PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2011„Menschen in oberen Stockwerken gefangen. Sie rufen verzweifelt um Hilfe“Stand: 06:54 UhrLesedauer: 5 MinutenEin Trümmerfeld mit einem Schiff auf dem Dach eines Hauses: Otsuchi in der Präfektur Iwate am 15. März 2011Quelle: picture alliance/dpa/StringerEine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte Japans: das Beben und der Tsunami vom 11. März 2011. Noch Jahre später waren Auswirkungen weltweit spürbar. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Im WELT-Newsroom, damals ein langgezogenes Großraumbüro im 14. Stock des Axel-Springer-Hauses in Berlin-Kreuzberg, hatte die Online-Frühschicht im Morgengrauen gerade ihren Dienst begonnen. Viel war an jenem Freitag, dem 11. März 2011, zunächst nicht los.Doch dann liefen plötzlich rot markierte Eilmeldungen in die Ticker der Nachrichtenagenturen: Seebeben vor der Nordostküste Japans, Tsunami-Warnung. Der Online-CvD mutmaßte: „Hmm, das könnte uns heute noch etwas beschäftigen.“ Dies sollte sich als die Untertreibung des Jahres entpuppen, was in diesem Moment aber noch nicht absehbar war. Denn hier handelte es sich nicht etwa um einen leichten bis mittleren Erdstoß und eine nur vorsorgliche Tsunami-Warnung (wie sie Behörden und Agenturen bisweilen routinemäßig vermelden), sondern um ein verheerendes Beben. Es löste den größten in der modernen japanischen Geschichte bekannten Tsunami mit enormen Flutwellen aus und führte zu einer der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte des Landes.In den folgenden Stunden entfaltete sich das leid- und todbringende Inferno in Japan, und im Berliner Newsroom prasselten immer weitere Agenturmeldungen herein; die Opferzahlen stiegen, und Schadensberichte wurden immer schlimmer. Nonstop wurde WELT.de mit Artikeln, einem Live-Ticker und Bildergalerien aktualisiert. Parallel begann die Print-Redaktion, rechtzeitig bis zum Redaktionsschluss die WELT-Titelseite sowie mehrere Sonderseiten zu füllen und auf Stand zu halten.Das Ergebnis erschien am Folgetag; das Foto des Aufmachers zeigte eine Trümmerwüste, dahinter ein Flammenmeer in der Region Fukushima. Auf Seite 2 folgte ein Protokoll der Katastrophe:„Tokio, 14.45 Uhr Ortszeit: Ein starkes Erdbeben erschüttert den Nordosten Japans. Boote werden gegen die Küste geschleudert und Autos ins Meer gespült. In der Hauptstadt kommen zahlreiche Hochhäuser ins Wanken.“„15.30 Uhr: Das Beben wird mit der Stärke 8,9 angegeben. Das Kabinett kommt zu einer Krisensitzung zusammen. Für vier Millionen Haushalte ist die Stromversorgung zusammengebrochen. In Iwate wurden Dutzende von Autos von den Wassermassen weggerissen.“„Onahama in der Präfektur Fukushima, 16 Uhr: Das japanische Fernsehen sendet düstere Bilder: Komplette Häuser, Autos und Container werden von den Wassermassen weggeschwemmt. Ein großes Schiff wird von der schieren Kraft der Welle direkt in die Kaimauer gerammt. Gebäude sind vollständig von Wasser umgeben, Menschen in den oberen Stockwerken gefangen. Sie rufen von den Fenstern aus verzweifelt um Hilfe. Bereits zu diesem Zeitpunkt befürchten Experten Hunderte Tote, die Zahl der Vermissten lässt sich noch gar nicht abschätzen. Aber alle wissen: Es wird schlimm werden.