SerieKlappdach, Kultstatus, Kostendruck: Der Mercedes SLK begründete vor dreissig Jahren die Ära offener ZweisitzerEin Vario-Dach machte den Roadster zum Vorreiter und Verkaufsschlager. Inzwischen ist er nur noch ein Nischenfahrzeug für Enthusiasten, der Zeitgeist hat sich gewandelt.Fabian Hoberg09.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Mercedes SLK 230 Kompressor war die beliebteste Variante der ersten SLK-Baureihe R170.PDEin Druck auf die Taste in der Mittelkonsole genügt. Das Dach hebt sich, klappt zusammen und verschwindet im Kofferraum. Und all das innerhalb von 25 Sekunden. Ein faltbares Metalldach war 1996 zwar bei Cabrios nicht neu. 1933 hatte Peugeot beim Eclipse ein solches System vorgestellt. Doch der Mercedes SLK interpretierte das Metallklappdach neu – und lancierte 1996 einen Trend. Die drei Buchstaben SLK standen für: sportlich, leicht und kurz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kompakt, muskulös, mit elegantem Schwung – der erste SLK mit dem internen Baureihenkürzel R170 verkörperte Freiheit und Fahrspass zugleich. Mercedes erfand mit ihm vor dreissig Jahren den Roadster, das zweisitzige Sportcabrio, neu. Der SLK wurde zum Flitzer mit jugendlichem Flair, der Emotionen weckte, Technik auf hohem Niveau bot und gleichzeitig alltagstauglich blieb.Unter dem Blech steckte die Technik der damaligen Limousine der kompakten C-Klasse. Mit Sicherheitssystemen, Alltagskomfort, dem hydraulischen Vario-Dach und der Mercedes-Qualität öffnete der SLK das Segment für neue Käufer. Die Faszination offener Zweisitzer schwappte in den späten 1990er Jahren über. Peugeot 206 CC, Opel Tigra Twintop, Peugeot 207 CC, Renault Wind, Ford Focus CC, VW Eos und weitere Hersteller adaptierten das Konzept des faltbaren Dachs aus festem Material ohne Stoff und stellten ähnliche Modelle vor.Meilensteine der MobilitätVon den ersten Bestsellern bis zu Kultklassikern – hinter jedem Jubiläum steckt eine Erfolgsgeschichte. In einer Serie blicken wir zurück auf prägende Fahrzeugmodelle, ordnen sie historisch ein und zeigen, warum sie bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.https://www.nzz.ch/mobilitaet/meilensteine-der-mobilitaetDie Proportionen des Coupé-Cabriolets von Mercedes wirken heute noch klassisch, doch ein genauer Blick auf die Technik offenbart den Innovationsgeist von damals. Zur Konstruktion gehören etwa Leichtbauteile aus Magnesium-Druckguss. Doch das grösste Highlight ist zunächst unsichtbar: das Vario-Dach. Per Knopfdruck setzt die Hydraulik ein, und binnen Sekunden verschwindet das Klappdach im Kofferraum. Zwei feststehende Stahlrohrbügel hinter den Sitzen übernehmen den Überschlagschutz.Lange Lieferfristen zeugten von PopularitätDurch das verstaute Dach schrumpft der Kofferraum von 350 auf 145 Liter, und aus einem kompakten Coupé wird ein offener Roadster mit Reisetaschenfach. Diese technische Lösung war einzigartig und machte den SLK zum Vorreiter seiner Klasse. Und er war sofort begehrt: Anfangs mussten Kunden bis zu zwei Jahre auf ihren SLK aus dem Mercedes-Werk Bremen warten.Das elektrohydraulische Vario-Dach machte den SLK auf Knopfdruck innerhalb von 25 Sekunden zum luftigen Cabriolet oder zum wintertauglichen Coupé.PDDie Mittelkonsole des SLK war anfällig: Der Kunststoff löste sich vergleichsweise leicht ab.PDDie Basisversion SLK 200 lieferte bescheidene 136 PS, ein eher träger Vierzylinder vermittelte wenig Leichtigkeit und Fahrspass. Der SLK 230 Kompressor brachte hingegen 193 PS. Das Fauchen des Kompressors kündigte Leistung an, die sofort spürbar wurde, wenn der SLK beschleunigte.Beim ab dem Jahr 2000 angebotenen SLK 320 vereinte Mercedes einen 218 PS starken Sechs-Zylinder-Benziner mit ausreichend Kraft, geschmeidiger Laufruhe und Eleganz. Es war dies die ideale Kombination aus Fahrspass, Laufruhe und Souveränität. Brachiale Kraft bot als Topmodell der SLK 32 AMG: 354 PS, 450 Nm Drehmoment, 0 bis 100 km/h in 5,2 Sekunden – er war ein echter Sportwagen im kompakten Format.Noch heute ist der SLK 230 Kompressor ein Spassmobil, wie die Testfahrt beweist: Ein Dreh am Zündschlüssel, und der Vier-Zylinder-Kompressor bellt leise los. Das typische Kompressorgeräusch mischt sich dank offenem Dach mit dem leichten Wind. Jede Kurve des 3,99 Meter kurzen Roadsters erzählt eine Geschichte, jede Beschleunigung erzeugt ein breites Lächeln. Das dicke Lenkrad liegt satt in der Hand, die tunnelartigen Anzeigen lassen sich gut ablesen.Sportlich eng geschnittene Sitze geben im SLK in schnellen Kurven ausreichend Seitenhalt, der Wind streicht durchs Haar. Nur der abgeblätterte Softlack