PfadnavigationHomeICONISTModeTrend oder FakeWie echt ist die plötzliche Begeisterung der Modewelt für Bücher?Stand: 13:43 UhrLesedauer: 6 Minuten„Die kleine Raupe Nimmersatt“ als Dior-TascheQuelle: DIORBuchcover werden auf Luxustaschen gedruckt, Models und Stilikonen betreiben Literaturclubs, und Chanel eröffnet gleich eine ganze Bibliothek. Hat die Modewelt das Lesen gelernt – oder ist das nur ein neuer Look?Jeden Sommer entdecken viele ihr regenbogenfarbenes Herz. Vor allem in der Modewelt gehört es noch immer zum guten Ton, zum „Pride Month“ Solidarität mit der LGBTQ+-Community zu zeigen. Diesel hat eine Capsule-Kollektion mit der Dating-Plattform Tinder entworfen, Jonathan Anderson zeigt in seinem Londoner Laden historische Aktzeichnungen aus Bob Mizers homoerotischer Zeitschrift „Physique Pictorial“, die australische Kosmetikmarke Aesop wiederum eröffnet zum wiederholten Mal und dieses Mal in Berlin ihre „Queer Library“. Die Idee ist einfach: Es werden 1400 Bücher verschenkt. Kosmetikprodukte müssen dabei nicht gekauft werden.Das passt zu einer kleinen, aber sehr sichtbaren Welle in der Welt der Mode- und Luxusmarken. Sie entdecken Bücher. Und zwar nicht nur Bildbände, die man so flüchtig durchblättert wie einen Schwung Instagram-Storys und die dann unbeachtet und scheinbar Prestige verströmend lässig gestapelt neben dem Vintage-Sofa vermodern. Sondern Bücher voller Buchstaben, die im besten Fall Geschichten erzählen. In der Welt der visual persons, ein überstrapazierter Euphemismus für ausgeprägte Leseunlust, wenn nicht gar Leseunfähigkeit, ist das eine kleine Revolution. Vorbei die Zeiten, in denen sich Karl Lagerfeld vor seinen gewaltigen Bücherwänden fotografieren ließ und dabei wirkte wie ein schrulliger Deutscher, der sein Hobby aus einer alten Welt in die Gegenwart herübergerettet hatte. In diesen Tagen bemühen sich Designer und Marken um eine demonstrative Nähe zum geschriebenen Wort. Die Pflegemarke To My Ships entnimmt die Namen ihrer Produkte der „Ilias“ von Homer. Bei der Möbel-Messe Salone del Mobile in Mailand zeigte Jil Sander eine feierliche Stelen-Installation, die vage an ein Pharaonengrab erinnerte und sich „Reference Library“ nannte: 60 Kulturschaffende wählten jeweils ein Buch aus, das irgendwie zur aktuellen Jil-Sander-Vision von Simone Bellotti passen soll. Die deutsch-iranische Autorin Jina Khayyer etwa nominierte „Lasst uns an den Beginn der kalten Jahreszeit glauben“ von Forugh Farrochzad. Eines der ersten Signature Pieces von Jonathan Anderson bei seinem Hauptjob als Kreativdirektor bei Dior waren Taschen mit Buchtiteln: Für rund 3000 Euro kann der Kunde seine Lieblingslektüre über die Schulter hängen, von „Dracula“ über „Bonjour Tristesse“ und „Reise um die Erde in 80 Tagen“ bis zum Kleinkinderbuchklassiker „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Miu Miu wiederum betreibt einen Literary Club, bei dem sich geladene Autorinnen über Literatur und den Stand des Feminismus austauschen und dabei allesamt hervorragend aussehen, weil sie vom Veranstalter angezogen werden. In der neuen Bottega-Veneta-Boutique in New York steht ein gefülltes Buchregal als Raumteiler, der Alaïa-Store in London beherbergt ein Café mit angeschlossenem Buchladen, und Chanel eröffnete in Shanghai den Espace Gabrielle Chanel, die erste Bibliothek in China, deren 50.000 Bände sich auf zeitgenössische Kunst spezialisieren. Lesen Sie auchDie deutsche Schriftstellerin Annabelle Hirsch („Die Dinge. Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten“) war beim letzten Literaturclub von Miu Miu eingeladen. Von der Künstlerischen Leiterin Olga Campofreda war sie beeindruckt (eine seltene Kombination aus Autorin und Fechtlehrerin): „Sie lebt Literatur. Ihr geht es wirklich um Inhalte.