Ursprünglich wollte sich Unicredit mit dem Übernahmeangebot für die Commerzbank nur mehr Freiheiten verschaffen. Besonders beim Agieren im Kapital der Bank aus Frankfurt störten Schwellenwerte und behördliche Verpflichtungen. Daher fiel die Offerte bei der Ankündigung im März mit einer Prämie von nur vier Prozent gegenüber dem vorherigen Handelstag ziemlich bescheiden aus. Doch nun hat das Ergebnis des Angebots alle Erwartungen übertroffen: Der Unicredit-Anteil an der Commerzbank steigt über 47 Prozent, was der Bank aus Mailand einen Stimmrechtsanteil von fast 50 Prozent sichert. Bei der Hauptversammlung, die nie eine vollständige Präsenz der Anteilseigner aufweist, sichert dies Unicredit künftig eine Mehrheit für die wichtigsten Entscheidungen bis hin zur Besetzung des Aufsichtsrates, der wiederum den Vorstand ernennt.Damit steigt der Druck auf alle Verteidiger einer eigenständigen Commerzbank, vor allem das Management der Bank, die Bundesregierung und die Belegschaftsvertreter. Gleichzeitig kommt der Unicredit-Vorstandsvorsitzende Andrea Orcel in einem entscheidenden Schritt seinem seit fast zwei Jahren verfolgtem Ziel näher, die Commerzbank faktisch zu kontrollieren. Eine Fusion mit der Unicredit-Tochtergesellschaft Hypovereinsbank steht zwar nicht unmittelbar an, doch sie ist nicht mehr ausgeschlossen. Sie setzt 75 Prozent der Stimmrechte auf einer Hauptversammlung voraus. Mit dem nun in Aussicht stehenden Gewicht könnte Unicredit gleichwohl bei der Commerzbank wesentliche Restrukturierungsmaßnahmen durchsetzen.Bundesregierung bleibt bei der AblehnungIn der Bankenzentrale in Mailand betonte man am Mittwoch, dass in keiner Weise ein Kahlschlag vorgesehen sei, sondern man sozialverträglich etwa mit Vorruhestandsregelungen vorgehen wolle; und man wolle sich dafür vergleichsweise viel Zeit lassen. Unicredit sucht daher nun das Gespräch mit der Bundesregierung. Diese ist heute mit zwölf Prozent zweitgrößter Aktionär und verfügt über zwei Vertreter im Commerzbank-Aufsichtsrat, die zumindest theoretisch Unicredit bremsen könnten.Die Bundesregierung reagierte am Mittwoch kühl und teilte mit, dass sie weiter im Sinne der Commerzbank-Beschäftigten, des deutschen Mittelstands und des Finanzstandorts Frankfurt handeln werde. „Das aggressive und feindliche Vorgehen der UniCredit bleibt aus Sicht der Bundesregierung inakzeptabel“, hieß es in einer Stellungnahme des Bundesfinanzministeriums. Der interministerielle Lenkungsausschuss der Bundesregierung habe das Angebot der UniCredit abgelehnt und die Anteile des Bundes an der Commerzbank nicht verkauft. Die Bundesregierung sieht nach eigenen Angaben derzeit keinen Anlass, diese Position zu verändern. Nun müssten das BaFin und die EZB ‌weitere Schritte prüfen.Aus Kreisen der Bundesregierung verlautete zudem, dass mögliche Pläne der UniCredit, die Commerzbank von der Börse zu nehmen, heute praktisch nur sehr schwer realisierbar wären, so lange der Bund seine Anteile an der Commerzbank halte. Die aktuellen Pläne des Unicredit-Vorstandes etwa für das Mittelstandsgeschäft seien daher nicht tragfähig, hieß es.Commerzbank signalisiert GesprächsbereitschaftDie Commerzbank verwies in einer Stellungnahme darauf hin, dass nach ihren Erkenntnissen nur weniger als zwei Prozent der „unabhängigen“ Aktionäre das Übernahmeangebot angenommen hätten. Dies zeige, wie unattraktiv die Offerte gewesen sei. Die getauschten Aktien stammten „überwiegend von mit der UniCredit verbundenen Banken und Parteien“, die aufgrund von Geschäftsbeziehungen der italienischen Bank einen Gefallen getan hätten. Die von UniCredit direkt gehaltenen Aktien, gemeldete Derivate und angediente Aktien dürften nicht einfach addiert werden, meint die Commerzbank. „Es ist weiterhin nicht transparent, in welchem Umfang geliehene Aktien angedient und welche Absicherungsvereinbarungen in diesem Kontext getroffen wurden“, heißt es in