US-Präsident Donald Trump ist zu danken. Ganz ehrlich. Zu danken dafür, dass er noch vor Beginn des Nato-Gipfels für eine Klarheit gesorgt hat, die über die kleineren und größeren Aufregungen des Treffens in Ankara nicht gleich wieder in Vergessenheit geraten sollte. Vergangene Woche hat Trump die deutschen Verteidigungsausgaben als „lächerlich“ bezeichnet. Hilfreich ist die Äußerung nicht trotz, sondern wegen ihres auch für Trumps Verhältnisse besonders krass fehlenden Bezugs zur Realität. In diesem Jahr wird Deutschland wohl an die 110 Milliarden Euro für Verteidigung ausgeben. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Jahr des russischen Überfalls auf die Ukraine – und übrigens auch fast das Doppelte von dem, was die Atommacht Frankreich ausgibt. Daran ist nichts Lächerliches. Lächerlich macht sich allenfalls, wer immer noch daran glaubt, der US-Präsident lasse sich mit großen Zahlen beeindrucken, besänftigen oder gar einbinden.Der Gipfel vergangenes Jahr in Den Haag war noch ganz auf dieses Unterfangen ausgerichtet gewesen, und natürlich wird es auch in Ankara eine Rolle spielen. Die Nato-Staaten hatten sich verpflichtet, binnen zehn Jahren ihre Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent ihrer Wirtschaftskraft zu steigern. Um Trump zu gefallen, der sich auf fünf Prozent versteift hatte, wurden weitere Ausgaben etwa für Infrastruktur hinzugerechnet. In Ankara wird der Kanzler vermelden, Deutschland werde das Fünf-Prozent-Ziel schon 2029 erreichen. Nato-Generalsekretär Mark Rutte hatte die Zuwächse dem Präsidenten unter der goldenen Überschrift „Die Trump-Billion“ kürzlich schon einmal auf einer Schautafel im Oval Office dargeboten. Das wirkte in der Tat lächerlich, aber sich vor Trump zu entwürdigen, gehört zur Jobbeschreibung des Niederländers. Sein Schicksal ist es, den Gianni Infantino der westlichen Allianz zu geben.Der gegenseitige Beistand wird in hohem Maße durch die Europäer selbst garantiert werden müssenIm Bemühen, Trump bei Laune zu halten, wird sich in Ankara allerdings nur vordergründig die Inszenierung von Den Haag wiederholen. Die alte Nato ist tot, und alle wissen es. Der Rückzug der Vereinigten Staaten hat begonnen, und das zumindest in Teilen irreversibel. Wenn Kanzler Friedrich Merz und sein Verteidigungsminister Boris Pistorius sagen, die Nato müsse europäischer werden, damit sie transatlantisch bleiben kann, so ist das im Kern richtig, erweckt aber einen geschönten Eindruck. Es geht längst nicht mehr um eine gerechtere Lastenverteilung. Der gegenseitige Beistand wird in hohem Maße durch die Europäer garantiert werden müssen. Die Rolle der USA wird sich zunehmend auf den eines Rückversicherers beschränken, wenn auch gerade im nuklearen Bereich eines unverzichtbaren.Ob dieses Modell überhaupt wird funktionieren können, hängt außer von den USA im Wesentlichen von einem Mitglied ab: Deutschland. Das ergibt sich schlicht aus dem Ausschlussverfahren. Legt man Größe, Wirtschaftskraft und geografische Lage zugrunde, bleibt nur Deutschland als mögliches Zentrum der neuen Nato übrig. Kanzler Merz hat diese Aufgabe angenommen, was er auch zeigte, indem er dem Gipfel von Ankara Treffen mit diversen Europäern vorschaltete. Auch der massive Anstieg der Verteidigungsausgaben dient auf scheinbar paradoxe Weise dem doppelten Ziel, Trump zu beschwichtigen als auch unabhängiger von den USA zu werden. Ob sich das freie Europa gegen das imperialistische Russland wird behaupten können, hängt also nicht nur, aber wesentlich von Deutschland ab.Eine entscheidende Frage lautet, ob Deutschland dieser Rolle gerecht werden willMit den deutlich gestiegenen Militärausgaben schafft die Bundesregierung eine der Voraussetzungen dafür, aber eben nur eine. Die Bundeswehr tut sich immer noch schwer damit, die wachsenden Geldmittel in steigende Kampfkraft umzusetzen. Nach wie vor stößt die europäische Rüstungszusammenarbeit an nationale Grenzen. Obwohl einige in Europa die deutsche Aufrüstung auch mit Unbehagen beobachten, überwiegt die Angst davor, dass sie stecken bleibt. Das Scheitern des deutsch-französischen Kampfflugzeug-Projekts FCAS könnte dabei allerdings eher ein gutes Zeichen sein. Es steht jedenfalls auch für das Eingeständnis, dass die Lage zu ernst ist, um hoffnungslose Vorhaben endlos am Leben erhalten.Die eine Frage ist, ob Deutschland seiner Rolle als europäische Führungsnation in der Nato gerecht werden kann. Das ist nicht zuletzt eine ökonomische. Die Bundeswehr wird auf Dauer nur wachsen können, wenn es auch die Wirtschaft tut. Eine über Schulden finanzierte Aufrüstung lässt sich nicht endlos verlängern. Die andere Frage lautet, ob Deutschland dieser Rolle gerecht werden will. In kommenden Wahlkämpfen wird es immer auch darum gehen. Wer AfD, Linke oder BSW wählt, stimmt gegen den Versuch, dem russischen Gewaltherrscher ebenso wie den autoritären Neigungen Trumps die Idee wehrhafter europäischer Demokratien entgegenzusetzen. Die Zukunft der Nato entscheidet sich nicht nur in Ankara, sondern auch in Magdeburg, Schwerin und Berlin.