Andy Burnham verabschiedet den Zentralismus: Mit der Stärkung der Regionen will er Grossbritanniens Probleme lösenDer designierte neue Premierminister verspricht in seiner ersten programmatischen Rede einen historischen Befreiungsschlag – und eine neue «Nummer 10» in seiner Heimat Manchester. Doch viele Fragen bleiben offen.Claudia Wanner, London29.06.2026, 18.11 Uhr4 LeseminutenAndy Burnham will Optimismus verbreiten: Der designierte britische Premierminister hielt am Montag in Manchester seine erste programmatische Rede.Temilade Adelaja / ReutersDie Dezentralisierung von politischer Verantwortung aus London in die Regionen soll Grossbritanniens politische und wirtschaftliche Probleme lösen, gibt sich Andy Burnham überzeugt. Er werde das Land ganz neu «verdrahten», hat der Labour-Politiker in seiner ersten programmatischen Rede am Montag angekündigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der langjährige Bürgermeister von Greater Manchester, der erst vor einer Woche über eine Nachwahl ins Londoner Unterhaus eingezogen ist, dürfte in drei Wochen als neuer Premierminister an der Spitze des Landes stehen – falls nicht doch noch ein Herausforderer auf den Plan tritt. Burnham will den glücklosen Keir Starmer ablösen, der vergangene Woche seinen Rücktritt angekündigt hat.Nun hat der 56-Jährige erstmals seine Pläne für das Land vorgestellt: In Manchester soll «No. 10 North» entstehen, ein Ableger des Regierungssitzes Downing Street Nummer 10 in London als neue «Schaltzentrale eines runderneuerten Grossbritannien». Er versprach zudem das grösste kommunale Wohnungsbauprogramm seit der Nachkriegszeit und kündigte an, allen Regionen eine stärkere öffentliche Kontrolle von Dienstleistungen wie Wasser, Wohnen, Energie und Transport zu ermöglichen.Reindustrialisierung, Hilfen für junge Menschen auf Jobsuche sowie Unterstützung für die Bevölkerung bei der Bewältigung der anhaltenden Krise der Lebenshaltungskosten waren weitere Programmpunkte.Ein überzeugender RhetorikerBurnham ist in Westminster kein Unbekannter. Schon von 2001 bis 2017 sass er im Parlament, hatte in den ersten Jahren unter Labour-Regierungen eine Reihe von Ministerämtern inne. Doch trotz dieser langen politischen Karriere ist seine Position zu einer Vielzahl innen- und aussenpolitischer Fragestellungen im Land nicht klar.Allerdings packte er eine der grossen Sorgen vieler Beobachter an: Er betonte, dass er an den geltenden Haushaltsregeln nicht rütteln werde. «Aus Sicht der Märkte war Burnhams Bekenntnis zu den bestehenden fiskalischen Regeln das wohl vielsagendste Signal», schreibt Jack Meaning, Chefvolkswirt für Grossbritannien bei der britischen Bank Barclays, in einer Analyse. «Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass er versuchen würde, die Regeln zu umgehen oder die Kreditaufnahme zu erhöhen – ein Schritt, der die Märkte beunruhigt hätte.»Die Downing Street Nummer 10 in London: Geht es nach Andy Burnham, soll es künftig auch in Manchester eine Schaltzentrale der britischen Politik geben.ANDY RAIN / EPAKeine Neuigkeiten verkündete Burnham zu geplanten Personalien seiner Regierung. Damit wolle er sich Zeit lassen, bis die Entscheidung um den Parteivorsitz und den Posten des Premierministers endgültig gefallen sei, sagte er. Die Spekulationen um mögliche Schatzkanzler, Innen- und Aussenminister werden damit weiter anhalten.Ein Unterschied zu seinem Vorgänger wurde in der 30-minütigen Rede in Manchester deutlich: Er ist ein überzeugender Rhetoriker. Während Starmer bei öffentlichen Auftritten oft angestrengt und hölzern wirkte, zeigte sich Burnham selbstbewusst, gelassen und charmant.Die Regionen mit «Manchesterismus» stärkenBurnham konzentrierte sich in erster Linie auf den Befreiungsschlag, der nötig sei, um nach zwei Jahrzehnten weitgehender Stagnation die Lebensstandards im Land endlich zu verbessern. Das aktuelle Modell habe dazu geführt, dass London mit einer überhitzten Wirtschaft zu kämpfen habe, während viele Regionen abrutschten.Abhilfe schaffen soll seine Philosophie des «Manchesterismus». Sie zielt nicht nur darauf ab, die starke Zentralisierung im Land abzubauen, sondern auch mit Hilfe öffentlichen Eigentums oder staatlicher Regulierung die Qualität von Dienstleistungen und deren Kosten zu kontrollieren.Grossbritannien gehört zu den am stärksten zentralisierten Staaten unter den grossen Volkswirtschaften weltweit. 90 Prozent aller Steuereinnahmen fliessen dem Schatzamt der Zentralregierung zu. Statistiken zeigen, dass eine übermässige Konzentration der Geldflüsse auf die Zentrale oft das Wachstum einschränkt und regionale Ungleichgewichte verschärft.Eine Stärkung der Regionen hatte indes auch Starmer zum Prinzip erhoben. Das Konzept des «Levelling-Up» des konservativen Premierministers Boris Johnson zielte ebenfalls darauf ab. Burnhams Ankündigungen scheinen aber ungleich radikaler als die seiner Vorgänger: mit einem erheblichen Transfer von Verantwortung in die Regionen, unter anderem für den Wohnungsbau, Bildung und Infrastrukturaufgaben wie Energie, Wasserversorgung und öffentlicher Transport.Mit welchen konkreten Massnahmen er die Stärkung der Regionen erreichen wolle, sei bisher jedoch nicht klar geworden, sagte Akash Paun, Experte für Dezentralisierung bei der Denkfabrik Institute for Government, gegenüber der BBC. «Da fehlt noch eine erhebliche Menge an Details.»Eine zehnjährige MissionDie geplante Dezentralisierung kommt längst nicht überall gut an. Vor allem in London und im wirtschaftlich starken Südosten des Landes fürchten Abgeordnete, dass sie finanziell künftig schlechter wegkommen könnten. Gerade in diesen Regionen hat die Labour-Partei bei Wahlen zuletzt gut abgeschnitten.Auch der voraussichtliche künftige Premierminister rechnet nicht mit ganz schnellen Erfolgen – und stellt klar, dass er grosse Ambitionen hat: Er stehe am Beginn einer zehnjährigen Mission, die Lebensstandards im Land anzuheben. Der letzte britische Premierminister, der zehn Jahre lang regieren konnte, war Tony Blair. Keir Starmer hielt nur zwei Jahre durch.Passend zum Artikel
Erste Rede von Andy Burnham: Der künftige britische Premier will die Regionen stärken
Der designierte neue Premierminister verspricht in seiner ersten programmatischen Rede einen historischen Befreiungsschlag – und eine neue «Nummer 10» in seiner Heimat Manchester. Doch viele Fragen bleiben offen.










