Der wandelbare Andy Burnham: vom Londoner Technokraten zum Rebellen gegen das EstablishmentEr wird voraussichtlich der nächste britische Premierminister, aber über seine politische Ausrichtung ist wenig bekannt. Der «König des Nordens» fiel in jungen Jahren mit steilen Karrieresprüngen auf und später mit jähen Richtungswechseln.24.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAndy Burnham bei seiner Vereidigung als Abgeordneter am 22. Juni.Dan Kitwood / GettyDie Frage, die sich viele Briten gegenwärtig stellen, lautet: Wo steht Andy Burnham eigentlich politisch? Der 56-Jährige ist zwar seit einem Vierteljahrhundert in der Politik, aber man weiss erstaunlich wenig über seine Überzeugungen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Er ist ein Vollblutpolitiker. Gleich nach dem Studienabschluss wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Partei und schon mit 31 Jahren Abgeordneter. Unter den Premierministern Tony Blair und Gordon Brown ging es dann steil aufwärts. Bereits im Alter von 37 Jahren avancierte er zum Staatssekretär im Finanzministerium, wurde dann Kultur- und schliesslich Gesundheitsminister.Peter Macdiarmid / GettyPhil Noble / ReutersBurnham als 37-jähriger Finanzsekretär, am 28. Juni 2007 in London (links) und als Bürgermeister von Manchester auf einem Mietvelo am 21. Juni 2021.Er galt damals als typischer Vertreter von «New Labour» und als Verfechter eines «dritten Weges». Heute würde er damit zum wirtschaftsfreundlichen, rechten Flügel der Partei zählen. Er engagierte sich für den Einbezug der Privatwirtschaft in den Nationalen Gesundheitsdienst und gegen die Wiederverstaatlichung der Wirtschaftszweige, die unter Margaret Thatcher privatisiert worden waren.Aber dann geriet seine steile Karriere ins Stocken. Nachdem Labour 2010 die Wahlen verloren hatte, bewarb sich Burnham für den Posten des Parteichefs, landete jedoch abgeschlagen auf dem vierten Platz. Fünf Jahre später nahm er einen neuen Anlauf, scheiterte jedoch abermals. Der Wind bei Labour hatte gedreht. Unter Jeremy Corbyn wanderte die Partei nach links, Liberale wie Burnham waren nicht mehr gefragt.Vom Karrieristen zum RebellenNach einer Zeit der Orientierungslosigkeit kandidierte er 2017 für den neu geschaffenen Posten des Bürgermeisters von Gross-Manchester, gewann und kehrte Whitehall den Rücken. Innert kurzem wurde aus dem Prototyp des angepassten Karrieristen und Technokraten im feinen Anzug ein Rebell gegen das Londoner Establishment. Er forderte die Abschaffung des Oberhauses sowie des Mehrheitswahlrechts, aber vor allem Dezentralisierung und mehr Rechte für den vernachlässigten Norden.Im Gegensatz zu früher ist Burnham inzwischen ein vehementer Befürworter der Wiederverstaatlichung von lebensnotwendigen Gütern wie Wasser oder Energie. Er machte es mit dem öffentlichen Verkehr in Manchester vor, der zu seinem Vorzeigeerfolg wurde. Heute setzt er sich dafür ein, dieses Modell auf nationaler Ebene umzusetzen und auch auf andere Lebensbereiche auszudehnen. Beim Thema Migration ist er von der früheren liberalen, offenen Position im Zeichen einer wirtschaftlichen Globalisierung abgerückt und fordert nun eine härtere Gangart gegen illegale Einwanderung und den Vorrang von einheimischen gegenüber ausländischen Arbeitskräften. Unternehmen sollen stärker in die Pflicht genommen werden, um Jungen eine praxisorientierte Ausbildung zu ermöglichen.Andy Burnham beim Wahlkampf in Makerfield am 18. Juni.Jon Super / APOpportunismus oder FlexibilitätBei den Steuern verspricht er, die Einkommenssteuern für Einzelpersonen nicht zu erhöhen und Gewerbetreibende zu entlasten. Dafür zielt er auf höhere Abgaben für Online-Unternehmen wie Amazon und möchte Villenbesitzer mit einer Art Grundstücksteuer zur Kasse bitten.Heute wird Burnham zur «soft left» gezählt, die sich links von Starmer ansiedelt, aber rechts von den Corbyn-Sozialisten. Er selbst bezeichnet seinen Kurs als «unternehmensfreundlichen Sozialismus». Abgesehen von den konkreten politischen Positionen hat sich auch Burnhams Habitus geändert. Heute gibt er sich gerne als Mann des einfachen Volkes in Jeans und T-Shirt, der sich am liebsten mit Fussball und Bier vergnügt. Als «König des Nordens», wie er gerne genannt wird, sieht er sich als Kämpfer für die abgehängten, deindustrialisierten Regionen. Er ist damit ein Gegenmodell zu Keir Starmer, der trotz seiner einfachen Herkunft weitherum als grauer Bürokrat wahrgenommen wird, der wenig mit der Lebensrealität der einfachen Briten ausserhalb von London zu tun hat.Allerdings kann man sich auch fragen, wie nahe Burnham, der sein Geld nie ausserhalb des Politbetriebs verdienen musste, der oft beschworenen Arbeiterschicht noch ist. Manche sehen ihn denn auch als linken Populisten. Andere fragen sich, ob seine diversen ideologischen Wandlungen Ausdruck von Opportunismus sind oder eher ein Beweis für Pragmatismus und Flexibilität.Vor seinem Haus in Manchester rennt Burnham los.Phil Noble / ReutersPassend zum Artikel