Die Andy-Burnham-Methode: Ist Manchester ein Modell für Grossbritannien?Der «König des Nordens» wird wohl bald britischer Premierminister. In den neun Jahren als Bürgermeister von Gross-Manchester hat er die Stadt tief geprägt. Der Bauboom ist unübersehbar – ebenso die Obdachlosigkeit.09.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEin Bus des Bee Network in Manchester.James Speakman / PA Images / GettyWas in Manchester als Erstes auffällt, sind die Wolkenkratzer – und die Busse, die zwischen ihnen herumkurven. Es sind Doppeldecker wie in London, aber sie sind gelb und nicht rot wie ihr berühmtes Pendant in der Hauptstadt. Damit signalisieren sie: Wir sind hier im Norden, wir sind anders, eigenständig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Busse gehören zum Verkehrsverbund Bee Network. Alle tragen das Logo mit der Biene in ihrer Wabe. Die Biene ist ein bekanntes Symbol der Stadt, das auf die Industrialisierung verweist, die hier ihren Ausgang nahm. Sie steht für den Fleiss und den Stolz der Arbeiter. Oft sieht man sie auch als Graffito und als Tattoo.Auch die Trams und Mietvelos in Manchester sind im selben Gelb gehalten. Sie sind alle Teil desselben Systems, ausgeklügelt und organisiert wie ein Bienenstock. Wer einen längeren Spaziergang unternimmt, entdeckt noch etwas Weiteres: die Obdachlosen. Manche betteln am Strassenrand, andere haben sich in schattige Hauseingänge zurückgezogen.Die Neubauten aus Glas und Stahl, der öffentliche Verkehr und die Obdachlosigkeit hängen zusammen. Sie sind auch eng mit der Persönlichkeit von Andy Burnham verbunden, der Gross-Manchester während neun Jahren als Bürgermeister vorstand und sich nun anschickt, Premierminister zu werden.Im wuseligen Geschäftszentrum der Stadt liegen die Tootal Buildings. Der imposante, neobarocke Backsteinbau war Sitz und Lagerhaus des Textilunternehmens Tootal Broadhurst Lee. Heute ist hier unter anderem die Handelskammer untergebracht, wo die Fäden der Firmen in Manchester zusammenlaufen. Wohl kaum zufällig hatte auch Burnham hier sein Büro.Es ist auffällig, wie positiv hier über Burnham gesprochen wird – als Labour-Politiker und Linker eigentlich nicht gerade der Traumpartner der Wirtschaftsvertreter. Subrah Krishnan-Harihara, Direktor für Geschäftspolitik und Forschung bei der Handelskammer, sagt, der Aufschwung in Manchester sei untrennbar mit dem Namen Andy Burnham verbunden.Einst war Manchester dank den Baumwollfabriken das Zentrum der industriellen Revolution und des modernen Kapitalismus. Doch als es mit der Textilindustrie bergab ging, wurde Manchester zum Inbegriff der nordenglischen Misere. Die Deindustrialisierung führte zu Arbeitslosigkeit, Armut und Zerfall. Manchester entvölkerte sich. Inzwischen hat sich das Blatt abermals gewendet.Der Bauboom der letzten Jahre zeige den Erfolg der Stadt als Tech-, Medien- und Kulturzentrum, sagt Krishnan-Harihara. Unter Andy Burnham sei die Wirtschaft in Manchester jedes Jahr um über 3 Prozent gewachsen, doppelt so viel wie im ganzen Land.Subrah Krishnan-Harihara, Direktor für Geschäftspolitik und Forschung bei der Handelskammer Manchester.NZZAls grösste Leistung Burnhams erachtet Krishnan-Harihara die Reform des öffentlichen Verkehrs. «Vor zehn Jahren herrschte ein Durcheinander von privaten Anbietern und Systemen», sagt er. «Es war teuer und selbst für