PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2004„Wir hatten getrödelt, sonst wären wir jetzt wahrscheinlich tot“Stand: 10:07 UhrLesedauer: 5 MinutenPhuket, Thailand, am 27. Dezember 2004: Autos haben sich durch die Fluten übereinandergeschobenQuelle: picture-alliance/dpa/dpaweb/epa PA Barry WestEnde 2004 kam es in Asien zur Tsunami-Katastrophe mit rund 230.000 Todesopfern. Mehr als 1,7 Millionen Einwohner der betroffenen Küstenregionen verloren ihr Hab und Gut. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Die Weihnachtstage und die Zeit zwischen den Jahren sind oft eine nachrichtenarme Periode, in der Zeitungsmacher es eher schwer haben, ihre Seiten mit berichtenswerten Ereignissen zu füllen.2004 war dies gänzlich anders. Am 27. Dezember jenes Jahres räumte WELT die ersten drei Seiten frei, um über eine „Großlage“ zu berichten: eine schreckliche Naturkatastrophe, die am Vortag in Asien ihren Lauf genommen hatte.Am Morgen des 26. Dezembers 2004 erschütterte ein Beben die indonesische Insel Sumatra. Der Seismograf des Geophysikalischen Instituts in Jakarta begann wild auszuschlagen, denn es war ein unterseeisches Megathrust-Erdbeben der Stärke 9,1 vor der Nordwestküste der Insel. Es war das schwerste Erdbeben seit vier Jahrzehnten im Indischen Ozean und das drittstärkste jemals aufgezeichnete.Lesen Sie auchDie Folge waren die tödlichsten Tsunamis in der Geschichte, eine Reihe von haushohen Flutwellen, welche viele Menschen in den Tod rissen, die an den Stränden zum Sonnen und Baden waren – denn von den Wassermassen wurden auch viele Touristenzentren verwüstet. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr war (und ist bis heute) eine Hauptreisezeit in der Region. Mehrere Länder in Süd- und Südostasien waren von der Naturkatastrophe betroffen, darunter Indonesien, Sri Lanka, Thailand und Indien. Sogar im ostafrikanischen Somalia und in Kenia forderte die Flut Opfer. Die Hauptinsel der Malediven, Male, stand zu zwei Dritteln unter Wasser. Noch in Singapur waren schwere Erschütterungen zu spüren. Bei dem Inferno gab es insgesamt rund 230.000 Todesopfer, mehr als 100.000 Menschen wurden verletzt, mehr als 1,7 Millionen Einwohner der betroffenen Küstenregionen verloren ihr Hab und Gut.Mit Bestürzung und spontanen Hilfsangeboten reagierten Politiker und Hilfsorganisationen aus aller Welt auf die Katastrophe. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte die Unterstützung Deutschlands zu. „Ich darf Ihnen versichern, dass Deutschland den leidgeprüften Menschen in dieser schweren Zeit zur Seite steht“, erklärte der Kanzler in seinem Beileidstelegramm an die Regierungschefs der betroffenen Länder. Auch Bundespräsident Horst Köhler übermittelte seine Anteilnahme. Die Bundesregierung stellte eine Million Euro als Soforthilfe zur Verfügung, die EU drei Millionen. Ein Erkundungsteam des Technischen Hilfswerks (THW) brach noch am Abend in das Erdbebengebiet in Südasien auf. Die Deutsche Welthungerhilfe begann mit der Verteilung erster Hilfsgüter.In der von den Flutwellen betroffenen Katastrophenregion hielten sich auch Tausende deutsche Urlauber auf, Hunderte von ihnen starben. Das Auswärtige Amt richtete Krisenstäbe in Berlin und an den betroffenen Botschaften ein, die mit Reiseveranstaltern zusammenarbeiteten. Diese sagten alle für die Tage darauf geplanten Flüge in die besonders betroffenen Gebiete auf den Malediven, in Sri Lanka und Thailand ab, schickten aber leere Maschinen in die Region, um festsitzenden Reisenden eine sofortige Ausreise zu ermöglichen.Vor Ort hinterließ die verheerende Kraft des Wassers in weiten Landstrichen eine schier apokalyptische Szenerie. Es war ein Bild des Schreckens, das weltweit Entsetzen und