Der Krieg der Intellektuellen: Warum Schriftsteller, Maler und Philosophen im Spanischen Bürgerkrieg kämpftenIm Sommer 1936 ging ein Ruck durch Europa. Aus über fünfzig Ländern meldeten sich Freiwillige, um Spanien gegen den Faschismus zu verteidigen. Paul Ingendaay schildert den Kampf der Literaten.Florian Keisinger09.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFront bei Córdoba, September 1936: Die Aufnahme des Fotografen Robert Capa zeigt einen republikanischen Milizionär, der von einer Kugel getroffen wird.Robert Capa / MagnumDie Balkankriege 1912/13 nahmen mit ihrer Zerstörungswut die Grauen des Ersten Weltkrieges vorweg. Den europäischen Zeitgenossen war dies allerdings kaum bewusst. Was sich dort, weit hinten im Südosten des Kontinents, abspielte, galt unter den «zivilisierten» Grossmächten nicht als Massstab für die eigene Zukunft. Umso grösser war der Schock, als wenig später das grosse Morden in Europa begann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch der Spanische Bürgerkrieg, der im Sommer 1936 mit einem Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung seinen Anfang nahm und nach drei Jahren blutiger Kämpfe in der bis 1975 andauernden Diktatur General Francisco Francos mündete, wurde aus militärischer Sicht zu einem Testfeld für den kommenden Weltenbrand. Deshalb gilt sein Ausbruch unter Historikern mitunter auch als der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkrieges.Allen voran die faschistischen Achsenmächte Deutschland und Italien nutzten Spanien, um aufseiten der Franco-Truppen moderne Panzerverbände und den systematischen Luftkrieg zu erproben. Zugleich unterstützte die Sowjetunion die republikanische Seite mit Waffen, Material und Soldaten, beförderte jedoch in ihrem Bestreben, den kommunistischen Einfluss auszuweiten, zugleich die innere Spaltung und damit Schwächung des republikanischen Lagers.Generalissimo: Francisco Franco in einer Aufnahme aus dem Jahr 1958.James McAnally / GettyDer Kulturjournalist und Schriftsteller Paul Ingendaay schildert die Entwicklung des Krieges chronologisch, ohne dabei in eine blosse Ereignisgeschichte zu verfallen. Sein Buch verbindet eine fundierte Darstellung mit einer eher anekdotischen Erzählweise und entwirft mit Einblicken in das Schicksal bekannter Persönlichkeiten des Kulturlebens ein Mosaik, aus dem sich ein grösseres Bild der Zeit erschliesst. Dass dabei analytische Schärfe und die Aufschlüsselung komplexer Strukturzusammenhänge nicht im Vordergrund stehen, kommt der Lesbarkeit zugute.Wunschdenken und RealitätSouverän zeichnet Ingendaay nach, wie es mit Kriegsausbruch, neben den rund 40 000 Freiwilligen aus aller Welt, die in den sogenannten Internationalen Brigaden für die Republik kämpften, auch zahlreiche Künstler und Literaten an die Front oder zumindest in deren Nähe zog. Sei es, um wie George Orwell und Simone Weil selbst mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus zu kämpfen; oder, wie Ernest Hemingway und der Fotograf Robert Capa, um durch ihre Berichte und Bilder der Weltöffentlichkeit die Schrecken des Krieges – und dabei in erster Linie die Verbrechen der nationalistischen Franco-Truppen – vor Augen zu führen.Um 1937: Der Schriftsteller und Journalist Ernest Hemingway während des Spanischen Bürgerkriegs. Er gehörte zu den ersten amerikanischen Korrespondenten, die vor Ort eintrafen.London Express / Hulton Archive / GettyDie französische Philosophin Simone Weil 1936 als Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg.GettyKaum überraschend spielt Picassos Jahrhundertwerk «Guernica», das anlässlich der Zerstörung der gleichnamigen baskischen Stadt durch die deutsche Legion Condor entstanden ist und erstmals bei der Pariser Weltausstellung 1937 gezeigt wurde, bei Ingendaay eine prominente Rolle. Wobei vor allem bemerkenswert ist, wie zurückhaltend die Zeitgenossen auf das Werk reagierten, das offenbar erst mit der Zeit und in der Rückschau seine volle symbolische Wucht zu entfalten vermochte.Kurz gestreift wird von Ingendaay auch der Spanien-Kurztrip der Geschwister Erika und Klaus Mann im Juni und Juli 1938, wobei die daraus resultierenden Berichte eher vom Wunschdenken der beiden als von den tatsächlichen Realitäten an der Front geprägt waren. Als die Franco-Truppen bereits kurz davor standen, den Krieg final für sich zu entscheiden, erklärte das Geschwisterduo den Lesern der «Pariser Tageszeitung», dass die Faschisten den Kampf unmöglich gewinnen könnten.Apropos Familie Mann: Warum das Buch wiederholt auch auf Thomas Mann Bezug nimmt, der zum Spanischen Bürgerkrieg offenkundig nichts Substanzielles zu sagen hatte und gegenüber dem aus Spanien zurückgekehrten Arthur Koestler, der dort monatelang inhaftiert gewesen war und jederzeit mit seiner Exekution rechnen musste, sogar sein Desinteresse zum Ausdruck brachte, bleibt Ingendaays Geheimnis.Von der Exekution bedroht: Arthur Koestler und sein Hund Sabby im Jahr 1949.ImagoKonfliktlinienAusdrücklich zugute halten muss man Ingendaay hingegen, dass er die Perspektive der in Spanien schreibenden oder kämpfenden Künstler und Literaten nicht einseitig übernimmt, sondern auch die von der republikanischen Seite verübten Verbrechen und Kriegsgreuel thematisiert.Dasselbe gilt für die tiefen Zerwürfnisse innerhalb des republikanischen Lagers, die sich ebenso unter den internationalen Unterstützern widerspiegelten und zugleich den Grundkonflikt des linken bis republikanischen Spektrums jener Zeit offenlegten: die ideologischen Grabenkämpfe zwischen Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten und gemässigten Linken, die die eigene Schwäche verstärkten und dem Gegner in die Hände spielten.Zumal es sich dabei keineswegs um ein rein spanisches Phänomen handelte, sondern vielmehr um Konfliktlinien, welche die gesamte Exil-Community der 1930er und 1940er Jahre durchzogen. Nicht zuletzt deshalb gelang es den Exilierten – von einzelnen Stimmen abgesehen – letztlich nie, eine wirklich geschlossene und politisch durchschlagskräftige Stimme des Widerstands gegen den Faschismus zu entwickeln.Paul Ingendaay: Entscheidung in Spanien. Der grosse Kampf der Literatur, 1936–1939. C.-H.-Beck-Verlag, München 2026. 352 S., Fr. 40.90.Spanischer Bürgerkrieg: Republikanische Truppen kämpfen in den Strassen gegen die Nationalisten in der Nähe des Alcázar in ToledoImagoPassend zum Artikel