Einheimische kompliziert. Burnham legte das Netz zurück in die öffentliche Hand. Es wurde einfach und günstig.»Als zweites Verdienst lobt Krishnan-Harihara die duale Ausbildung. Unter Burnham wurde das Greater Manchester Baccalaureate für technische und handwerkliche Berufe eingeführt, eine Alternative zum Gymnasium. Den Absolventen wird nach dem Abschluss mit 16 Jahren ein bezahlter Ausbildungsplatz bei einem lokalen Unternehmen garantiert, vergleichbar mit einer Schweizer Lehre. Im akademisch orientierten Grossbritannien gilt der Ansatz als revolutionär.Drittens schätzt der Wirtschaftsvertreter die Bemühungen Burnhams, die Obdachlosigkeit zum Verschwinden zu bringen. Vor neun Jahren versprach er unter dem Slogan «A Bed Every Night» jedem einen Schlafplatz. Das Projekt war anfangs erfolgreich, geriet dann jedoch ins Stocken. In gewisser Weise kollidierte es mit dem Bauboom unter Burnham.«Es wurde zwar viel gebaut in den letzten Jahren. Aber es waren vor allem grosse Financiers aus dem Ausland, die investierten», sagt Krishnan-Harihara. In erster Linie seien Hochhäuser mit teuren Apartments erstellt worden. «Manchmal sind es reine Spekulationsobjekte. Familien und weniger gut Verdienende wandern in die Vororte ab. Das Problem der Obdachlosigkeit konnte durch diese Art Bautätigkeit nicht gelöst werden.»Im ArmenviertelDie Schattenseite der imposanten Skyline sieht man im Quartier mit dem vielsagenden Namen Strangeways, nur zwei Meilen von den Tootal Buildings entfernt. Der Kontrast ist erdrückend. Strangeways liegt neben dem Manchester-Gefängnis und besteht vor allem aus leerstehenden oder zerfallenden Billigbauten, Parkplätzen und Brachland. Dazwischen stehen vereinzelte Reparaturwerkstätten, Imbissbuden, Shisha-Bars, eine geschlossene Pension und die Ruine einer Brauerei. Passanten sieht man kaum.Hier liegt das Booth Centre, die Anlaufstelle für Obdachlose. Tritt man über die Schwelle, kommt man in eine andere Welt. Es herrscht ein lautstarkes Gewusel. Abgerissen wirkende Männer und Frauen drängen sich mit Kaffee und Sandwiches zwischen den Tischen hindurch. Obdachlose erhalten hier ein kostenloses Frühstück. Manche holen ihre Post am Empfang ab, andere sind gekommen, um ihre Kleider zu waschen oder sich beraten zu lassen.Doch bald könnte das Booth Centre selbst obdachlos werden. Denn auch für das Quartier Strangeways gebe es bereits Modernisierungspläne, sagt Paul Newcombe, der Leiter des Zentrums.Paul Newcombe, Leiter des Booth Centre.NZZDer 55-Jährige hatte oft mit Burnham zu tun. Dieser sei ein offener Typ, der die Zusammenarbeit mit den verschiedensten Gruppen suche, sagt Newcombe. Er sei regelmässig ins Booth Centre gekommen, um mit Betroffenen zu reden und sich einen Eindruck zu verschaffen. Er beschreibt ihn als unideologisch und lösungsorientiert. Er suche in der Politik nicht die Polarisierung, sondern die Zusammenarbeit. Dabei helfe ihm seine Umgänglichkeit.Laut Newcombe war das Versprechen von «A Bed Every Night», jedem Bedürftigen einen Schlafplatz zur Verfügung zu stellen – ohne Bürokratie, egal, ob er als Obdachloser registriert war, ob er aus Manchester stammte, was er für eine Vorgeschichte hatte. Man improvisierte, mit Pritschen oder Matten, in Kirchen, Kellern und Hinterzimmern. Aber irgendwann hätte man den Hilfesuchenden feste Zimmer oder Wohnungen zur Verfügung