Frau Herget, am 23. August treten Sie ohne Gegenkandidaten zur Bürgermeisterwahl in Reichelsheim in der Wetterau an. Haben Ihnen schon Bürger im Vorgriff zur Wiederwahl gratuliert?Ja. In der Tat schon viele Bürgerinnen und Bürger. Das ist eine große Herausforderung für mich. Denn viele Menschen in Reichelsheim denken nun, die Wahl sei schon entschieden. Dem ist aber natürlich nicht so. In den nächsten Wochen bis zur Wahl werde ich eingehend erläutern, dass am 23. August eine Wahl stattfindet und die Wählerinnen und Wähler die Möglichkeiten haben, mit Ja oder mit Nein zu stimmen.Wann liefen denn die ersten Gratulationen ein?Das ging los nach der Mitte Juni veröffentlichten Presseerklärung der CDU, auf einen eigenen Kandidaten zu verzichten. Da meinten einige: „Na, du bist ja schon durch.“ Als der Stichtag zur Anmeldung einer Kandidatur verstrichen war, kamen die nächsten Glückwünsche ins Haus.Wie viele Glückwünsche haben Sie denn entgegennehmen können?So 30 bis 40 dürften es bisher gewesen sein. Und zwar aus unterschiedlichen Ecken.Wie fühlen Sie sich angesichts der voreiligen Gratulationen?Dass es keinen Gegenkandidaten gibt, werte ich als ein Zeichen für eine gewisse Zufriedenheit mit meiner Arbeit. Dies ist jedoch allenfalls ein Etappensieg, daher sind die Gratulationen zu früh und fühlen sich nicht richtig an. Die Wahl am 23. August ist keine Formsache, und ich nehme diese demokratische Wahl sehr ernst.Wie begegnen Ihnen denn Bürger, wenn Sie ihnen sagen: Die Wahl ist noch nicht entschieden? Mit Kopfschütteln und verwundert?Ganz oft kommt die Frage: „Was soll denn jetzt noch passieren?“ Andere meinen: „Ist doch letztlich egal, du brauchst doch nur mehr Ja-Stimmen, als es Nein-Stimmen gibt.“ Das ist aber nicht mein Anspruch. Ich möchte ein deutliches Ergebnis erzielen und nicht einfach nur durchkommen. Ich werbe für einen klaren Arbeitsauftrag und Rückenwind für die anstehenden Aufgaben.Bei Ihrem Sieg vor fünf Jahren holten Sie knapp 59 Prozent bei zwei Gegenkandidaten. Was wäre in Ihren Augen ein „deutliches Ergebnis“?Ich möchte mein Ergebnis gern halten oder leicht ausbauen.Stapeln Sie bewusst tief?Was heißt tiefstapeln? Vor fünf Jahren war ich von meinem Ergebnis wirklich beeindruckt. Am Wahlabend hatte ich drei Stellungnahmen vorbereitet: eine für den Fall einer Niederlage, eine ausführlichere mit Blick auf die von mir erwartete Stichwahl und jene für den Sieg, mit dem ich im ersten Wahlgang nicht gerechnet hatte.Anders gefragt: Zeigen Sie sich bewusst vorsichtig?Ich zeige mich nicht vorsichtig, ich zeige Respekt vor der Entscheidung der Wählerinnen und Wähler. Ich habe in den vergangenen fünf Jahren für das eine oder andere Vorhaben auch Kritik einstecken müssen und bin sicher auch dem einen oder anderen auf die Füße getreten. Das bringt dieses Amt mit sich. Ich gehe davon aus, dass diese Unzufriedenen an die Wahlurnen gehen werden. Im Fall einer niedrigen Wahlbeteiligung könnten diese dann überproportional sichtbar werden. Daher werbe ich bei den Zufriedenen und bitte darum, das Vertrauen in mich auch an der Wahlurne zu zeigen.Bei der Kommunalwahl hat Ihre SPD mit 42 Prozent klar vor der CDU und den Freien Wählern gelegen – bei der Kreiswahl aber, zu der auch die AfD antrat und die deshalb das bessere Gesamtbild lieferte, nur halb so gut abgeschnitten. Besorgt Sie das?Ich lasse in meiner täglichen Arbeit und im Wahlkampf die Parteipolitik außen vor. Wir haben hier auch keine Themen, die klar einer Partei zuzuordnen wären. Die SPD trägt in Reichelsheim Verantwortung, leistet gute Arbeit und hat kompetente, engagierte Menschen in ihren Reihen – das wurde von den Wählerinnen und Wählern belohnt. Die Wähler unterscheiden am Ort sehr stark zwischen den Parteien und den für sie kandidierenden Menschen. So kenne ich viele Wähler, die sagen: Im Kreis oder im Land wähle ich AfD, aber in Reichelsheim die SPD, denn ich kenne deren Kandidaten und vertraue ihnen.Das klingt verrückt mit Blick auf die großen Unterschiede zwischen beiden Parteien.Die AfD hat bei uns kein Gesicht. Es gibt niemanden, der für diese Partei hier wirbt oder für sie ein Amt innehat. Umgekehrt gibt es viele Menschen, die sich hier bei uns für die SPD vor Ort engagieren und keine abgehobenen Politiker sind, sondern ganz normale Nachbarn, Vereinskollegen, Freunde. Hier wird ehrlich gearbeitet, und das wird anerkannt.Vor fünf Jahren kamen 67 Prozent