“Lesen Sie auchDas alles war nur der Anfang, und in den folgenden Tagen und Wochen berichtete WELT immer wieder über die Lage in Japan. Es gab dort insgesamt Tausende Tote und Verletzte, Hunderttausende Gebäude wurden vernichtet, ganze Landstriche verwüstet. Die Tsunami-Wellen trafen auch das küstennahe Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi, in dem es durch die Beschädigungen zu Kernschmelzen kam. Radioaktives Material wurde freigesetzt, Zehntausende Einwohner mussten aus der Umgebung dauerhaft evakuiert werden. Radioaktive Partikel gelangten dabei in die Atmosphäre, und kontaminiertes Wasser wurde ins Meer geleitet.Diese „Dreifachkatastrophe“ aus Beben, Tsunami und atomarem Super-GAU hatte einschneidende, langfristige Folgen nicht nur in Japan und seiner direkten Umgebung, sondern weltweit. So kam es kurz nach dem Fukushima-Störfall zu einer hektischen, geradezu panischen (und undurchdachten) Wende in der deutschen Energiepolitik, und Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete den Ausstieg aus der Atomenergie.Lesen Sie auchZeitgleich trieb im Pazifik eine enorme Menge von Tsunami-Hinterlassenschaften immer weiter von Japan weg: Millionen Tonnen von Trümmern, welche die riesigen Wellen ins Meer gerissen hatten. Mehrere immer weiter zerstreute Trümmerteppiche entstanden, bestehend aus kleinen und großen Gegenständen; auch Teile von Hafenanlagen und ganze Häuser wurden gesichtet. Vieles versank, anderes wurde weite Strecken fortgetrieben und landete, je nach Strömung, schließlich an den Küsten von Hawaii und Alaska.Darunter Geisterschiffe wie das große Kalmarfischerboot „Ryou-un Maru“. Es sollte 2011 eigentlich auf der Insel Hokkaido verschrottet werden und geriet daher nach dem Beben ohne Besatzung und Fracht ins Meer. Ende März 2012 wurde das ramponierte, aber immer noch aufrecht schwimmende Boot vor Alaska geortet und am 5. April 2012 von der US-Küstenwache versenkt.Auch in den Jahren danach riss der Zustrom von Tsunami-Trümmern nicht ab. Ganze Müllberge türmten sich bald an der Küste Alaskas, dem US-Bundesstaat mit den längsten Küsten. 2015 gab es dort eine bis dato beispiellose Großaktion, bei der eine Millionensumme in die Hand genommen wurde, um vermüllte Strände zu reinigen.Und nicht nur totes Material, sondern auch zahllose Lebewesen kamen dort aus Japan an. 2017 beschrieben Forscher dies im Fachblatt „Science“: Das Team um James Carlton vom Williams College begann 2012 damit, an der Pazifikküste Nordamerikas und den Küsten Hawaiis Bruchstücke und Wrackteile zu untersuchen, die von Japan aus angeschwemmt worden waren. Bis zur US-Küste hatten sie eine Reise von mindestens 7000 Kilometern auf offener See zurückgelegt.Bis zum Jahr 2017 analysierten die Forscher insgesamt 634 Objekte und die darauf mitgereisten Tierarten. Sie fanden mindestens 289 Arten, welche die teils jahrelange Reise lebend überstanden hatten. Darunter waren Fische, Muscheln, Schnecken, Würmer, Krebse und Algen.Die Funde belegten, wie widerstandsfähig einige Arten seien, sagte John Chapman, einer der beteiligten Wissenschaftler von der Oregon State University. „Als wir das erste Mal Arten aus Japan sahen, waren wir schockiert. Wir hätten nie gedacht, dass sie so lange leben, unter diesen rauen Bedingungen.“ Nicht wenige der reisenden Populationen hatten sich unterwegs vermehrt.Für Martin Klemrath war der 11. März 2011 seine erste große Feuerprobe im WELT-Newsroom. Er war erst seit wenigen Wochen Online-Redakteur, damals im Panorama-Ressort, das unter anderem Naturkatastrophen coverte. Diverse weitere News-„Großlagen“ sollte er danach mitbetreuen – mehr zu einigen davon bald in dieser Serie.mit dpa