“ Das Bühnen-Outfit durfte Hirsch hinterher nicht mitnehmen, dafür diskutierte sie im Mailänder Circolo Filologico mit der italienischen Aktivistin Lea Melandri über Annie Ernaux und lauschte der nigerianisch-amerikanischen Autorin Wayetu Moore, die den westlich geprägten Feminismus analysierte. Die Influencerin Alexa Chung jedenfalls bedankte sich anschließend in einem Post bei Miu Miu dafür, dass sie durch den Literary Club Ernaux kennengelernt habe – was womöglich etwas über ihre Lesegewohnheiten sagt, denn die französische Autorin erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur. Lesen Sie auchDass Bücher interessante Accessoires sind, dieser Gedanke ist nicht ganz neu. Die Modedesignerin Vivienne Westwood galt als ungeheuer belesen; sie schwärmte von „Der Traum der roten Kammer“ des chinesischen Schriftstellers Cao Xueqin, aber auch von Huxley und Orwell. Als Marc Jacobs mit seinen Boutiquen noch das halbe West Village in New York zupflasterte, eröffnete er auch einen Laden mit dem charmanten Namen „Bookmarc“. Die Pariserin Olympia Le-Tan fertigt seit Jahren Objekte, die aussehen wie ein Buch (z. B. „Der kleine Prinz“), tatsächlich aber Transportkisten für Make-up, Zigaretten, legale und illegale Rauschmittel sind – das Buch als Clutch, eine besonders augenfällige Aussage über den rein dekorativen Charakter des gedruckten Wortes. Insofern ist Le-Tans Œuvre entweder brutal ehrlich oder übt subtile Kritik. Denn natürlich stellt sich bei diesem Thema die Frage, wie ernst es die Protagonisten meinen. Bei einer Miuccia Prada etwa kann man sich mühelos vorstellen, dass sie nach Feierabend die Füße hochlegt und bei einem Gläschen Barolo Falletto Vigna Le Rocche den neuen Elena Ferrante verschlingt. Auch Matthieu Blazy von Chanel, jenem materialverliebten Tüftler, oder Jonathan Anderson, einem kulturellen Allesfresser, traut man die ehrliche Liebe zur Literatur zu. Bei anderen kommt diese Liebe überraschender (auch wenn das auf Vorurteilen beruhen mag). Das Supermodel Kaia Gerber etwa hat mit der Journalistin Alyssa Reeder den Book Club Library Science gegründet. Und die Sängerin und Modeikone Dua Lipa steht dem Service95 Book Club vor. Mit der berühmten Buchhandlung Livraria Lello in Portugal veröffentlichte sie dieser Tage die Manifesto Library mit 100 Titeln, die in der Vergangenheit zensiert wurden oder die sich kritisch und subversiv mit gesellschaftlichen Realitäten und Missständen beschäftigten. Auch hier sind sehr vertraute Namen wie „1984“ oder „Schöne neue Welt“ dabei, sowie der Schullektüreklassiker „Wer die Nachtigall stört“. Doch was bringt kultureller Dünkel, wenn ein Weltstar Fans zum Lesen animiert? Zumal Gerber und Lipa eindrücklich vorführen, wie gut sie mit einem Buch in der Hand aussehen. „Natürlich hat das etwas Performatives“, sagt der Influencer Johannes Bullinger (auf Instagram: @queerinliterature), der die deutschsprachigen Bücher für die Aesop Queer Library zusammengestellt hat. Er erinnert an die Sängerin Grimes, die sich nach ihrer Trennung von Elon Musk mit dem „Kommunistischen Manifest“ fotografieren ließ: „Aber auch eine Dracula-Tasche von Dior gibt Büchern eine andere Sichtbarkeit. Und es ist doch großartig, wenn Dua Lipa Ocean Vuong oder Douglas Stuart liest.“ Er sei vorsichtig geworden bei Kooperationen mit großen Marken, aber bei Aesop habe ihn das Konzept überzeugt: „Die nehmen Geld in die Hand, um Bücher zu verschenken. Mit dem gleichen Ziel, das ich mit meiner Arbeit verfolge: Literatur zugänglich zu machen.“Und ob man sich auf den Flirt zwischen Mode und Literatur einlässt, kann ja jeder Leser selbst entscheiden. Das berühmte Cover von Anthony Burgess’ „A Clockwork Orange“, entworfen von dem Designer David Pelham, zeigt einen Mann mit Melone und einem Zahnrad als Auge. Es ist eine kongeniale Umsetzung des dystopischen Stoffes, ebenso wie der Film von Stanley Kubrick – und ein Beispiel für herausragendes Buchdesign. Und das Tollste für Literaturtaschenfans: Das Motiv gibt es von Dior – aber auch in einfacher Ausführung bei Thalia für 17,95 Euro.
Mode: Wie Luxusmarken Bücher als stylische Accessoires entdecken - WELT
Buchcover werden auf Luxustaschen gedruckt, Models und Stilikonen betreiben Literaturclubs, und Chanel eröffnet gleich eine ganze Bibliothek. Hat die Modewelt das Lesen gelernt – oder ist das nur ein neuer Look?