der Wahlberechtigten an die Urnen. Was glauben Sie: Wird das wieder so sein?Nein, das halte ich für unrealistisch.Weil der Wettbewerb fehlt?Ja, und weil viele denken, die Wahl sei ohnehin gelaufen. Das war beim letzten Mal komplett anders. Deshalb will ich in den nächsten Wochen noch deutlicher vermitteln, wie wichtig es ist, wählen zu gehen. Das steht auch in einer Broschüre, die von diesem Freitag an verteilt wird. Darin weisen wir auf die beginnende Briefwahl hin. Dessen ungeachtet denke ich: Wenn wir bei 40 Prozent landen sollten, wird das schon sehr viel sein.Die Wahl zu haben ist etwas anderes, als eine Auswahl zu haben. Wie Ihnen ging es unter anderem Klaus Kreß in Bad Nauheim. Und er sagte: Er habe als Wähler selbst gern die Auswahl. Andererseits häufen sich Solokandidaturen. Woran liegt das?Klaus Kreß leistet gute Arbeit, und dann überlegen sich mögliche Bewerber, ob sie dagegen antreten wollen. Ein Grund ist also sicher die gute Arbeit des Amtsinhabers. Aber ich glaube: Viele Menschen, die aus ehrenamtlicher politischer Arbeit dem Amt des Bürgermeisters näherkommen, schreckt der mit dieser hauptamtlichen Rolle verbundene Aufwand ab.Stichwort 80-Stunden-Woche.Ich zähle die Stunden nicht. Aber ich bin unter der Woche keinen Abend zu Hause und auch am Wochenende nicht. Das spiegeln mir auch Bürger nach dem Motto: Sie sind ja überall. Man richtet sein komplettes Leben nach diesem Job aus.Warum machen Sie das?Weil ich es liebe und ich mir keinen schöneren Beruf vorstellen kann. Mein siebenjähriger Sohn hat mich neulich gefragt: „Warum machst du das so gern?“ Es gibt nichts Schöneres, als in seiner Heimat Dinge zu gestalten. Ich fahre täglich an so vielen Projekten vorbei, die auch meine Handschrift tragen. Das macht mich stolz.Nennen Sie doch bitte drei Beispiele für Vorhaben, die Sie in Ihrer ersten Amtszeit mit durchgesetzt haben.Da gibt es große Projekte, wie die Sanierung des Bürgerhauses in der Kernstadt. Da kamen schon Zweifel auf und Fragen, ob die Stadt sich das leisten kann und ob sie das Bürgerhaus überhaupt braucht. Ich habe mich stark für die Sanierung eingesetzt. Wir sind auf einem guten Weg und werden im Frühjahr das Haus wieder eröffnen. Die Turn- und Sporthalle Dorn-Assenheim wurde komplett saniert und erneuert. Außerdem haben wir im Rahmen der Dorferneuerung den Dorfweiher in Blofeld umgestaltet und das alte Spritzenhaus hergerichtet für die Vereine. Nicht zu vergessen der komplett sanierte Karl-Kempf-Platz in Beienheim und das Projekt Kita-Neubau in der Kernstadt, wo nun die Planungen vorliegen. Aber es gibt auch zahlreiche kleinere Projekte, wie den Weiden-Pavillon am Bergwerksee, das Baum-Kataster und bürgerschaftliche Pflanzprojekte, etwa in Beienheim, Blofeld und Heuchelheim.Lieblingsthema der Bürgermeister ist die chronische finanzielle Unterausstattung der Kommunen. Sie haben kostenträchtige Vorhaben aufgezählt. Stimmt denn die Kassenlage?Nein. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb weniger Menschen sich um das Bürgermeisteramt bewerben. Die Spielräume werden immer geringer, weil das Geld fehlt. Ich schaue, wie wir Aktionen durch bessere Vernetzung mit der Bürgerschaft und weniger städtische Mittel verwirklichen können. Wir müssen uns immer mehr nach Sponsoren umschauen.Das heißt, die Stadt ist immer mehr auf Fördervereine angewiesen?Ja. Das gilt auch für die Kultur. Unsere zahlreichen Vereine leisten hier großartige Arbeit. Seit wenigen Jahren gibt es außerdem einen Kulturverein, der in der Kultur- und Eventscheune etwas auf die Beine gestellt hat, was sich die Stadt allein niemals hätte leisten können. Wir haben die glückliche Fügung, dass der erste Vorsitzende des Vereins früher in leitender Position beim HR gearbeitet hat. Er ist super vernetzt und kennt unglaublich viele Künstler. Ein Bürger hat dem Verein die Scheune vermietet. Die Stadt unterstützt den Verein, ebenso wie unsere anderen Vereine, mit praktischer Hilfe und Leistungen. Und es gibt dort keine Veranstaltung, bei der ich nicht irgendeinen Dienst übernehme. Ob an der Kasse oder beim Verkauf an der Theke.Sie haben ja sonst nichts zu tun.Aber ohne bürgerschaftliches Engagement einer Handvoll Leute würde es nicht funktionieren. Wenn ich ohnehin für ein Grußwort hingehe, kann ich auch noch Tickets verkaufen. Ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen, außerdem habe ich auch noch Spaß daran.