Im Mordprozess gegen einen Palliativarzt will das Landgericht Berlin heute (13.00 Uhr) sein Urteil sprechen. Die Staatsanwaltschaft hat nach fast einjähriger Verhandlung die Höchststrafe für den 41-jährigen Deutschen gefordert. Neben lebenslanger Haft für Mord in 15 Fällen beantragte Ankläger Philipp Meyhöfer, die besondere Schwere der Schuld festzustellen und Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Haftstrafe anzuordnen. Zudem forderte er ein lebenslanges Berufsverbot.Wie lauten die Vorwürfe?Die Staatsanwaltschaft geht von Mord aus Heimtücke und sonstigen niedrigen Beweggründen aus. Ohne «medizinische Indikation und ohne deren Wissen und Zustimmung» habe der promovierte Mediziner zwischen September 2021 und Juli 2024 zwölf Frauen und drei Männern bei Hausbesuchen jeweils «ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente» verabreicht. Mehrmals habe er Feuer gelegt, um Spuren zu vertuschen.Die Taten soll der Deutsche als angestellter Arzt im Bereich der ambulanten Palliativversorgung in Berlin begangen haben. Palliativteams begleiten schwerstkranke Menschen. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu erhöhen.Wer sind die mutmaßlichen Opfer?Als jüngstes Opfer führt die 255-seitige Anklage eine 25-Jährige auf, als ältestes eine 94 Jahre alte Frau. Alle waren schwerstkrank, ihr Tod stand aber nicht unmittelbar bevor. Hinterbliebene wurden befragt, sie sind bis heute fassungslos. «Sie hatte Pläne, wollte mit ihrer Schwester an die Ostsee reisen – meine Mutter wollte weiterleben», sagte der Sohn einer 72-Jährigen, die am 24. Juli 2024 starb. Eine Mutter und Nebenklägerin weinte im Gerichtssaal um ihre 25-jährige Tochter. «Nie hat sie gesagt, dass sie nicht mehr leben wollte.»Was sagt der Angeklagte?Der Palliativarzt, der seit Anfang August 2024 in Untersuchungshaft sitzt, hat fast zwei Jahre lang zu den Vorwürfen geschwiegen. Kurz vor Prozessende gestand der Angeklagte 12 von 15 Morden. «Ich bin erst jetzt in der Lage, mein Handeln zu erklären und übernehme die Verantwortung für meine Taten», sagte er. «Ich entschuldige mich für das viele Leid, das ich über sie gebracht habe», sagt der 41-Jährige an Angehörige sowie seine Familie und Kollegen gerichtet.Er habe sich eingeredet, das Richtige zu tun und Patienten «Leid und Siechtum» zu ersparen, so der Angeklagte weiter «Bei allem habe ich gedacht, das sei das Beste für alle», erklärte er. Negative Gefühle habe er nicht zugelassen, sich seiner Überforderung nicht gestellt und eigenmächtig gehandelt.Wie blickt die Verteidigung auf den Fall?Den Mediziner erwartet eine lebenslange Haftstrafe. Davon gehen auch seine Anwälte aus. Sie beantragten jedoch, weder die besondere Schwere der Schuld festzustellen, noch Sicherungsverwahrung anzuordnen im Anschluss an die Haft. Ihr Mandant habe nicht aus niederen Beweggründen gehandelt. Er habe in der Vorstellung gelebt, Leid zu lindern. Ein Hang zum Töten sei nicht belegt. Angesichts der Taten sei es ausgeschlossen, dass der Angeklagte jemals wieder als Arzt arbeiten werde.Kritik der Anwälte von Hinterbliebenen, die im Verfahren Nebenkläger sind, an dem späten Geständnis wies die Verteidigung zurück. Der Zeitpunkt sei nicht taktisch gewählt. Es handele sich auch nicht um ein Teilgeständnis. Die Nebenklägervertreter hatten die Erklärung unter anderem als «bemerkenswert oberflächlich» und als «Schlag ins Gesicht der Angehörigen» bezeichnet.Wie geriet der Angeklagte unter Verdacht?Auslöser der Ermittlungen waren Brände, die der Arzt gelegt haben soll, um Tötungen von Patienten zu verdecken. Zunächst wurde wegen Brandstiftung mit Todesfolge ermittelt. Dabei geriet der Angeklagte zunehmend in den Fokus. Dazu beigetragen haben laut Staatsanwaltschaft Hinweise des Pflegedienstes, für den der Beschuldigte gearbeitet hatte.Für den Fall richtete das Berliner Landeskriminalamt eine Ermittlungsgruppe des Morddezernats ein. Sie wertete Hunderte Patientenunterlagen aus. