Linker, jünger, antiisraelisch: Mamdanis Sozialisten besiegen das demokratische Establishment in New Yorker VorwahlenNew Yorks sozialistischer Bürgermeister Mamdani setzt seinen Siegeszug auch auf nationaler Ebene fort: Bei den Vorwahlen zum Kongress gewannen drei seiner Kandidaten. Es ist eine Blamage für die Parteiführung der Demokraten und ein Warnsignal für Israel.24.06.2026, 16.55 Uhr4 LeseminutenZohran Mamdani (im T-Shirt der New York Knicks) ebnete Claire Valdez (von links), Brad Lander und Darializa Avila Chevalier den Weg zu einem Sitz im Kongress in Washington.Ryan Murphy / APKnapp zehn Jahre lang diente Adriano Espaillat als Kongressabgeordneter in Washington. Und in normalen Zeiten hätte er sich auch um seine fünfte Wiederwahl keine Sorgen machen müssen. Republikanische Konkurrenz musste der Demokrat nicht fürchten. Denn mit dem 13. Wahlbezirk in New York, zu dem Teile von Manhattan, Harlem und der Bronx gehören, vertrat er eine linke Hochburg. Zudem genoss er die Unterstützung des demokratischen Fraktionsführers Hakeem Jeffries und der demokratischen Gouverneurin Kathy Hochul. Trotzdem verlor der 71-Jährige die Vorwahl gegen die propalästinensische Aktivistin, Sozialistin und politische Newcomerin Darializa Avila Chevalier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die 32-jährige Muslimin mit dominikanischen Wurzeln brachte vor allem zwei Vorteile mit: Einerseits wurde sie vom charismatischen Bürgermeister Zohran Mamdani unterstützt. Anderseits gelang es ihr, Espaillats Nähe zu israelischen Interessengruppen bei den Wählern erfolgreich zu problematisieren. Espaillat ist Mitvorsitzender der hispanisch-jüdischen Parlamentariergruppe im Repräsentantenhaus. Nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 verurteilte Espaillat die brutale Gewalt und erklärte: «Israel hat jedes Recht, sich zu verteidigen und sein Volk zu beschützen.»Die Anti-Israel-Karte ziehtAvila Chevalier nahm am 8. Oktober, am Tag nach dem Massaker, an einer propalästinensischen Demonstration auf dem Times Square in Manhattan teil. Dort skandierten die Protestteilnehmer unter anderem: «Widerstand ist gerechtfertigt, wenn ein Volk unter einer Besetzung lebt.» Später spielte Avila Chevalier eine führende Rolle bei den propalästinensischen Demonstrationen auf dem Campus der Columbia University.Ihren Wahlkampf lancierte die Doktorandin mit einem Video, in dem sie rhetorisch fragte: «Warum sollten wir Adriano Espaillat dafür stimmen lassen, Milliarden für Bomben im Ausland auszugeben, wenn wir in New York damit kämpfen, unsere Mieten und Lebensmittel zu bezahlen?» Neben ihrem propalästinensischen Aktivismus vertrat Avila Chevalier in früheren Beiträgen im Internet radikale linke Positionen. Unter anderem rief sie dazu auf, die Polizei, die Gefängnisse und Grenzen abzuschaffen sowie Privateigentum zu konfiszieren.Im Gegensatz zu Avila Chevalier ist Brad Lander politisch erfahrener und gemässigter. Aber auch er gewann seine Vorwahl gegen den amtierenden Kongressabgeordneten Dan Goldman dank der Kritik an dessen Unterstützung für Israel und dem Support durch Mamdani. Lander amtierte in New York früher als Rechnungsprüfer und war 2025 ebenfalls Kandidat für den Posten des Bürgermeisters. Wie Goldman kritisierte auch er Trumps harte Einwanderungspolitik und forderte höhere Steuern für die Reichen. Gegenüber dem Amtsinhaber grenzte er sich aber erfolgreich mit dem Thema Israel ab. Er bezeichnete die Solidarität des ehemaligen demokratischen Präsidenten Joe Biden mit der Netanyahu-Regierung als «katastrophalen Fehler». Diese Strategie habe Amerika «mitschuldig an einem Genozid» gemacht.Lander gewann die Vorwahl mit einem Vorsprung von mehr als 30 