Der Alarm wirkte wie aus einem Actionfilm. Eben noch lief das normale Vorabendprogramm, jetzt mahnte plötzlich ein Sprecher in eindringlicher Stimme aus dem Fernseher: „Im Norden von Japan gab es soeben ein schweres Erdbeben. Die Behörden haben eine Tsunami-Warnung ausgegeben. Wenn Sie sich an der Küste befinden, begeben Sie sich sofort auf höher gelegenes Gelände.“Immer und immer wieder wiederholte der Sprecher die gleichen Sätze, bis er sie durch weitere erschreckende Informationen ergänzte: „Die Wetterbehörde warnt vor bis zu drei Meter hohen Flutwellen. Hohe Wellen wurden schon draußen auf dem Meer gesichtet. Tödliche Flutwellen rollen mit hoher Geschwindigkeit auf die Küste zu, wo Sie sich gerade befinden. Evakuieren Sie die Küste!“

Ein Beben der Stärke 7,5 erschütterte an einem Nachmittag Ende April den Meeresboden vor der Ostküste Japans. Auch in weiten Teilen des Landes waren heftige Erdstöße zu spüren. Noch in der 600 Kilometer entfernten Hauptstadt Tokio schwankten die Hochhäuser. Innerhalb von Sekunden lief kurz darauf eine gut eingespielte Alarmroutine an. In den unmittelbar betroffenen Gebieten gingen Sirenen und Lautsprecherdurchsagen los, und jedes Handy gab ein schrillendes Tuten mit „Erdbeben, Erdbeben!“-Warnrufen von sich. Vor 15 Jahren, bei der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in Fukushima, starben mehr als 20.000 Menschen, und aus Sicht vieler Fachleute lag das auch daran, dass die Warnungen im Fernsehen damals nicht dringlich genug erschienen und die Menschen sie erst einmal nicht ernst genommen hatten. Daher wird heute im Fernsehen direkt von höchster Lebensgefahr gesprochen.73 spürbare Erschütterungen pro MonatSelbst Ministerpräsidentin Sanae Takaichi wiederholte an diesem Tag im April die Evakuierungsaufrufe in einer rasch einberufenen Pressekonferenz. Und die Warnungen wirkten. Auf den Livebildern, die der öffentlich-rechtliche Fernsehsender NHK in seinem nun rot gerahmten Erdbeben-Sonderprogramm aus der Küstenregion zeigte, war zu sehen, wie Fischer ihre Boote in aller Eile hinaus aufs freie Meer fahren.Dort waren sie sicherer als im Hafenbecken, wo im Falle eines Tsunamis die Wellen meterhoch über die Ufer donnern können. Als ein Reporter sich kurz darauf vom Dach eines höher gelegenen Hauses ins Liveprogramm zuschaltete, hatten offenbar schon alle Bewohner und Arbeiter den Küstenort verlassen.Dann folgte banges Warten. In den Livebildern im Fernsehen war zu sehen, wie das Wasser im Hafen heftig hin und her schwappte, eine Zeit lang absank und dann bis an die Kante der Kaimauern heranreichte. Der gebannte Blick auf den Pazifik und die schnell wechselnden Wasserhöhen erinnerten an die Videoaufnahmen aus Fukushima im März 2011. Damals rauschte nur etwas südlich von der im April betroffenen Region nach dem schwersten jemals in Japan gemessenen Beben vor der Ostküste ein gewaltiger, stellenweise bis zu 30 Meter hoher Tsunami über die Ufer und zerstörte ganze Landstriche. In dem Inselstaat, unter dem mehrere tektonische Platten aufeinanderstoßen, bebt die Erde ständig. Im Durchschnitt verzeichnen die Behörden jeden Monat 73 spürbare Erschütterungen irgendwo im Land. Die meisten sind nur ein Wackeln, das vielleicht die Lampen schaukeln lässt.Doch die Sorge wächst, dass Japan bald wieder von einem „Megaerdbeben“ heimgesucht wird, also Erdstößen der Stärke acht und höher. Das Problem ist, dass sich so gut wie gar nicht vorhersagen lässt, wann und wo die Erde das nächste Mal bebt. Nur dass es irgendwann wieder passiert, ist angesichts der seismischen Bewegungen unter dem Inselstaat und um