Es ist einmal mehr abenteuerlich, wie weit Planung, Wille und Realität in Bezug auf US-Präsident Donald Trump auseinanderliegen.In den Tagen vor dem Nato-Gipfel in Ankara bemühte sich die Berliner Bundesregierung hinter den Kulissen noch betont, das Trump'sche Zirkus-Risiko vor Ort kleinzureden. Sicher sei nichts, hieß es ein ums andere Mal. „Aber wir gehen dank der Rahmenbedingungen und intensiver Vorbereitungen von einem Gipfel ohne Zwischenfälle aus.“Woher kam der Optimismus? Weil Trump Hilfe brauche im Iran-Konflikt, um im US-Midterm-Wahlkampf eine Lösung für die Öffnung der Straße von Hormus zu präsentieren. Weil Trump Unterstützung der europäischen Rüstungsindustrie benötige, um die Produktion der eigenen Waffen überhaupt in Masse zu bewerkstelligen. Weil Trump kaum ignorieren könne, dass die Europäer binnen eines Jahres über 100 Milliarden zusätzlich in die eigene Aufrüstung stecken. Allen voran Deutschland. Und weil die Nato-Partner es doch offensichtlich aktuell schaffen würden, den nun im Eiltempo laufenden Abzug von US-Militärfähigkeiten tatsächlich auszugleichen. Deutschland etwa schickt in Zukunft zwei Fregatten, um einen französischen Flugzeugträger zu eskortieren, als Ersatz für die bald abziehende amerikanische Flugzeugträgergruppe.Nato in Ankara Rüstungsgipfel der Amerika-Deals In Ankara startet der Nato-Gipfel mit einem Forum der Rüstungsindustrie. Neben dem U-Boot-Abkommen mit Kanada gibt es Dutzende neue Geschäfte. Vor allem mit den USA. von Max BiederbeckDonald Trump startet altbekannte politische SeifenoperSoweit die Kaskade an Vorab-Argumenten aus der Fraktion Wird-schon-alles-werden. Und dann landete Trump in Ankara, startete sofort wieder seine altbekannte politische Live-Seifenoper und alle vorbereiteten Drehbücher der Europäer waren hinfällig. Selbst ohne die neuerliche Eskalation am Golf, die in der Nacht zum Mittwoch folgte.Anwesende in Ankara beschreiben einen Mann, der nach dem Ausscheiden des US-Teams bei der Fußball-WM wütend ist. Tatsächlich holt der US-Präsident ohne Zögern seine wohlbekannten Provokationen hervor: Er beansprucht einmal mehr das souveräne Grönland, arbeitet sich an Spanien als „schrecklichem Partner“ ab, und beschwert sich lautstark über mangelnde Hilfe der Allianz nach seinem Angriff auf Iran. Statt des jüngst von Friedrich Merz ausgerufenen „Geists von Ankara“ gibt es also mal wieder das Welt-Chaos aus dem Weißen Haus.Nato-Gipfel Trump legt bei Grönland nach – hilft Dänemark nichts Donald Trump verfolgt weiter das Ziel, Grönland unter die Kontrolle der USA zu bringen. Die dänische Regierungschefin hat eine klare Antwort. Doch Trump legt nach. Die Europäer müssen die Angriffe Trumps nun mit der ebenso wohlbekannten Mischung aus Einigkeit und Schmeicheleien abwehren. Das heißt, sich so schnell wie möglich hinter Spanien versammeln, um als Einheit das Herauspicken eines Partners zu verhindern. Und sie müssen mit der neuen Welle an Gewalt in Nahost umgehen, die sich offenbar kaum noch eindämmen lässt, ohne dabei die Amerikaner zu verprellen. Es kommt in diesen Stunden einmal mehr Nato-Generalsekretär Mark Rutte zu, diesen Balanceakt zwischen Robustheit und Kniefall zu vollführen.Alles beim Alten also? Nicht ganz.Denn auch wenn die oben beschriebenen Planungen nicht die Ruhe brachten, die sie sollten, so sind sie dennoch gültig. Die Europäer haben sich auf einen Weg begeben, der sie unabhängiger von den USA macht. Das Tempo, das sie dabei anschlagen, ist hoch. Es könnte mittelfristig sogar umgekehrte Abhängigkeiten der Amerikaner erzeugen. Etwa, wenn es um Rüstungskapazitäten geht.Dass Donald Trump diese Maßnahmen nicht sehen, erst recht nicht anerkennen will, nervt die Alliierten heute, könnte schon bald aber eine immer kleinere Rolle spielen. Denn das Weiße Haus wird die Folgen zu spüren bekommen, wenn deutlich weniger Einfluss bei den einstigen Verbündeten das Ergebnis sein wird.Immerhin eine Sache scheint das Weiße Haus immerhin einzusehen: Die Ukraine bekommt wohl die US-Lizens zur Produktion eigener Patriot-Raketen. Sollte es so kommen, wäre das immerhin ein Anzeichen, dass irgendwo in Washington doch noch eine echte Strategie-Planung existiert. Und der Westen als Allianz-Modell noch nicht ganz aufgegeben wurde.