Prozentpunkten mit 66 zu 34 Prozent der Stimmen. Die Zukunft der demokratischen Partei liege in ihrem linken Flügel, erklärte Lander nach seinem Wahlsieg. Auch Claire Valdez, eine weitere Mamdani-Kandidatin, gewann ihre Vorwahl in Queens und Brooklyn mit einem Vorsprung von über 20 Prozentpunkten. Die 36-Jährige setzte sich dabei gegen den lokalen Bezirkspräsidenten Antonio Reynoso durch. In den Umfragen hatte sie ihn vor der Wahl vor allem deshalb überflügelt, weil Mamdani sie unterstützte. Im Kongress in Washington werde sie für den Fraktionsführer Jeffries «eine Plage» sein, versprach die demokratische Sozialistin.Weckruf für ParteiführungWeil es sich bei den drei Kongresswahlkreisen in der Stadt New York um demokratische Hochburgen handelt, werden sich die Sieger der Vorwahlen auch im November bei den Zwischenwahlen gegen ihre republikanischen Konkurrenten durchsetzen. Im Kampf um die Mehrheit im Repräsentantenhaus spielen diese Wahlen deshalb keine unmittelbare Rolle. Dafür müssen die Demokraten versuchen, konservativere Wahlkreise in den Agglomerationen mit gemässigteren Kandidaten zu erobern.Trotzdem könnte die Wahl in New York ein Vorzeichen für einen weiteren Linksrutsch in der demokratischen Fraktion in Washington sein. Bisher verfügen die demokratischen Sozialisten im Repräsentantenhaus nur über zwei Vertreter. Diese Zahl dürfte sich im Herbst nun mindestens verdoppeln. Die Vorwahlen in New York unterstreichen aber auch, wie markant sich das Verhältnis der Partei und ihrer Wähler zu Israel derzeit verändert. Dieses Thema könnte im Herbst nicht nur in demokratischen Hochburgen eine mitentscheidende Rolle spielen. Auch gemässigte Kongressabgeordnete und Senatoren wie etwa Ruben Gallego aus Arizona distanzieren sich momentan explizit von proisraelischen Lobbygruppen und Parteispendern.Mamdani zeigte sich nach den Wahlsiegen seiner Kandidaten am Dienstag euphorisiert. Im vergangenen Jahr bezwang der Sozialist und Muslim in der Bürgermeisterwahl mit Andrew Cuomo den Kandidaten des Parteiestablishments. Während seine Anhänger nun im Saal «Für ein freies Palästina!» skandierten, erklärte Mamdani: «Vor einem Jahr erlebten wir nicht das Ende einer politischen Bewegung. Es war der Beginn.»Ein gemässigter Kongressabgeordneter der Demokraten sprach gegenüber der Nachrichtenplattform «Axios» von einem «politischen Erdbeben». Die gemässigten Demokraten müssten nun «aufwachen», forderte auch der New Yorker Kongressabgeordnete Tom Suozzi. Auch landesweite Umfragen zeigen, dass die demokratischen Sozialisten bei linken Wählern wesentlich beliebter sind als die übrigen demokratischen Kongressabgeordneten. Die Menschen hätten das alte Spiel satt, erklärte die Podcasterin Leigh McGowan den Erfolg der Sozialisten gegenüber CNN. «Die Version dieses Raubtierkapitalismus hat seine Vollendung erreicht. Und wir finden es nicht mehr lustig. Wir müssen neue Regeln für dieses Spiel finden.»Da die Mehrheitsverhältnisse im Kongress in den vergangenen Jahren sehr knapp ausfielen, könnten die Sozialisten auch mit wenigen Sitzgewinnen ihre Macht in Washington markant ausbauen. Mit seiner Fähigkeit, junge Wähler zu begeistern, könnte Mamdani zudem auch bei der Kür des demokratischen Präsidentschaftskandidaten 2028 seinen Einfluss geltend machen. In Umfragen gehört die demokratische Sozialistin und Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Sie kann auch auf die Unterstützung des populären Altsozialisten Bernie Sanders zählen.Den Republikanern dürfte ein weiterer Linksrutsch der Demokraten derweil nur recht sein. Dies würde es ihnen erlauben, die unentschlossenen Wähler in der politischen Mitte leichter für sich zu gewinnen.Passend zum Artikel