Augen zu und durch: Ungefähr so beschrieb Max Kanter das, was in einem Sprinter bei der Tour de France vorgeht, wenn links und rechts die Ellbogen ausgefahren werden. „Man muss ein bisschen den Kopf ausschalten“, sagt der Deutsche. Dann kann es weit gehen. Kanter landete bei der ersten Flachetappe am Mittwoch in Pau auf Rang zwei, musste im Finale nur den Niederländer Olav Kooij an sich vorbeilassen auf der Zielgeraden.Für die meiste Zeit der Etappe konnte man einen Teil des Sprinter-Mottos aber getrost weglassen: Wer die Augen zu gehabt hätte, dem wäre jedenfalls lange nichts entgangen. Es wurde mal wieder deutlich, warum die Tour de France die Zahl der Flachetappen in den vergangenen Jahren massiv reduziert hat: Es passiert über einen großen Zeitraum einfach viel zu wenig.Alle Teams wussten, dass die Sprinter nach vier Etappen, die ihnen keine Chance boten, besonders erpicht sein würden auf den Tagessieg. Deshalb hatte kaum eine Mannschaft Interesse, Fahrer in die Ausreißergruppe zu schicken. Also machte sich Baptiste Veistroffer alleine auf und davon – und natürlich kam es, wie es in so einem Fall kommen musste: Der Franzose, der vor vier Jahren noch als Schiffsbauer gearbeitet hatte, musste kurz vor dem Ziel die Segel streichen, ehe das große Finale seinen Lauf nahm.„Das wird nicht so bleiben“Es war ein Rennen, das wie gemacht war, um eine alte Diskussion neu zu entfachen: Braucht’s diese Sprintetappen überhaupt noch? Tour-de-France-Streckenplaner Thierry Gouvenou hatte sie 2024 im Gespräch mit Eurosport öffentlich heftig kritisiert, als er sagte: „Ich glaube, die Sprinterteams schneiden sich ins eigene Fleisch. Das wird nicht so bleiben – auf lange Sicht wird es vielleicht gar keine Etappen mehr geben, die auf die Sprinter zugeschnitten sind.“Das Problem sei, dass die Teams inzwischen zu professionell geworden seien, sagte Gouvenou. Was er damit wohl meinte: Es gibt beim größten Rennen der Welt keine Mannschaften mehr, die einfach nur chancenlos mitrollen und in eine Ausreißergruppe gehen müssen, um Werbezeit für die eigenen Sponsoren abzugreifen. Jedes Team hat inzwischen klare Ziele. Keines will Energie mit Attacken verschwenden, um ein bisschen Aufmerksamkeit einzufahren. Die Auswirkungen von Gouvenous neuer Streckenplanung sind schon jetzt gut zu erkennen: Viele der endschnellen Männer haben sich längst darauf eingestellt, dass ihnen immer mehr Berge im Weg stehen. Reine Sprinter gibt es nicht mehr viele.Als Argument gegen diese Etappen kann nicht nur die Langeweile angeführt werden, die hin und wieder herrscht, sondern auch die Gefahr, die von Massenankünften ausgeht. Wieder war es beim Auftakt der schnellen Jungs hektisch. Wieder gab es Stürze. Wieder fiel aber auch auf, wie gute diese Steuerkünstler sind und wie verrückt es eigentlich ist, dass nicht noch viel häufiger Fahrer zu Fall und vielleicht sogar mal schlimmer wegkommen als mit ein paar Schürfwunden, Prellungen oder Knochenbrüchen.Als Einzelkämpfer unterwegsBei Tempi mit weit über 60 Kilometer pro Stunde wenige Zentimeter voneinander entfernt mit Maximalpuls nebeneinanderher zu rasen – dafür muss man vieles ausblenden können. Nicht umsonst sind es häufig die Jungen, die den Älteren in diesem Metier etwas voraushaben, weil sie bereit sind, mehr Risiken einzugehen. Olav Kooij ist einer von ihnen. 24 Jahre ist er alt. Als großes Versprechen unter den Schnellsten der Schnellen gilt er schon lange.Bis zum vergangenen Jahr fuhr er noch für Visma-Lease a Bike, durfte für das Team von Jonas Vingegaard aber nie bei der Tour starten. Deshalb wechselte er zu dieser Saison zu Decathlon CMA CGM – und musste dann wieder lange bangen, ob es mit der „Großen Schleife“ etwas werden würde, weil er zu Jahresbeginn länger krank war und weil die Franzosen mit Paul Seixas nun auch einen Kandidaten fürs Gesamtklassement haben. Dass sich das Team trotzdem für Kooij entschied, hat sich schon jetzt gelohnt.Der Niederländer ist in Frankreich mehr oder weniger als Einzelkämpfer unterwegs – im Gegensatz zu Max Kanter, der einen kompletten Sprintzug zur Verfügung hat im Finale. Kooij manövrierte sich dafür umso geschickter durchs Feld, blieb an Kanters Hinterrad und sprintete schließlich vorbei. Es waren spektakuläre Manöver des Vierundzwanzigjährigen, der die nach einem Sturz aufgehaltenen und deshalb schlechter positionierten Konkurrenten Tim Merlier und Jasper Philipsen auch dank seines Geschicks im Eifer des Gefechts hinter sich lassen konnte.Sich bei Höchsttempo im Feld zu bewegen, das richtige Hinterrad zu suchen und im entscheidenden Moment anzutreten, ist eine Kunst für sich. Das ist in der Debatte um die Sprints das größte Faustpfand: die Action, die Zuschauer den Atem anhalten lässt wie sonst nie, wenn die Radprofis in die Pedale treten. Und noch etwas anderes ist ausschlaggebend dafür, warum es der Tour schwerfällt, ganz auf diese Etappen zu verzichten. Die Klassement-Fahrer und ihre Mannschaften brauchen Tage, an denen sie sich erholen können, damit auch sie wieder Spektakel liefern können, wenn es ins Hochgebirge geht.Bis zum zweiten Ruhetag stehen nun noch vier Etappen für die Sprinter auf dem Plan. Danach könnte es auf Etappe 17 und dem letzten Teilstück in Paris noch mal eine Chance geben. Sicher ist das aber nicht. Die Organisatoren haben jeweils kleine Hügel eingebaut, welche den schnellen Männern, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgestiegen sind, große Probleme bereiten könnten. Für die Sprinter heißt es dann wieder mal: Augen zu und durch.