Es läuft die 39. Spielminute im WM-Stadion von Philadelphia. 0:0 steht es zwischen Frankreich und Paraguay, als Matías Galarza Kylian Mbappé gegen die Schulter schlägt. Der Kontakt mag nicht intensiv genug gewesen sein, aber „auch eine versuchte Tätlichkeit ist eine Tätlichkeit“, wird Experte Patrick Ittrich später bei MagentaTV sagen.Und was macht Schiedsrichter Ilgiz Tantashev? Der zeigt Galarza nicht einmal die Gelbe Karte. Nach einem Nachtreten gegen das Schienbein und einem Ellenbogencheck in die Magengrube wird er abermals weiterspielen lassen. Auch diese beiden Aktionen Paraguays waren zumindest gelbwürdig, wenn nicht sogar genug für eine Rote Karte.Wer sowohl Frankreich gegen Paraguay als auch Deutschland gegen Paraguay gesehen hat, könnte sich verwundert die Augen gerieben haben: Während der eine Schiedsrichter viel zu lange alles laufen ließ, nahm der andere Schiedsrichter Jonathan Tahs Tor zum 2:1 wegen eines vermeintlichen Foulspiels zurück, das sonst als normaler Zweikampf gewertet würde.Die fehlende Konstanz in den Entscheidungen ist ein Muster, das sich durch das gesamte Turnier zieht. Schiedsrichter machen Fehler – das tun sie immer, und das ist menschlich. Aber wenn der Weltverband FIFA einheitliche Standards vermissen lässt, ist das ein strukturelles Versagen. Was im einen Spiel noch als regulärer Körperkontakt durchgeht, wird im nächsten Spiel geahndet.Vor dem Turnier hatte die FIFA eigentlich eine hohe Eingriffsschwelle für den Videoschiedsrichter (VAR) angekündigt. In der Praxis zeigen sich jedoch auch hier starke Schwankungen: Manche Szenen wie beim deutschen Spiel gegen Ecuador, als Aleksandar Pavlović seinen Gegenspieler vor dem 1:0 mit dem Fuß am Kopf getroffen hatte, bleiben ungeprüft, während bei anderen Szenen vom VAR eingegriffen und der Schiedsrichter unter Druck gesetzt wird.Kein Fall für den VAR: Aleksandar Pavlovic trifft Ball und Kopf im Spiel gegen Ecuador.dpaWeitere Beispiele für die uneinheitliche Linie bei dieser WM gefällig? Beim Spiel zwischen Argentinien und Algerien traf Lionel Messi einen Gegenspieler von hinten mit offener Sohle im Bereich der Wade. Eine Rote Karte gab es nicht. Und während Ecuadors Piero Hincapié gegen Mexiko wegen einer verdeckten Äußerung vom Platz gestellt wurde, blieb Englands Jude Bellingham in einer ähnlichen Szene gegen Ghana ohne Strafe. Die Liste lässt sich fortsetzen.Die Schiedsrichterentscheidungen sind zu einer Blackbox verkommen, in der niemand mehr weiß, wann eingegriffen wird und wann nicht. Dabei müssten die Schiedsrichter selbst früher und konsequenter handeln, wenn ein Spiel härter wird, anstatt sich darauf zu verlassen, dass der VAR sie schon auf strittige Situationen hinweisen wird.So entsteht das Gefühl, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Ob dem wirklich so ist, sei einmal dahingestellt, aber allein der Eindruck ist schon ein Problem. Kein Regelwerk ist perfekt, aber ein Regelwerk, das ungleich angewendet wird, ist nicht besser. Die FIFA schuldet ihren Fans nachvollziehbare Entscheidungen. Solange die nicht gegeben sind, überschattet der Verdacht der Willkür jeden Pfiff.