«Israel existiert nicht» und «Joe Biden ist ein Vergewaltiger» – Darializa Avila Chevalier steht exemplarisch für die Radikalisierung bei den US-DemokratenDie 32-Jährige hatte ein Erweckungserlebnis in Palästina. Dann konvertierte sie zum Islam – und nun setzte sie sich bei den New Yorker Vorwahlen für das Repräsentantenhaus durch09.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPolizeigewalt, sexuelle Gewalt, ICE, Rassismus: Für Avila Chevalier ist an allem irgendwie Israel schuld.Ryan Murphy / APIm Sommer 2014 wurde Darializa Avila Chevalier zu einer wütenden jungen Frau. Die Bachelorstudentin der Columbia University hatte die Semesterferien in den palästinensischen Gebieten im Westjordanland verbracht. In der Stadt Nablus absolvierte die damals 20-Jährige ein Praktikum bei einer NGO und gab Kindern in Flüchtlingslagern Englischunterricht. Als es dann gegen Ende ihres zweimonatigen Aufenthalts zu einem Ausbruch von Gewalt kam, erlebte Avila Chevalier diesen aus nächster Nähe mit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Palästinensische Fanatiker mit Verbindungen zur Hamas hatten drei israelische Talmudschüler entführt. Um sie zu finden, durchkämmte die israelische Armee auch Nablus. Hunderte Palästinenser wurden verhaftet, etliche Häuser zerstört. Doch die Israeli konnten die Jugendlichen nur noch tot nach Hause holen. Sie waren hingerichtet worden.Wie sich die Kunde verbreitete, eskalierte die Lage vollends. Israelische Siedler verübten einen Rachemord, die Hamas antwortete aus dem Gazastreifen mit Raketenbeschuss. Avila Chevalier kam, wenn man so will, gerade noch rechtzeitig aus der Gegend raus. Einen Tag nachdem sie zurück nach Amerika geflogen war, begann die israelische Armee mit der grossflächigen Bombardierung der palästinensischen Küstenenklave.Für Mamdani aktivEinmal «im Herzen der Besetzung» gelebt zu haben, sei eine prägende Erfahrung gewesen, sagt Avila Chevalier heute, zwölf Jahre später. In den vergangenen Wochen betonte die politische Senkrechtstarterin in praktisch jedem Interview, dass die Zeit in Nablus ihr die Augen geöffnet habe.Bei den demokratischen Vorwahlen für das Repräsentantenhaus machte die New Yorkerin, die sich als Wahlkampforganisatorin von Zohran Mamdani die Sporen verdient hatte, ihre Palästina-Erfahrung zum tragenden Argument. «Was ich gesehen hatte, bekam ich nicht mehr aus dem Kopf», sagte sie wiederholt. Während sie die Ermordung der israelischen Jugendlichen stets unerwähnt liess, argumentierte sie, dass dasselbe System, das die Palästinenser unterdrücke, auch die Menschen in Amerika drangsaliere.Polizeigewalt, sexuelle Gewalt, ICE, Rassismus: Für die radikal links politisierende Tochter von dominikanischen Einwanderern ist alles systematisch verknäuelt. Intersektionalität heisst das intellektuelle Schlagwort, dem Avila Chevalier auch als Studentin an der Columbia University begegnet sein dürfte.Der Theorie nach können soziale Benachteiligungen nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Sie überschneiden und verstärken sich gegenseitig zu einer völlig neuen, eigenständigen Diskriminierungserfahrung.So reklamierte Avila Chevalier für sich, aus einer «schwarzen, queeren, feministischen Perspektive» für die «am stärksten Marginalisierten» einzutreten. Das Denken in Diskriminierungsstufen führte bei ihr so weit, dass sie sich sogar über Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben ausliess. In einem Social-Media-Beitrag von 2019 schimpfte sie auf Schwarze oder Araber, die sich mit «hässlichen weissen Siedlerfrauen» einliessen.Fasten gefiel ihrAls Grundübel gilt in der Intersektionalität zumeist Israel. Schon während ihres Bachelorstudiums in Nahoststudien hat Avila Chevalier offenbar gelernt, dass der jüdische Staat nicht rechtens sei. «Israel existiert nicht», schrieb sie 2020 in einem Social-Media-Beitrag.Ungefähr zu derselben Zeit, mit Mitte zwanzig, entdeckte sie ihre Affinität zum Islam. An Ramadan im Jahr 2019 oder 2020 habe sie beschlossen, das Fasten auszuprobieren, sagte sie gegenüber dem Magazin «City & State New York». Offensichtlich gefiel es ihr. Ein paar Jahre später habe sie ein Freund sanft gestupst: «Darializa, was wird das? Konvertierst du?»Da habe sie realisiert, dass sie tatsächlich Muslimin sein wolle. Wenige Tage später sei sie zum Sitzkreis der Halaka in die Moschee gegangen, und der Imam habe zu ihr gesagt, dass sie sich gegenüber Allah, der der Gnädigste und Barmherzigste sei, immer öffnen könne. «Ich erinnere mich, dass ich geweint habe und dachte: ‹Oh, das war die Erlaubnis, die ich brauchte.