ihn herum sicher.Die Behörden arbeiten daher mit Wahrscheinlichkeitswerten, die nur schwer zu greifen sind. In der im April betroffenen Region vor der nördlichen Pazifikküste erwarten sie ein Megabeben in den nächsten 30 Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Bis zu 300.000 Menschen könnten bei einem Megabeben sterbenDas Beben im April ging glimpflich aus. Die höchste gemessene Flutwelle war 80 Zentimeter hoch. Auch an Land, wo die Erde ebenfalls an vielen Orten kräftig wankte, gab es letztlich kaum Verletzte und keine größeren Schäden. Die Behörden warnten, dass in der Woche danach die Wahrscheinlichkeit eines weit stärkeren Bebens zehnmal so hoch wäre wie üblich – sie lag bei einem Prozent. Glücklicherweise blieb das Beben aus.Vor allem der sogenannte Nankai-Graben bereitet den Behörden Sorgen. Die Erdspalte verläuft entlang der gesamten südlichen Küste der Hauptinsel Honshu, an der Großstädte wie Osaka, Nagoya und Kobe liegen. Ein Beben der Stärke acht und höher, wie es zuletzt in den Jahren 1944 und 1946 gemessen wurde, könnte mit gewaltigen Tsunami-Wellen weite Teile des Landes verwüsten.Die Behörden haben zuletzt Ende des vergangenen Jahres die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Beben in den nächsten 30 Jahren eintritt, von 70 auf 80 Prozent angehoben. Nach ihren Berechnungen könnte es bis zu 300.000 Menschenleben fordern.Die Katastrophe üben die Japaner im WackelzimmerSchon im Kindergarten proben die Kleinen deshalb einmal im Monat, was im Falle eines Bebens zu tun ist. Jedes Kind setzt dann seinen kleinen Helm aus Kissenstoff auf den Kopf und kriecht unter den nächstgelegenen Tisch. Danach üben die Kinder, möglichst gesittet raus in den Garten zu gehen und den Weg zum nächsten Evakuierungspunkt zu finden, der meistens ein größerer Schulhof oder Park in der Nachbarschaft ist. Für die Erwachsenen gibt es das Disaster Prevention Center am Rande der Hauptstadt Tokio. Der Herr im schwarzen Anzug, mit weißen Handschuhen und Mundschutz, der die Besucher begrüßt, sagt: „Wir können nicht verhindern, dass Japan von einem schweren Erdbeben getroffen wird, und wir können auch nicht vorhersagen, wann es passiert. Aber weil wir wissen, dass es irgendwann passieren wird, müssen wir uns, so gut es geht, darauf vorbereiten.“Der Onamazu ist ein Wesen aus der japanischen Mythologie. Ein riesiger Wels, dem nachgesagt wird, Erdbeben auszulösen.BridgemanIm Prevention Center können die Besucher verschiedene Katastrophenszenarien üben. Zum Beispiel im Wackelzimmer: Vier Übungsteilnehmer, die eben noch in der kleinen Küche so getan haben, als würden sie sich ein Mittagessen kochen, kriechen rasch unter den Tisch, als der Boden plötzlich bebt. Jeder klammert sich an einem Tischbein fest und schaut, dass vor allem der Kopf gut geschützt ist. „Lassen Sie sich gegenseitig unter den Tisch, seien Sie nett zueinander“, ruft der Mitarbeiter mit den weißen Handschuhen, der das Treiben aus sicherer Entfernung beobachtet. „In Fukushima hat die Erde drei Minuten lang so gebebt.“Einem der Männer unter dem Tisch fällt ein Schrank in den Rücken. Gott sei Dank ist er nur aus Styropor. Ächzen muss er trotzdem. Als das Ruckeln endlich vorbei ist, sollen die Übungsteilnehmer noch an drei Dinge denken: Gas abdrehen, Hauptschalter für den Strom umlegen und alle Türen aufmachen, damit sie sich im Falle eines Nachbebens nicht verhaken.Japans Rettungskräfte haben viel aus vergangenen Katastrophen gelernt. Vor gut 100 Jahren wurde Tokio das bislang letzte Mal von einem Erdbeben der Stärke acht getroffen. Vor allem durch das anschließende