in der Mittelkonsole passt nicht zum guten Eindruck – es ist dies ein typisches Problem vieler Fahrzeuge der 1990er Jahre.Die erste Serie der Baureihe R170 hatte noch Seitenspiegel ohne integrierte Blinker.PDDie Sonne fällt auf die Motorhaube, der Motor schnurrt, und es wird klar: Dieses Auto verändert nicht nur Fahrten, sondern auch die Perspektive auf die Fahrzeugkategorie Roadster. Auch auf die mit Stahldach.Mehr als hundert Jahre Roadster-TraditionDie Geschichte der Klappdach-Cabrios begann in den 1920er Jahren mit einfachen Stoffverdecken, die manuell zusammengefaltet wurden.Die ersten Roadster entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts als leichte, offene Zweisitzer, die puren Fahrspass vermittelten. In den 1920er und 1930er Jahren wurden Modelle von MG, Alfa Romeo oder Bentley zu Symbolen für Eleganz und puristische Sportlichkeit. Erste Hartdächer (Hardtops) aus Stahl oder Aluminium waren zwar selten, zeigten aber bereits den Wunsch nach mehr Komfort und Wetterschutz, wenn es beim offenen Fahren ungemütlich wurde.Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Roadster eine Blütezeit: MG, Triumph und Austin-Healey produzierten erschwingliche Sportwagen, während Ferrari, Maserati und Mercedes luxuriöse Zweisitzer für betuchte Enthusiasten anboten. In der Nachkriegszeit, besonders in den 1950er und 1960er Jahren, experimentierten erste Hersteller mit teil- oder vollklappbaren Metalldächern. Teilweise gab es bereits halbautomatische Mechanismen, die das Öffnen und Schliessen erleichterten – meist bei sehr schweren und teuren Roadstern.Ab den 1980er Jahren wurden die offenen Sportwagen kleiner, leichter und günstiger. Mazda brachte den überaus erfolgreichen Roadster MX-5 und BMW den sportlichen Z3 auf den Markt. Mercedes ging beim SLK mit hydraulischem Dach einen neuen Weg. Die Baureihe R170 zeigte erstmals: Roadster müssen nicht nur extrem oder puristisch sein. MX-5, Z3 oder kleinere italienische Roadster ziehen bis heute Fans an, aber die komfortbewusste Käuferschicht bleibt zurückhaltend.In diese Lücke stiess 1996 der SLK. Er setzte Massstäbe, die bis heute nachwirken – das Modell hat das Segment neu definiert, denn es verknüpfte Technik, Alltagstauglichkeit und Emotion.Das Vario-Dach gab dem SLK ein Alleinstellungsmerkmal, das Mazda oder BMW nicht boten. Manche sahen in ihm den direkten Nachfolger des legendären Mercedes 190 SL, gebaut von 1955 bis 1963. «Mit dem SLK ist Mercedes-Benz vor dreissig Jahren eine echte Innovation gelungen, die schnell Nachahmer gefunden hat», sagt Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. «Sehr viele haben das Konzept des sportlichen und alltagstauglichen Roadsters übernommen.»Urahn und Erbe: Mercedes 190 SL (links) und SLK 230 Kompressor.PDBis 2004 baute Mercedes sein erstes Cabrio mit festem Dach im Werk Bremen. Insgesamt entstanden 311 222 Stück, der SLK ist damit noch vor dem Mazda MX-5 der meistverkaufte Roadster in Deutschland. Dann folgte der Baureihennachfolger R171 und später der R172, ab 2016 als SLC bezeichnet. 2020 lief der SLK/SLC endgültig aus, die Kundenwünsche hatten sich stark verändert.Erhöhte Sicherheitsauflagen, hohe Produktionskosten, geringe Nachfrage, begrenzte Alltagstauglichkeit und die schnell wachsende Beliebtheit von SUV machten Roadster für die Hersteller wirtschaftlich unattraktiv. Hinzu kam der Trend des sogenannten Cocoonings, der bis heute anhält: Menschen bevorzugen geschützte, komfortable Autos wie SUV statt offener Zweisitzer. Sicherheit, Wetterschutz und Alltagstauglichkeit werden wichtiger als Freiheit und Emotionalität.«Cabrios haben in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung verloren», sagt Bratzel. «Das mag am veränderten Zeitgeist liegen, an der gesellschaftlichen Entwicklung des Cocoonings wie auch an den gestiegenen Kosten. Heute spielen Cabrios bei den Neuzulassungen keine grosse Rolle mehr.» Ein offenes Auto passe nicht mehr in eine sich bedroht fühlende und geschlossene Gesellschaft – zumindest in der Mittelklasse.Cabrios und Roadster existieren aber weiter als Nischenfahrzeuge für Enthusiasten, meist als Premium- oder Sportwagen und mit einem leichten Stoffverdeck. Von den ersten offenen Zweisitzern bis zu modernen Modellen bleibt die Essenz gleich: pure Fahrfreude, gepaart mit Emotion, Technik und Leidenschaft. Beim SLK wurde auf Knopfdruck aus einem vollwertigen Coupé ein offener Roadster. Vor dreissig Jahren war das eine geniale Idee.Mit geschlossenem Dach wirkte der Mercedes SLK wie ein Coupé ohne Cabrio-Option.PDDie Testfahrt wurde durch Mercedes unterstützt.Passend zum Artikel