Seine Opfer waren schwer krank, ihr Tod stand aber nicht unmittelbar bevor: Patienten, die sich in die Hände des Palliativarztes in Berlin begeben hatten, um Schmerzlinderung zu erfahren in ihren letzten Lebensmonaten. Doch der Mediziner «erhob sich über Leben und Tod», so das Landgericht Berlin. Wegen 15-fachen Mordes verurteilte es den 41 Jahre alten Deutschen zur Höchststrafe.Das Gericht verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Zudem ordnete es nach der Haftstrafe eine Sicherungsverwahrung an und sprach ein lebenslanges Berufsverbot aus. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.Richterin: «Die Patienten wollten leben»«Die Patienten wollten leben», betonte die Vorsitzende Richterin Sylvia Busch bei der Urteilsverkündung. «Die Taten haben nichts mit Palliativmedizin oder Sterbehilfe zu tun.» Der Angeklagte habe die Tätigkeit in dem Bereich gewählt, um töten zu können - heimtückisch und aus niederen Beweggründen.In den Taten zeige sich eine «tiefgreifende Gleichgültigkeit gegenüber der Würde und des Wertes des Lebens schwer kranker Menschen». Ein Hang zum Töten liege vor, das Gericht gehe von einer Gefährlichkeit aus.Nach Überzeugung der Richterinnen und Richter hat der Angeklagte von 2021 bis 2024 zwölf Frauen und drei Männern jeweils ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente verabreicht. Jüngstes Opfer ist laut Urteil eine 25-Jährige, ältestes eine 94 Jahre alte Frau. Alle waren schwerstkrank, ihr Tod stand aber nicht unmittelbar bevor.«Nur Spitze des Eisbergs»Es sei ein außergewöhnliches Verfahren wegen der ungeheuerlichen Vorwürfe, so die Richterin. «Unfassbar war nicht nur die Anzahl - 15, er ist ein Serienmörder. Wahrscheinlich ist es nur die Spitze des Eisbergs», sagte Busch weiter. Es bestehe der Verdacht, «dass darüber hinaus noch viel mehr Menschen durch die Hand des Angeklagten gestorben sind». Er habe in einem Telefongespräch zu seiner Frau gesagt, er habe schon lange getötet.Unfassbar ist aus Sicht des Gerichts, dass es sich bei dem 41-jährigen Deutschen um einen nach außen freundlich auftretenden Arzt und Familienvater handelt. Unfassbar sei auch die Motivlage. «Nicht aus Mitleid, nicht aus falsch verstandener Sterbehilfe oder Überforderung» habe er die Taten begangen, so die Richterin. Der Angeklagte habe getötet, «weil er unbehelligt dazu in der Lage war» und um als «selbstunsicherer Mensch daraus ein Gefühl größtmöglicher Macht» zu erlangen.Im Prozess habe das Gericht ein gutes Bild gewinnen könne von der verantwortungsvollen Arbeit der Palliativmedizin, betonte Richterin Busch. «Diese Arbeit hat er durch seine unfassbaren Taten in Verruf gebracht.»Überraschendes GeständnisMit seinem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte sich gegen eine Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und gegen eine Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Haftstrafe ausgesprochen.«Ich bin erleichtert. Ich glaube, dass ich nun abschließen kann», sagte die Tochter eines 75-jährigen Opfers. Sie gehörte zu den Nebenklägern im Prozess. «Wir können alle nur hoffen, dass er keinerlei Möglichkeiten mehr hat, Menschen zu töten», sagte Nebenkläger-Anwältin Christina Clemm.Verteidiger: falsches UrteilDer Angeklagte hatte nach monatelangem Schweigen überraschend am 25. Juni gestanden, zwölf schwer kranke Patientinnen und Patienten bei Hausbesuchen getötet zu haben. Er habe sich eingeredet, das Richtige zu tun und Patienten «Leid und Siechtum» zu ersparen, hieß es in seiner Erklärung. Zum Abschluss des Prozesses entschuldigte er sich erneut bei den Hinterbliebenen.Verteidiger Christoph Stoll bezeichnete das Urteil als «beeindruckend falsch». Das Gericht zeichne vom Angeklagten ein falsches Bild und die juristische Bewertung sei falsch. Es ist davon auszugehen, dass die Verteidigung Rechtsmittel einlegt.Seit fast zwei Jahren in HaftDer Arzt, der verheiratet ist und einen Sohn im Grundschulalter hat, sitzt seit Anfang August 2024 in Untersuchungshaft. Auslöser der Ermittlungen waren Brände, die er gelegt haben soll, um Tötungen von Patienten zu verdecken. Zunächst wurde wegen Brandstiftung mit Todesfolge ermittelt. Dabei geriet der Angeklagte zunehmend in den Fokus. Dazu beigetragen haben laut Staatsanwaltschaft Hinweise des Pflegedienstes, für den der Arzt gearbeitet hatte.Für den Fall richtete das Berliner Landeskriminalamt eine Ermittlungsgruppe des Morddezernats ein. Sie wertete Hunderte Patientenunterlagen aus. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage in 15 Fällen gegen den in Frankfurt am Main geborenen Mann, den Patienten, Angehörige und Kollegen als einfühlsam beschrieben.Weiterer Prozess zeichnet sich abDie Staatsanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben in 76 weiteren Fällen und geht von einer weiteren Anklage noch in diesem Jahr aus. Mit Blick darauf kündigte der Arzt in seinem sogenannten letzten Wort vor Gericht an: «Ich werde mich in dem kommenden Verfahren deutlich früher einlassen.»Der Fall könnte einer der größten bundesweit sein. Bislang gilt eine Mordserie in Niedersachsen als die wohl größte der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv für die Taten blieb unklar. Es sei ihm um die «Gier nach Spannung» gegangen, so das Gericht damals. Zuvor war Högel bereits wegen weiterer Morde verurteilt worden.
Höchststrafe für Palliativarzt - «Er ist ein Serienmörder» - WELT
Bei Hausbesuchen hat ein Arzt immer wieder Patienten getötet. Zunächst ging es um vier Fälle, angeklagt wurden 15 Morde. Ein erstes Urteil liegt vor. Das Gericht geht von vielen weiteren Opfern aus.













