft schloss sich am Ende des Berufungsverfahrens in ihrer Forderung dem Urteil aus erster Instanz weitgehend an und forderte ebenfalls eine fünfjährige Wahlsperre für Le Pen.Die zeigte sich am Samstagabend gut gelaunt und gelassen bei dem Sommerfest in der ehemaligen Bergbaustadt nahe der belgischen Grenze. Falls sie nicht kandidieren dürfe, werde sie Bardella „mit großer Energie, großer Überzeugung und großem Vertrauen unterstützen“, so die 57 Jahre alte Rechtspopulistin, die schon dreimal für das Amt der Präsidentin kandidiert hat und zweimal in die Stichwahl kam.Parteichef Bardella betonte seinerseits, dass er hoffe, Le Pen werde „in einigen Monaten zur Präsidentin der Republik gewählt“ und bekräftigte seine „uneingeschränkte Unterstützung“ für die 57-Jährige. Sie umarmte ihn daraufhin mit mütterlichem Stolz, als hätte er gerade sein Masterstudium mit Bravour beendet, während Bardella mit geschlossenem Mund verlegen lächelte. Lesen Sie auchDer Termin in Liévin war für die Kameras. Er sollte zeigen, dass der RN trotz anderslautender Gerüchte zusammenhält, im Gegensatz zu den Parteien der politischen Mitte, die sich bislang nicht einmal darauf einigen konnten, wie sie einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl bestimmen wollen.Es sei ein „entscheidender Tag für den französischen Wahlkampf“, sagt der Politikwissenschaftler Bruce Teinturier über den Tag der Urteilsverkündung, „weil diese Entscheidung weit über das Lager der Partei hinaus ausstrahlen wird“. Damit verstärke sich der Druck auf den Block der Mitte, der nun endlich seine Kandidaten benennen müsste. „Denn sowohl der RN als auch das Unbeugsame Frankreich (La France insoumise, linkspopulistische Partei, Anm. d. Red.) stehen jetzt in Stellung“, so Teinturier.Ein kompletter Freispruch für Le Pen ist unwahrscheinlichDrei Szenarien sind nun möglich: Entweder das Berufungsgericht bestätigt das Urteil aus erster Instanz, dann kann Le Pen nicht antreten. Die zweite Möglichkeit ist, dass die Unwählbarkeit auf zwei Jahre reduziert wird. Dann wäre bereits genug Zeit verstrichen und Le Pen könnte im April 2027 antreten. Sollte das Berufungsgericht die Auflage der Unwählbarkeit verkürzen, die Haftstrafe aber nicht wesentlich mildern, müsste Le Pen den Wahlkampf mit elektronischer Fußfessel und harten Auflagen führen, was sie im Vorfeld ausdrücklich ausgeschlossen hat.Ein kompletter Freispruch Le Pens scheint mehr als unwahrscheinlich. Im Vorfeld hatte sie gesagt, als gläubige Katholikin glaube sie an Wunder. Zuletzt kursierten in Paris Gerüchte, dass sich die Richterinnen für die zweite Option entscheiden könnten. In dem Fall könnte Le Pen wider Erwarten doch kandidieren.Lesen Sie auchUnabhängig davon tobt im RN längst die Debatte, ob Bardella nicht ohnehin der bessere Kandidat sei, weil er in den Umfragen inzwischen stabil zwei bis drei Punkte vor Le Pen liegt. Der 30-Jährige habe klare Vorteile, aber auch Handicaps, analysiert Teinturier, Chef des Meinungsforschungsinstituts Ipsos. „Bardella ist ein Erbe des RN, ohne den Namen Le Pen zu tragen. Dadurch kann er sich einerseits vom Erbe des Parteigründers Jean-Marie Le Pen abgrenzen, dessen Positionen und dessen Persönlichkeit starke Ablehnung provoziert haben“, so der Experte. „Andererseits kann er das Parteikapital und die Wählerschaft des RN übernehmen, deren politische Matrix dieselbe ist wie die von Le Pen, das heißt ein rechtsgerichteter, systemkritischer Populismus.“Somit könne Bardella die „Ent-Extremisierung“ der Partei weiter vorantreiben und möglicherweise ältere Wähler der Republikaner (LR) für sich gewinnen, argumentiert Teinturier im Gespräch mit WELT. Diese Wählerschaft sei derzeit noch verunsichert angesichts von Le Pens Positionen in Wirtschaftsfragen und auch bei der Rente. „Bardella könnte also diese rechte Wählerschaft ansprechen und gleichzeitig die klassische Wählerschaft des RN halten“, so Teinturier.Lesen Sie auchEin großes Handicap sei seine Unerfahrenheit. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Wahlkampferfahrung entscheidend ist. Bei der letzten Präsidentschaftswahl im Jahr 2022 hatten die drei Kandidaten, die die meisten Stimmen erhielten, alle bereits Wahlkämpfe geführt“, sagt er. Bardella fehle auch der „human touch“, die menschliche Ausstrahlung: „Le Pen strahlt Nähe aus und vermittelt den Eindruck, die Franzosen mit ihren Sorgen und Nöten gut zu verstehen.“Entschieden wird, ob der RN mit Le Pen und ihrem sozialen Rechtspopulismus oder mit Bardellas wirtschaftlich liberalerer, identitärer Linie in den Wahlkampf zieht. In der Stichwahl, so viel ist sicher, brauchen sowohl Le Pen als auch Bardella die Wähler der unteren Schichten sowie enttäuschte Konservative. Bardella dürfte das leichter gelingen als Le Pen. Eine Entzweiung nach der Entscheidung wäre indes fatal für die Partei.Teinturier warnt davor, von einer abgeschlossenen Normalisierung des RN zu sprechen. Bardella sei nicht mit Giorgia Meloni zu vergleichen und der RN nicht mit den Fratelli d’Italia. „Der RN steht eindeutig Matteo Salvini näher. Und seine politische Matrix bleibt die Devise vom ‚Volk gegen die Eliten‘“, so die Analyse des Franzosen. „Der RN bleibt eine populistische Partei und er steht dazu“, resümiert Teinturier.Martina Meister berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris über die französische Politik.
Frankreich: Urteil in Paris – Bardella oder Le Pen? Das sind die drei wahrscheinlichsten Szenarien - WELT
Drei Richterinnen entscheiden am Dienstag, ob Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2027 antreten darf. Das Urteil wird die Zukunft des RN bestimmen – und die Frankreichs. In der Partei tobt längst die riskante Debatte, ob Bardella nicht ohnehin der geeignetere Kandidat ist.










