PfadnavigationHomeSportFußballWMArtikeltyp:MeinungÄrgernis SchiedsrichterDie Regel-Unkundigen sind die Regel – und dennoch ist es richtig soStand: 14:53 UhrLesedauer: 5 MinutenNach dem Sieg der Argentinier gegen Ägypten gibt es erneut Diskussionen über die Leistungen des Schiedsrichters. „Für mich ist das eigentlich ein Strafstoß“, sagt Patrick Ittrich. Die Analyse im Video.Die Leistungen der Schiedsrichter bei dieser WM fallen zunehmend negativ ins Gewicht. Der Ärger ist groß. Aber das Übel muss in Kauf genommen werden. Ein Weltturnier ist nicht anders denkbar.Das Wehklagen wird immer lauter, die Misere ist ja auch längst nicht mehr zu übersehen: Das Gros der Schiedsrichter ist bei dieser WM letztlich schlecht. Punkt – und Ausrufezeichen! Mit wenigen Ausnahmen sind Regel-Unkundige die Regel. Ein Ärgernis mit Erregungspotenzial, bis hin zur Weißglut, ohne Frage. Für Fans, für Spieler, für Trainer. Der ungeahndete Tritt von Messi im ersten Gruppenspiel, der ausgebliebene Elfmeterpfiff für Kylian Mbappé gegen Senegal, das fast schon anarchische Getrete von Paraguay im Achtelfinale gegen die Franzosen – die Liste der Fehlentscheidungen ist lang. Und sie wird noch länger, zweifelsohne, wir sind ja erst im Viertelfinale angekommen.Zu allem Übel kommt noch hinzu, dass die Gehilfen zuweilen wie Söldner wirken, die sich je nach Großwetterlage mal auf die eine oder andere Seite schlagen. Die Videoassistenz des Schiedsrichters ist bei dieser WM nach den Linienrichtern das dritte Fähnchen im Wind. Halten wir es mit Ghanas Trainer Carlos Queiroz: „Wieder einmal war der VAR einen Kaffee trinken.“ Die Fifa hat für die WM 52 Schiedsrichter aus aller Welt berufenDas alles mutet heillos und konfus an, ohne Stringenz und Ziel. Und doch folgt es genau genommen einer Linie. Der des Pierluigi Collina. Sie wissen schon: Glatzkopf, stechender Blick, unerbittliche Mimik. Einer der besten Unparteiischen in der Geschichte des Fußballs. Der Italiener, mittlerweile 66 Jahre alt, ist Schiedsrichterchef der Fifa. Sein Credo: Kollegen, lasst das Spiel laufen, wenn es nur irgendwie geht. Augenscheinlich wird die Direktive von ganz vielen überambitioniert und damit zum Leidwesen einiger Teams im Überfluss praktiziert.Die Fifa hat für das Turnier 52 Schiedsrichter berufen. Sie kommen aus allen Teilen der Welt: etwa aus Gabun, Neuseeland oder China. Die 88 in die USA, Kanada und Mexiko beorderten Assistenten stammen aus Ländern wie Jordanien, Usbekistan oder Trinidad und Tobago. Die 30 aufgebotenen Videoschiedsrichter rekrutieren sich aus Nationen wie Nicaragua, Katar oder Südafrika. Ein paar europäische Schiedsrichter aus Spanien, England, Deutschland oder Italien dazu und fertig ist der Mix für die Spielleitung. So in etwa.Das alles folgt dem Proporz. Die größte Bühne des Fußballs soll für alle Schiedsrichter aus aller Welt offen sein. Ganz egal, wie gut oder letztlich schlecht der ein oder andere ist und wie sich das auf das Spiel, den Ausgang der Partie, den Fortgang der Teams im Turnier auswirkt. In Kauf genommen wird im Endeffekt, dass für ein Spiel lang Wohl und Wehe von zwei Teams von souveränen oder eben überforderten Schiedsrichtern geleitet wird. Oder auf Geheiß von US-Präsident Trump eine Rote Karte nachträglich annulliert wird.Lesen Sie auchLiegen die Schiedsrichter daneben, sind sie gar spielentscheidend: blöd gelaufen, aber nicht mehr zu ändern. Weiter im Spielplan. Vielleicht werden sie nicht mehr berufen, Strafe muss dann doch manchmal sein, aber selbst das ist nicht sicher. Beispiel? Gleich bei seinem ersten WM-Auftritt trat Lionel Messi dem Algerier Aissa Mandi mit offener Sohle von hinten auf die Wade. Eine klare Rote Karte, doch nicht einmal der Videoschiedsrichter griff ein. Und Messi? Spielte weiter und schoss drei Tore. Der Schiedsrichter Szymon Marciniak? War zehn Tage später wieder im Einsatz.Die Ebene der Schiedsrichter ist dabei nichts anderes als dieses aufgeblähte Turnier. Viele helfen viel, primär der Machtsicherung des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Die Logik ist, dass mit einer XXL-WM etliche Länder glücklich gemacht werden. Also potenzielle Infantino-Wähler. Und diese Logik geht in der Regel auf. Durch die Aufstockung auf 48 Teams gibt es nun zudem nicht nur 64, sondern 104 Spiele, die es zu leiten gilt. Entsprechend musste die Schiedsrichtergilde zu einem Heer ausgebaut werden. Das ist der (Stimmen-)Beifang, denn auch das macht die Verbandsspitzen der Länder froh. Eventuell auch gefügiger. Machtpolitik mit dem Anpfiff, es kann so simpel sein.Wer eine Weltmeisterschaft will, muss das in Kauf nehmenUnd dennoch ist es richtig, Exoten wie Experten das Spiel leiten zu lassen. Wer eine Weltmeisterschaft will, der muss in Kauf nehmen, dass sich in ihr die Welt vereint. Starke und Schwächere. Das ist der Grundgedanke. Er macht es nicht eben einfacher. Fehler, vor allem aber Fehlentscheidungen sind programmiert. An ihnen kann der Erfolg hängen, vielleicht sogar Trainerjobs. Lesen Sie auchAber die WM-Bühne ist nun mal eine, in der nicht wie früher nur Europäer und Südamerikaner pfeifen sollten. Mit welchem Recht, was ist der Maßstab? Eine WM muss mit Pfeifen an der Pfeife leben können, selbst wenn es am Ende keine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Das ist der Preis des Spiels für diejenigen, die bei einem Weltturnier antreten wollen.Denn der Fußball lebt neben seiner Eleganz in erster Linie davon, dass über ihn herrlich debattiert werden kann. Die Schiedsrichter bei dieser WM liefern mit ihren teils obskuren Entscheidungen viel Diskussionsstoff. Es ist nicht immer im Sinne des Wettbewerbs, aber das Bizarre macht es bunt. Man kann daran ganz sicher Anstoß nehmen. Man kann daran aber auch Gefallen finden. Es ist im Sinne der Unterhaltung – und nichts anderes ist eine WM im Prinzip: eine große Show, zu der eben auch Laiendarsteller gehören.