Mitgefühl auslöste.Lesen Sie auchZahllose menschliche Tragödien spielten sich ab, aber es gab auch Glückliche, die mit dem Schrecken davonkamen. „Wir sind um unser Leben gelaufen, mitgerissen von den Menschenmassen“, berichteten die Hamburger Curt Gerritzen und Chris Arend der WELT. Für sie verwandelte sich der Traumurlaub im thailändischen Ferienparadies Phuket am Morgen des zweiten Weihnachtstages in nur wenigen Sekunden zum Alptraum. Sie waren auf dem Weg zum Strand, als um 9.30 Uhr die verheerende Flutwelle über den Patong Beach hereinbrach. „Wir hatten getrödelt und uns verspätet, sonst hätten wir im Moment der Katastrophe schon am Strand gelegen und wären jetzt wahrscheinlich tot.“ Mit stockender Stimme erzählte Arend am Telefon in seinem Hotelzimmer von den dramatischsten Augenblicken seines Lebens. Die beiden Hamburger waren nur noch 30 Meter vom Hauptstrand der beliebten Ferieninsel entfernt. „Plötzlich kamen uns all die Leute entgegen. ,Wasser kommt, Wasser kommt‘, hörte ich sie schreien.“ Instinktiv seien sie mitgelaufen. Weg, nur weg vom Strand. „Eine erste Welle überspülte Strand und Straße. In einem starken Sog verschwand das Wasser wieder. Dann kam die zweite Welle, ganz hoch“, schilderte Gerritzen. In dem Chaos fiel er hin. Arend riss ihn hoch, sonst wäre Gerritzen von der Menge totgetrampelt worden. Die beiden schafften es schließlich, sich in ihr 500 Meter vom Patong Beach entferntes Hotel zu flüchten. Nur langsam wurde Gerritzen und Arend das Ausmaß der Katastrophe bewusst. Im Interview rangen sie noch immer um Fassung und machten sich Sorgen um andere, die nicht so viel Glück hatten.Während die Urlauber bald nach Hause zurückkehren und alles hinter sich lassen konnten, hatten die Einwohner der betroffenen Regionen entbehrungsreiche Jahre vor sich, in denen die Katastrophe allgegenwärtig war. Nach den ersten Nothilfen begannen umfangreiche Wiederaufbauprojekte, unterstützt von vielen internationalen Hilfsgeldern. Deutschland unterstützte dabei auch die Entwicklung und Einrichtung eines Tsunami-Frühwarnsystems im Indischen Ozean, um künftig deutlich mehr Menschen zu warnen und damit retten zu können. 2008 ging das „German Indonesian Tsunami Early Warning System“ in Betrieb, errichtet unter der Führung des Geoforschungszentrums Potsdam in Zusammenarbeit mit 20 nationalen und internationalen Partnerorganisationen.Anders als von manchen Experten vorhergesagt, die nach den Schreckensbildern ein dauerhaftes Ausbleiben von Touristen erwarteten, bilanzierten Reiseveranstalter in WELT bereits fünf Jahre nach der Katastrophe, dass Tsunami-Spätfolgen beim Buchungsverhalten schon seit einiger Zeit nicht mehr zu spüren seien. Längst zog es da wieder viele deutsche „Kälteflüchtlinge“ in die wieder auf- und neu gebauten Resorts am Indischen Ozean. Doch die Wunden der Katastrophe waren vielerorts noch lange sichtbar, sie sind es teils bis in die Gegenwart.Heute erinnern einige Mahnmale an die Tragödie von 2004. Etwa das Tsunami-Museum im thailändischen Bang Niang, wo ein Polizeiboot liegenblieb, das vom Tsunami fast zwei Kilometer weit ins Landesinnere getragen wurde – ein Bild, das vielen Menschen im Gedächtnis blieb. Ein weiteres Denkmal in der Form einer riesigen Welle befindet sich im „Tsunami Memorial Park“ im Dorf Ban Nam Kem südlich der thailändischen Kleinstadt Takuapa.Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.mit rfi
Tsunami 2004: „Wir hatten getrödelt, sonst wären wir jetzt wahrscheinlich tot“ - WELT
Ende 2004 kam es in Asien zur Tsunami-Katastrophe mit rund 230.000 Todesopfern. Mehr als 1,7 Millionen Einwohner der betroffenen Küstenregionen verloren ihr Hab und Gut. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