›»Mit dem Übertritt zum Islam schloss sich für die Frau, deren Aktivismus aus dem Kampf für die palästinensische Sache entsprungen war, ein Kreis. Die 32-Jährige widerspräche wohl kaum, wenn man die Konversion als eine Konsequenz ihrer Erfahrung im Westjordanland bezeichnete.Denn der Kampf gegen Israel ist und bleibt ihr Hauptantrieb. So trat sie gleich nach ihrer Rückkehr aus dem Westjordanland den Students for Justice in Palestine (SJP) in Columbia bei. Dieser besonders radikale Ableger des Pro-Palästina-Netzwerks rechtfertigte später das Hamas-Massaker vom 7. Oktober. Als Alumna half Avila Chevalier den SJP dann auch, Pro-Palästina-Zeltlager auf dem Campus aufzustellen.Gegen GefängnisseAls Aktivistin an der Uni drängte sich Avila Chevalier aber bis zuletzt nicht in den Vordergrund. Sie sah sich als Organisatorin. Ihrer Wandlung zu einer sich öffentlich exponierenden Politikerin, die in der Kandidatur als Abgeordnete für das Repräsentantenhaus gipfelte, ging ein längerer Prozess voraus.Parallel zu den Protesten gegen Israel und sexuelle Gewalt gehörte sie in Columbia auch zu den Führungsfiguren in einer studentischen Initiative gegen private Gefängnisbetreiber. Mit der Bewegung «Columbia Prison Divest» brachte sie die Universität dazu, ihr Aktienportfolio von Beteiligungen an der Gefängnisindustrie zu bereinigen.Dahinter steckte ein grundsätzlicher Kampf gegen Strafverfolgungsbehörden, dem sich Avila Chevalier bis heute verpflichtet fühlt. Verschiedentlich sind Social-Media-Posts aus den letzten fünf, sechs Jahren aufgetaucht, in denen sie geradeheraus die Abschaffung der Polizei fordert. Und wenn es nach ihren damaligen Äusserungen geht, braucht es auch keine Gefängnisse.Von diesen Überzeugungen lässt sie ungern ab, wie sie im Juni in einem Interview mit New Yorker Journalisten demonstrierte. Trotz viermaliger Nachfrage wollte sie sich nicht dazu äussern, ob rechtskräftig verurteilte Mörder ins Gefängnis gehörten.Im Zuge ihres Wahlkampfs distanziert sie sich einzig von der Tonalität früherer Beiträge. «Ich bin ein Millennial mit Internetanschluss», sagte sie gegenüber «City & State New York», «und natürlich spreche ich heute ganz anders über diese Dinge als damals.» Sie sei gereift.Lob für Ho Chi Minh und MaoDass sie Joe Biden in einem Tweet 2020 einen «Kriegsverbrecher» und «Vergewaltiger» genannt hat, würde sie vermutlich nicht wiederholen. Genauso wenig ihr «Fuck Kamala Harris», das sie ein Jahr später in die Tasten haute, nachdem die ehemalige Vizepräsidentin an Migranten appelliert hatte, nicht illegal in die USA zu kommen. Ihre Ausfälligkeit relativierte sie mit dem Hinweis, sie habe Harris schliesslich gewählt.Wie sie als Neumitglied der Democratic Socialists of America zu früheren, wohlgesinnten Aussagen über kommunistische Diktatoren wie Ho Chi Minh, Kim Il Sung, Mao Zedong und Fidel Castro steht, bleibt offen. Als junge Radikalinski forderte sie auch explizit, Privateigentum von Vermietern zu enteignen und Grossindustrien komplett zu verstaatlichen. Kurzum: Sie hat Zohran Mamdani links überholt. Eine Alexandria Ocasio-Cortez wirkt neben ihr geradezu gemässigt, Bernie Sanders wie ein Brückenbauer.Ob man ihre verbalen Entgleisungen und ihre linksextremen Statements als Jugendsünden abtun will oder nicht: Geschadet haben sie ihr offensichtlich nicht. Eher trugen sie dazu bei, dass die «Justice Democrats» auf sie aufmerksam geworden sind. Die progressive Gruppe, die schon Alexandria Ocasio-Cortez entdeckt hatte, warb Avila Chevalier gezielt für die Kampagne als Kongressabgeordnete an.«Ich hatte nicht vor zu kandidieren, bis die ‹Justice Democrats› an mich herantraten», erklärte sie in einem Interview mit dem progressiven Magazin «The Indypendent». Aber sie habe erkannt, dass der Schritt in die Politik notwendig geworden sei, «um den Faschismus zu bekämpfen».Denn ein Schlüsselmoment sei gewesen, als der palästinensische Columbia-Doktorand Mahmoud Khalil von ICE inhaftiert worden sei. Weil sich niemand in der Partei für ihn eingesetzt habe, sah Avila Chevalier den Fall als Symbol einer feigen Politik. Sie sah die Zeit gekommen, ihren Palästina-Aktivismus persönlich in die Institutionen zu tragen.Passend zum Artikel
«Israel existiert nicht»: Darializa Avila Chevalier steht für die Radikalisierung der US-Demokraten
Die 32-Jährige hatte ein Erweckungserlebnis in Palästina. Dann konvertierte sie zum Islam – und nun setzte sie sich bei den New Yorker Vorwahlen für das Repräsentantenhaus durch