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage in 15 Fällen.Welche Indizien gibt es?Im Zuge der Ermittlungen wurden mehrere Leichen exhumiert und rechtsmedizinisch untersucht. Zudem erstellten Experten toxikologische Gutachten, um mögliche tödliche Substanzen nachzuweisen.Mit Tötungsabsicht soll der Arzt schwerstkranke Menschen zunächst mit einem Medikament betäubt und ihnen anschließend ein sogenanntes Muskelrelaxans gespritzt haben. Ohne künstliche Beatmung setzt nach dessen Gabe innerhalb weniger Minuten die Atmung aus und der Tod ein, wie ein Toxikologe erklärte. Bei den Untersuchungen wurden demnach wiederholt Rückstände von einem Muskelrelaxans gefunden.Die Ermittler werteten zudem Mobiltelefone des Arztes aus, erstellten Bewegungsprofile und prüften bei Apotheken, ob er ein Muskelrelaxans bestellt hatte. Während der Untersuchungshaft wurde der Telefonanschluss der Ehefrau des Angeklagten ab. Ein Teil der Aufnahmen wurde vor Gericht abgespielt.Mehr als 200 Zeuginnen und Zeugen - darunter Kollegen, Nachbarn und Angehörige der mutmaßlichen Opfer sowie Polizeibeamte - hat die Schwurgerichtskammer an 57 Verhandlungstagen befragt.Was weiß man über den Palliativarzt?Der inzwischen 41-Jährige studierte in Frankfurt am Main und absolvierte zwei Facharztausbildungen. 2020 zog er nach Berlin, ist verheiratet und Vater eines Jungen. Patienten, Angehörige und Kollegen beschrieben ihn als einfühlsam.Der Mann sitzt seit Anfang August 2024 in Untersuchungshaft. Ein Gespräch mit einer psychiatrischen Sachverständigen lehnte er ab. Die Gutachterin beobachtete sein Verhalten vor Gericht und kam zu dem Schluss, dass er voll schuldfähig ist. Festzustellen sei eine Selbstunsicherheit, die bereits in der Kindheit begonnen habe. Der Arzt habe sich über die Arbeit definiert, sei von Zeugen als «der Nette, Liebe, Hilfsbereite» beschrieben worden. Bei den Taten sei es möglicherweise um ein «Machtgefühl» gegangen.Unklar ist bisher geblieben, welches Motiv der Mediziner gehabt haben könnte. Seit Bekanntwerden der Vorwürfe wird immer wieder auf seine Dissertation verwiesen. Die Promotionsschrift aus dem Jahr 2013 trägt den Titel «Warum töten Menschen?» und untersucht Tötungsdelikte zwischen 1945 und 2008 in Frankfurt am Main.Wie geht es nach dem Urteil weiter?Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben in 76 weiteren Fällen und geht von einer weiteren Anklage aus. Mit Blick darauf kündigte der Arzt in seinem sogenannten letzten Wort vor Gericht an: «Ich werde mich in dem kommenden Verfahren deutlich früher einlassen».Der Fall könnte einer der größten bundesweit sein. Bislang gilt eine Mordserie in Niedersachsen als die wohl größte der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv für die Taten blieb unklar. Es sei ihm um die «Gier nach Spannung» gegangen, so das Gericht damals. Zuvor war Högel bereits wegen weiterer Morde verurteilt worden.
Mordprozess gegen Palliativarzt - Urteil erwartet - WELT
Es geht um den Tod von 15 Menschen. Der Arzt soll sie bei Hausbesuchen ermordet haben. Aus Sicht des Staatsanwalts muss mehr als eine lebenslange Haftstrafe folgen. Was sagt das Gericht?









