Ja, es gibt sie tatsächlich: Menschen, die sich im Jahr 2026 outen und offen dazu bekennen, keinen Matcha zu mögen. Aussagen wie „schmeckt nach Wiese“, „nach Gras“ oder „einfach nur bitter“ sind dabei gar nicht so selten.Dabei ist der Matcha-Hype nach wie vor ungebrochen. Ob als Latte, Eis, Cookie oder Softdrink – das leuchtend grüne Pulver ist längst fester Bestandteil vieler Cafékarten. Auch in Supermärkten, Drogerien und Eisdielen gehört Matcha inzwischen zum Standardsortiment. Deutschland zählt dabei zu den wichtigsten Märkten für japanischen Tee: Nach Angaben des Deutschen Tee & Kräutertee Verbands ist die Bundesrepublik der größte Importmarkt japanischen Grüntees in Europa und nach den USA der zweitgrößte weltweit.Doch neben Matcha rückt zunehmend eine weitere japanische Teespezialität in den Fokus, die in den deutschen Großstädten immer mehr Aufmerksamkeit erhält: Hojicha, auf Deutsch etwa „gerösteter Tee“. Beide Getränkearten stammen aus derselben Teepflanze, der immergrünen Camellia sinensis, aus der auch herkömmlicher grüner oder schwarzer Tee gewonnen wird.Schon optisch unterscheiden sich die beiden Tees deutlich: Statt in leuchtend grünen Farbtönen zeigt sich Hojicha in Nuancen von Bernstein bis Dunkelbraun. Mindestens genauso groß sind die Unterschiede im Geschmack. Während Matcha für seine grasigen, herben und umami-betonten Noten bekannt ist, wird Hojicha von Röstaromen, einer leichten Süße sowie Anklängen von Nüssen, Malz und Karamell geprägt. Gerade dieses eigenständige Geschmacksprofil macht Hojicha für viele Teetrinker interessant – und könnte zugleich eine Alternative für jene werden, die mit Matcha bislang wenig anfangen konnten.Ein Geschmack nach Kaffee oder heißer SchokoladeWarum zwei Tees aus derselben Pflanze so unterschiedlich schmecken können, erklärt der Deutsche Tee & Kräutertee Verband mit Unterschieden in Herstellung und Verarbeitung. Während Matcha aus Tencha hergestellt wird, also aus Teeblättern, die vor der Ernte beschattet werden, dienen für Hojicha meist zu einem anderen Zeitpunkt geerntete Teeblätter wie Bancha oder Sencha als Ausgangsbasis. Entscheidend für den charakteristischen Geschmack von Hojicha ist jedoch die Röstung. Diese prägt nach Angaben des Verbands den Tee maßgeblich und ist in ihrer Bedeutung „fast vergleichbar mit der Röstung bei Kaffee“. Deshalb werde Hojicha zunehmend als eigenständige Teekategorie wahrgenommen, die geschmacklich weder mit klassischem Grüntee noch mit Schwarztee vergleichbar sei. „Hojicha erinnert eher an Kaffee oder heiße Schokolade als an klassischen Tee.“Traditionell wird Hojicha in Japan als Aufguss aus losen Blättern zubereitet. In den vergangenen Jahren hat jedoch auch die Pulverform an Bedeutung gewonnen. Ähnlich wie Matcha wird der Tee dafür fein vermahlen und anschließend etwa für Latte, Desserts oder andere Getränkekreationen verwendet. Mit der Pulverform wächst auch die Sichtbarkeit des Tees. Auf Instagram und Tiktok finden sich unter dem Hashtag #hojicha inzwischen Hunderttausende Beiträge. Häufig wird der geröstete Tee dort direkt mit Matcha verglichen oder als Alternative zum grünen Trendgetränk inszeniert. Doch längst beschränkt sich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf soziale Medien – auch in Cafés und der Gastronomie wird der Grüntee immer häufiger angeboten.Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung liefert Jun Ueno. Der gebürtige Japaner betreibt mit „Kogachat“ in Neu-Isenburg einen auf japanische Tees spezialisierten Handel und beobachtet die Marktentwicklung seit Jahren. Nachdem Matcha mittlerweile fest im Alltag vieler Konsumenten verankert sei, wachse die Suche nach neuen Geschmackserlebnissen. Genau darin liege die Chance für Hojicha: „Er ist japanisch, schmeckt aber gleichzeitig vertraut. Er ist exotisch, aber zugänglich.“Ein weiterer Grund für das wachsende Interesse liegt Ueno zufolge im veränderten Gesundheitsbewusstsein vieler Menschen. Neben dem Wunsch nach neuen Geschmackserlebnissen spiele auch die Nachfrage nach koffeinärmeren Getränken eine Rolle. Hojicha enthalte dank der Röstung weniger Koffein als Matcha. Zudem würden für den Tee häufig reifere Blätter sowie Stängel verwendet, die von Natur aus weniger Koffein enthielten als besonders feine Teeblätter. „Hojicha passt zu vielen aktuellen Entwicklungen“, so Ueno. Natürliche Zutaten, handwerkliche Herstellung und die anhaltende Begeisterung für die japanische Ess- und Trinkkultur spielten dabei ebenso eine Rolle wie der Wunsch nach neuen, zugleich aber vertrauten Geschmackserlebnissen.Nachfrage nach Hojicha wächstTrotz der wachsenden Aufmerksamkeit glauben weder Ueno noch der Deutsche Tee & Kräutertee Verband, dass Hojicha dem Konkurrenzprodukt Matcha den Rang ablaufen könnte. Die Nachfrage