Wende am Nato-Gipfel: Was der Tomahawk-Deal für Deutschlands Sicherheit bedeutetMit der Beschaffung der amerikanischen Marschflugkörper schliesst der deutsche Kanzler Friedrich Merz eine strategische Lücke, bis eine europäische Lösung bereitsteht. Deutschland übernimmt damit grosse Verantwortung.Armin Arbeiter, Berlin09.07.2026, 16.42 Uhr3 LeseminutenEin Tomahawk-Marschflugkörper im Einsatz. Vom Abschusssystem Typhon aus abgefeuert, soll seine Reichweite bis zu 2000 Kilometer betragen.ImagoAls der amerikanische Präsident Donald Trump Anfang Mai den Abzug von 5000 amerikanischen Soldaten aus Deutschland verkündete, war das aus strategischer Sicht nicht das grösste sicherheitspolitische Problem der Bundesrepublik. Schwerer wog, dass ein geplantes amerikanisches Bataillon, ausgestattet mit weitreichenden Präzisionswaffen, doch nicht in Deutschland stationiert werden sollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese hätten das Gleichgewicht der Abschreckung gegenüber Russland sicherstellen sollen. Bis Europa über eigene Waffen in diesem Bereich verfügt, hätten die amerikanischen Soldaten mit ihren Tomahawk-Marschflugkörpern und möglicherweise Hyperschallwaffen diese Lücke gefüllt.Am Donnerstag verkündete der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung, dass Deutschland Tomahawk-Marschflugkörper bei den USA kaufen werde. Die Bundesregierung habe sich am Rand des Nato-Gipfels in Ankara mit der amerikanischen Regierung auf den Erwerb der Waffen verständigt. Wie genau es Merz gelungen ist, den amerikanischen Präsidenten davon zu überzeugen, ist unklar.Nach Trumps Absage im Mai hatte sich der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius darum bemüht, einerseits amerikanische Tomahawks für Deutschland zu bekommen, andererseits mögliche Kooperationen mit der Ukraine abschliessen zu können.Geplante Anzahl noch offenWashington sagte am Nato-Gipfel laut Merz in einer Absichtserklärung zu, die nötige Genehmigung voraussichtlich im August zu erteilen. Wie viele Raketen und Startgeräte Deutschland kaufen will, blieb vorerst offen. Wahrscheinlich ist, dass Deutschland das sogenannte Typhon-System beschafft. Dies ist eine mobile Abschussplattform, von der aus Tomahawk-Marschflugkörper mit einer Reichweite von bis zu 2000 Kilometern gestartet werden können.Unter weitreichenden Präzisionswaffen versteht man Raketen oder Marschflugkörper, die aus grosser Entfernung wichtige militärische Ziele wie Flugplätze, Kommandostellen, Depots oder Raketenstellungen treffen können. Die neue deutsche Militärstrategie behandelt genau solche Waffen als Kernfähigkeit der künftigen Bundeswehr. Dadurch soll ein potenzieller Gegner erst gar nicht auf die Idee kommen, anzugreifen, da seine wichtigsten Basen innert kürzester Zeit zerstört würden.Doch nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die anderen europäischen Streitkräfte haben in dieser Hinsicht eine grosse Fähigkeitslücke. Die Waffen sollten Russland zeigen, dass die Nato nicht nur verteidigen, sondern im Bündnisfall auch tief in den gegnerischen Raum wirken kann. Mit der Stationierung des Marschflugkörpers SSC-8 in Kaliningrad im Jahr 2017 hatte Moskau diese Entwicklung angestossen. Der SSC-8 kann von Kaliningrad aus Berlin, Paris und London treffen.Warten auf europäische AntwortEine entsprechende europäische Antwort soll das Programm «Elsa» (European Long-Range Strike Approach) sein: Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Schweden und Grossbritannien wollen damit eigene Fähigkeiten auf diesem Gebiet schneller entwickeln. Die europäische Rüstungsindustrie arbeitet bereits an einigen Projekten: Das Rüstungsunternehmen MBDA hat etwa einen europäischen Flugkörper mit einer Reichweite von «weit mehr als» 1000 Kilometern vorgestellt. Rheinmetall und das Verteidigungs-Startup «Destinus» wollen in Deutschland Marschflugkörper und ballistische Raketenartillerie bauen.Solche Vorhaben benötigen jedoch Zeit: Nach Einschätzung von Pistorius dürfte es sechs bis neun Jahre dauern, ehe ein mit dem amerikanischen Tomahawk vergleichbarer Marschflugkörper fertiggestellt, serienreif und einsatzbereit ist. Bis dahin sind Deutschland und Europa auf die amerikanischen Systeme angewiesen. Und diese sind seit Beginn des Iran-Krieges lange nicht mehr in solcher Zahl verfügbar wie zuvor. Etwa 1000 soll das amerikanische Militär seit Februar verschossen haben, die Produktion lag zuletzt bei unter 200 pro Jahr.Ein bedeutender Unterschied zur Verlegung von amerikanischen Soldaten nach Deutschland: Berlin wird mit der Stationierung der Tomahawk nun selbst die Verantwortung über einen etwaigen Einsatz übernehmen. Das birgt Risiken, deckt sich jedoch mit der Ankündigung der deutschen Regierung, mehr für die eigene Sicherheit tun zu wollen.Passend zum Artikel