ihrer Stellungnahme.Doch der Aufsichtsrat und der Vorstand der Commerzbank stünden „einem konstruktiven Dialog mit UniCredit offen gegenüber“, betont die Bank. Nur einvernehmlich unter Einbindung der Unternehmensführung, der Arbeitnehmer-Vertreter und der Bundesregierung sei es „aus Sicht der Commerzbank realistisch, Synergien aus einem Zusammenschluss in einem angemessenen Umfang und Zeitrahmen zu erreichen“, teilt die Commerzbank mit. Schon in der Vergangenheit forderten beide Seiten Gespräche, warfen sich dann aber gegenseitig vor, diese nicht ernsthaft führen zu wollen.Wie Unicredit am Mittwochvormittag bekanntgab, kommt die Bank aus Mailand bei der Commerzbank nun auf einen Stimmrechtsanteil von 49,65 Prozent. Denn 17,6 Prozent der Commerzbank-Aktionäre haben das Umtauschangebot angenommen. Zuvor besaß Unicredit bereits 26,77 Prozent der Commerzbank-Aktien. Zusammen mit 3,22 Prozent an Derivaten entstehe so ein Anteil von 47,59 Prozent. Nach Angaben von Unicredit führt die zu Stimmrechten von 49,65 Prozent, denn eigene Aktien der Commerzbank sind nicht stimmberechtigt und sollen von der Bank in Frankfurt ohnehin eingezogen werden. Unicredit besitzt darüber hinaus nach eigenen Angaben zusätzlich Derivate für Commerzbank-Aktie von 13 Prozent, die aber keine Stimmrechte mit sich bringen.Nun bleibt abzuwarten, wie schnell der Unicredit-Chef Orcel bei der Commerzbank zu seinem Ziel kommen kann: Der Verschmelzung von Deutschlands zweitgrößter Geschäftsbank mit der Hypovereinsbank. Die Bank aus München ist schon seit zwei Jahrzehnten eine Tochtergesellschaft der italienischen Großbank, die selbst durch zahlreiche Fusionen entstanden ist, nicht zuletzt die verschiedener italienischer Sparkassen.Bleiben die Vertreter des Bundes im Aufsichtsrat?Heute besteht der Commerzbank-Aufsichtsrat aus Mitgliedern der Kapitalseite und der Arbeitnehmervertreter, die eine Übernahme vehement ablehnen. Auf der nächsten Hauptversammlung im Frühjahr kommenden Jahres aber stehen acht der zehn Vertreter der Kapitalseite zur Wiederwahl an. Diese könnte Unicredit mit seiner Hauptversammlungsmehrheit bestimmen. Zudem haben im Kontrollgremium zwei Vertreter des Bundes Sitz und Stimme: Harald Christ und Sabine Lautenschläger-Peiter. Letztere ist noch bis zur Hauptversammlung 2028 gewählt. Grund dafür ist eine Selbstverpflichtung der Commerzbank aus dem Jahre 2009. Damals, nach der Finanzkrise, hatte der Bund die Commerzbank durch seine Beteiligung gerettet. Freilich könnte sich Orcel über diese Vereinbarung hinwegsetzen. Ob er damit gut beraten wäre, ist eine andere Frage.Letztlich gilt die Vereinbarung auch nur, solange der Bund mehr als zehn Prozent an der Bank hält. Sinkt der Anteil unter diese Marke, steht gemäß der Vereinbarung dem Bund noch ein Vertreter im Kontrollgremium der Bank zu.Die Umtauschofferte von Unicredit dürfte auch deshalb erfolgreich gewesen sein, weil sich die Kurse in den vergangenen Wochen günstig entwickelten. Nach Angaben von Bloomberg entfielen mehr als fünf Prozent der getauschten Aktien auf die letzten zwei Wochen der verlängerten Annahmefrist. Am Ende der Frist hatte die Offerte wieder eine Prämie für die Commerzbank-Aktionäre enthalten, nachdem sie zuvor wegen der Kursschwankungen verschwunden war. Der Aufschlag bewegte sich zuletzt indes nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich, was bei Übernahmeangeboten häufig nicht reicht, um die Anteilseigner vom Umtausch zu überzeugen. Daher der Verweis der Commerzbank auf die „befreundeten“ Finanzinstitutionen von Unicredit. Die italienische Bank argumentierte dagegen, dass die Kurssteigerungen der Commerzbank-Aktie nur durch das Interesse der Unicredit zustande gekommen seien, nicht durch fundamentale Verbesserungen. Diese Wertsteigerungen wollten sich die Commerzbank-Aktionäre sichern, zumal von nun an Kursverluste der Commerzbank-Aktie nicht auszuschließen seien.