wachse zwar kontinuierlich, bewege sich jedoch weiterhin auf einem deutlich niedrigeren Niveau. „Hojicha ist kein Matcha 2.0“, sagt der Verband. Vielmehr erweitere der geröstete Tee das bestehende Angebot und spreche zusätzliche Zielgruppen an.Wie diese Entwicklung in der Praxis aussieht, zeigt sich auch in Frankfurt. Ein Beispiel ist Odd Realm Tea in der Innenstadt. Das Pop-up-Café wurde von Dominik Gerfelder gemeinsam mit seiner Frau Mai Phan und ihrem Bruder Phong Phan gegründet und ist vor allem für seine Matcha-Getränke bekannt geworden. Hojicha gehörte jedoch von Anfang an zum Konzept.Dass der geröstete Tee inzwischen zunehmend aus dem Schatten von Matcha tritt, freut Gerfelder besonders. „Hojicha verdient unserer Meinung nach ohnehin viel mehr Liebe und Aufmerksamkeit“, sagt er. Die wachsende Beliebtheit des Tees beobachte er inzwischen täglich. „Mittlerweile gibt es viele Leute, die nur für Hojicha zu uns kommen.“Mit der wachsenden Beliebtheit zeichnet sich bei Odd Realm auch eine eigene Hojicha-Zielgruppe ab. Besonders häufig werde der geröstete Tee von Männern bestellt, sagt Gerfelder. Am Tresen beobachte er oft eine ähnliche Situation: Während sie sich für einen Matcha entscheidet, bestellt er einen Hojicha. „Sie trinkt Matcha, er ist eher der Kaffeetrinker.“ Die Reaktionen seien oft positiv. Viele Gäste kämen später gezielt zurück – nicht für Matcha, sondern für Hojicha.Wie vielseitig sich der geröstete Tee einsetzen lässt, zeigt sich auch auf der Getränkekarte von Odd Realm. Besonders beliebt sei der „Dark Cherry Hojicha“. Die Kombination aus dunkel geröstetem Grüntee, Sauerkirsche und Hafermilch erinnert geschmacklich an Schwarzwälder Kirschtorte oder Donauwelle. „Hojicha ist super vielseitig“, sagt Gerfelder. Der Tee funktioniere sowohl im Winter als wärmendes Getränk als auch im Sommer in erfrischenden Varianten. So hat das Team für die heißen Monate eigene Kreationen entwickelt, etwa eine Hojicha-Limonade, bei der ein Shot aus dunklem Hojicha auf herbe Grapefruitlimonade trifft.Auch als Eis ist Hojicha beliebtDie Vielseitigkeit ist für Gerfelder jedoch nicht der einzige Grund, warum immer mehr Menschen Gefallen an dem gerösteten Tee finden. Auch im Alltag bringe dieser einige Vorteile mit sich: Die Zubereitung sei nahezu identisch mit der von Matcha, allerdings werde etwas weniger Pulver benötigt. Zudem sei Hojicha deutlich günstiger. Während eine Einstiegspackung Matcha bei Odd Realm rund 22 Euro koste und 30 Gramm enthalte, seien 40 Gramm Hojicha schon für etwa 14 Euro erhältlich.Hinzu komme, dass die Zubereitung deutlich unkomplizierter sei. „Der Hojicha verzeiht es dir auch, wenn du vielleicht mal kochendes Wasser nimmst, um ihn aufzugießen“, sagt Gerfelder. Matcha reagiere dagegen deutlich empfindlicher auf Temperatur und Lagerung. Die Kombination aus einzigartigem Geschmack, günstigerem Preis und unkomplizierter Zubereitung mache Hojicha für viele Verbraucher attraktiv.Dass Hojicha längst nicht mehr nur als Getränk gedacht wird, zeigt sich auch in der Welt des Speiseeises. Ein Beispiel ist Kono Gelato im Frankfurter Nordend. Inhaberin Sawa Takahashi-Erfert bietet neben klassischen Sorten wie Vanille, Schokolade oder Erdbeere auch japanisch inspirierte Kreationen wie Matcha, Hojicha, schwarzen Sesam oder Yuzu an. Die gebürtige Japanerin, die die Kunst des Eismachens in Bologna erlernte, verbindet in ihrem Sortiment italienisches Gelato mit japanischen Aromen.Aus Sicht von Takahashi-Erfert eignet sich Hojicha besonders gut für Eis. Die Röstaromen harmonierten hervorragend mit Milch, Sahne und Zucker. Gerade die warmen, nussigen Noten des Tees ergänzten die Cremigkeit des Eises. „Viele probieren Hojicha, und es werden immer mehr“, sagt die Eisdielenchefin. Besonders bei jüngeren Kunden beobachtet sie ein wachsendes Interesse an dem gerösteten Tee. Außer Eis wird in ihrem Café Hojicha inzwischen auch als Latte und in Form von Cookies angeboten.Vieles spricht dafür, dass der geröstete Tee mehr ist als eine vorübergehende Modeerscheinung. Anders als viele kurzlebige Food-Trends profitiert Hojicha nicht allein von seiner Präsenz in sozialen Medien, sondern vor allem von einem eigenständigen Geschmacksprofil. Er spricht Menschen an, die mit Matcha wenig anfangen können, gleichzeitig aber offen für neue Aromen sind.In Frankfurt ist diese Entwicklung bereits sichtbar. Ob als Latte, Limonade, Cookie oder Gelato – Hojicha findet zunehmend seinen Platz im Angebot von Cafés und Eisdielen. Vielleicht liegt darin seine Besonderheit: Er will Matcha nicht ersetzen. Er bietet lediglich eine weitere Möglichkeit, japanischen Tee neu zu entdecken. Und für manche Kaffeetrinker könnte der Weg zur Teekultur ausgerechnet über einen Grüntee führen, der ein bisschen nach Kaffee schmeckt.