stellen müssen. Und an denen fehlte es. Der Bauboom hatte in Manchester zu Gentrifizierung, Verteuerung der Mieten und Verknappung von erschwinglichem Wohnraum geführt.Andy Burnham nach seinem Sieg bei der Bürgermeisterwahl für Gross-Manchester am 5. Mai 2017.Anthony Devlin / GettyDas «A Bed Every Night»-Programm wurde auch Opfer des eigenen Erfolges. Unter Obdachlosen sprach sich herum, wie leicht man in Manchester zu einem Bett kam. Also strömten immer mehr Bedürftige aus der Umgebung in die Stadt.Unter ObdachlosenObdachlosigkeit sei ein komplexes Problem, sagt Jimmy Dunn, der als Freiwilliger bei der Hilfsorganisation Lifeshare arbeitet. «Es ist nicht mit ein paar Betten getan.» Es gebe Leute, die gar nicht von der Strasse wegwollten oder -könnten. Manche seien überfordert damit, eine Rechnung zu bezahlen oder auch nur das Geschirr zu spülen. Manche wüssten nicht einmal, was für ein Wochentag heute sei.Jimmy Dunn, Freiwilliger bei der Hilfsorganisation Lifeshare.NZZAn diesem Donnerstag geht der 64-jährige Dunn zu einer Filiale des Supermarkts Morrisons, wo er überzählige Eier abholt. Am nächsten Morgen wird er wie jedes Wochenende mit anderen Freiwilligen ein Gratisfrühstück für Obdachlose zubereiten. Etwa hundert kommen normalerweise. Bei Lifeshare können sie auch duschen, ihre Handys aufladen und sich tagsüber ein paar Stunden hinlegen.«Denn die meisten getrauen sich nicht, nachts zu schlafen», sagt Dunn. «Es ist gefährlich. Man kann ausgeraubt oder verprügelt werden. Selbst die Schuhe werden ihnen manchmal gestohlen. Kürzlich wurde einer in seinem leicht brennbaren Schlafsack angezündet.»Dunn scheint alle zu kennen. Ein Bettler am Strassenrand ist gerade in ein Kreuzworträtsel vertieft. «England wird Fussball-Weltmeister werden, ich weiss es», sagt er. «Soll ich wetten gehen?» Mit allen wechselt Dunn ein paar Worte. Bloss bei einem Mann, der sich in einem Hauseingang gerade eine Crack-Pfeife anzündet, sagt er: «Vielleicht kein guter Moment für Smalltalk.»Matt Johnson, Vorstand der Hilfsorganisation Lifeshare.NZZDie meisten Gesprächspartner in Manchester attestieren Andy Burnham einen guten Willen, der jedoch angesichts von Sachzwängen an seine Grenzen stösst. Matt Johnson vom Lifeshare-Vorstand hingegen sieht die Ursache mancher Probleme auch bei Burnham selbst: «Er ist Idealist und trifft oft wertebasierte Entscheidungen. Das ist sympathisch; er hat auch selbst 15 Prozent seines Einkommens an das Obdachlosenprojekt gespendet», sagt er. Aber Burnham neige zu Versprechen, die er nicht halten könne, weil er erst nachher merke, wie kompliziert es sei. «Am Ende hat sich die Ungleichheit in Manchester vergrössert», sagt Johnson.Abgeschnitten in der VorstadtÄhnlich äussert sich Karen Lucas, Professorin für Humangeografie an der Universität Manchester. «Burnham ist ein bisschen wie das Bee Network», sagt sie. «Gepflegt und beliebt, mit perfekten Umgangsformen.» Auf den ersten Blick glänzten die Busse, und alles wirke effizient, sagt sie. Aber je mehr man an die Peripherie gehe, umso weniger gut funktioniere es. Das sei wie eine Beschreibung von Burnhams Politik. «Die Busse sind eine genial gemachte, wiedererkennbare Marke. Zu einem solchen Brand ist auch Burnham selbst geworden.»Beim Treffen in der Universität redet Lucas so schnell, als rennte sie dem Uhrzeiger davon. Die Akademikerin ist