Feuer wurde die damals noch fast vollständig aus Holz gebaute Stadt in weiten Teilen zerstört, bis zu 140.000 Menschen sollen damals ihr Leben verloren haben.Die Stadtregierung in Tokio bereitet sich vorHeute ist die Metropolregion Tokio mit 36 Millionen Einwohnern so dicht besiedelt wie kaum ein anderer Fleck auf dem Planeten. Ein starkes Beben dürfte katastrophale Folgen haben. Ende 2025 rechnete ein Regierungsgremium vor, dass ein bestimmtes Erdbebenszenario in der Stadt 18.000 Menschenleben fordern und 400.000 Gebäude zerstören könnte.Vor Kurzem legte der Katastrophenforscher Keiichi Sato von der Senshu-Universität nach und verwies darauf, dass in der Folge 4,75 Millionen Menschen in der Metropole obdachlos werden dürften und mindestens eine Million von ihnen auch ein halbes Jahr später noch keine dauerhafte Bleibe gefunden haben dürfte.Das Regierungsgremium betonte allerdings, dass die Opferzahlen in der jüngsten Schätzung 20 bis 30 Prozent unter jenen der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2013 lagen. Der Grund dafür sei, dass die Stadtregierung viel dafür tut, die möglichen Folgen einer Erdbebenkatastrophe abzumildern.Das fängt schon beim Städtebau an: Um Flächenbränden wie nach dem Großbeben von 1923 heute vorzubeugen, hat die Stadtregierung in den vergangenen Jahren viele Viertel, die besonders eng und nur aus Holz gebaut waren, abreißen lassen. Mehrere extrabreite Straßen, an denen entlang hohe Häuser mit feuerfesten Fassaden stehen, sowie Parks und Wassergräben sollen verhindern, dass sich Brände ausbreiten.Das höchste Büroturm in Tokio: der Mori JP TowerEPADamit möglichst wenige Gebäude zerstört werden, fördert die Regierung Renovierungen, die deren Erdbebenschutz verbessern. Sie bekommen dann zum Beispiel dicke Stahlgerüste verpasst – nicht schön, aber sicher. Die Häuser sollen durch solche Umbauten so stabil werden, dass sie auch einem Beben der Stärke sieben standhalten würden.Laut der Stadtverwaltung entsprechen heute 92 Prozent der Wohngebäude in Tokio diesen Standards. Vor 15 Jahren waren es erst drei Viertel der Gebäude. Die Stadt lässt sich die Aufrüstung einiges kosten. Allein in den nächsten zehn Jahren will sie sieben Billionen Yen (38 Milliarden Euro) in den Schutz der Stadt gegen Erdbeben und andere Naturgewalten stecken.Vor allem in den Hochhäusern wird viel Technik verbaut, mit der sie auch starken Erdstößen standhalten sollen. Allein in den Wänden des mit 325 Metern höchsten Büroturms der Stadt, des Mori JP Tower, sind nach Angaben der Baugesellschaft 1800 riesige Stoßdämpfer verbaut. In den oberen der 64 Stockwerke soll zudem eine elektrische Vorrichtung dafür sorgen, dass ein schweres Gewicht das Gebäude jeweils in die entgegengesetzte Richtung der Erderschütterungen schwenkt und somit stabilisiert.Doch bei allem staatlichen Schutz sind es angesichts der gewaltigen Zahlen potentiell Betroffener vor allem die Bürger selbst, die sich auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Nach einem schweren Beben in einem Ballungsraum wie Tokio wird es sehr viele Verletzte geben, Straßen könnten unpassierbar sein, die Strom- und Wasserversorgung ausfallen.Deshalb hat wohl jeder Japaner mindestens einen Erdbebenrucksack im Flur stehen, den er im Falle einer Evakuierung schnell greifen kann. Darin sind Notfallmedikamente, Thermodecken, Wasserflaschen und Taschenlampe. In vielen Gärten stehen Kisten und Schränke, in denen Wechselkleidung, Schlafsäcke und Lebensmitteldosen aufbewahrt werden. Die Faustregel lautet: Jeder sollte sich im Ernstfall drei Tage lang selbst versorgen können.