Spezialistin für Mobilitätsarmut. Davon betroffen sind Menschen, denen aufgrund ihres Wohnorts, ihrer Arbeit und ihrer finanziellen Situation die nötigen Transportmöglichkeiten fehlen.Lucas schätzt, dass mehr als elf Millionen Personen in England mobilitätsarm sind. Sie wohnen ausserhalb des Stadtzentrums, verfügen über kein Auto, können sich kein Taxi leisten und haben kaum die Möglichkeit, mit öffentlichen Verkehrsmitteln Arbeits- oder Ausbildungsplätze, Einkaufszentren, Ärzte und soziale Einrichtungen zu erreichen. Besonders betroffen sind Alte, Behinderte oder Arbeitslose, deren Stellensuche so zusätzlich erschwert wird.Der beliebte Exchange Square in Manchester während der Hitzewelle Ende Juni.Katy Blackwood / ImagoLaut Lucas hat die Privatisierung des öffentlichen Verkehrs unter Margaret Thatcher dazu geführt, dass vielerorts nur noch die lukrativen Teile des Netzes aufrechterhalten wurden – also vor allem im Stadtzentrum. Lucas rechnet es Burnham hoch an, diese Problematik zu einer Priorität gemacht zu haben. Allerdings bleibe noch viel zu tun, gerade in den Vorstädten.«Es gibt rund um Manchester viele Aussenbezirke, die früher wie Kleinstädte funktionierten», sagt sie. «Man fand dort alles, was man brauchte, in der Nähe. Inzwischen hat vielerorts eine Abwärtsspirale eingesetzt.»Karen Lucas, Professorin für Humangeografie an der Universität Manchester.NZZSie nennt dies die «Suburbanisierung der Armut»: «Wenn es plötzlich in einem Vorort drei Wohltätigkeitsläden, einen Junk-Food-Schnellimbiss, einen Vape- und einen Liquor-Shop gibt, aber nichts mehr für Familien, ist etwas faul», sagt Lucas. «Man müsste 400 Franken pro Monat bezahlen, um in die Stadt zu pendeln. Eine Arbeiterfamilie kann sich das nicht leisten. Aber niemand spricht darüber.»Die gelben Bee-Network-Busse seien von weitem zu sehen, ein Wahrzeichen von Manchester und eine Werbung für Burnham. Die Isolation und die Verelendung in den Vorstädten hingegen seien kaum bekannt. Kaum ein Tourist, Journalist oder Politiker verirre sich dorthin.Manchester als ModellDer Bus zurück von Lucas’ Institut in die Innenstadt trifft pünktlich um 10 Uhr 32 ein, wie es die App vorausgesagt hat. Die Erfolge von Burnhams Amtszeit sind offensichtlich – ebenso wie die unbeabsichtigten Nebenfolgen. Während sich Birmingham vor drei Jahren bankrott erklären musste, floriert Manchester; in den letzten zehn Jahren wurden über 200 000 Arbeitsplätze geschaffen.Aber durch den Boom wurde der Wohnraum für durchschnittliche Bürger immer unerschwinglicher. Die Bemühungen, die Obdachlosigkeit zu beenden, scheiterten letztlich. Ein Resultat der Gentrifizierung war, dass die Armen in die Peripherie abwanderten. Umso wichtiger wurde der öffentliche Verkehr, der aber die wachsende Nachfrage kaum bewältigen kann. Es ist, als ob mit jedem gelösten Problem ein neues geschaffen wird.Doch Manchester war schon immer eine Stadt der Widersprüche. Die Industrialisierung führte zu unvorstellbarer Produktivität und Verelendung. Nach der Schliessung der Fabriken erfand sich die Stadt neu. Vielleicht wird Manchester ja zum Modell für die dringend benötigte neue Dynamik im Land. Genau das ist es, was Burnham momentan mit dem Stichwort «Manchesterismus» suggeriert.Hohe Kräne und Wolkenkratzer dominieren den Himmel von Manchester.Christopher Furlong / GettyPassend zum Artikel