Wenn man hinabsteigt in die Archive des Modejournalismus, kann man zufällig auf ein Beispiel stoßen, das zeigt, wie auf sicheren Niedergang doch noch Aufstieg folgt. Wie sich etwas zum Besseren verändert. Im Jahr 1998 schrieb die Journalistin Rebecca Mead im „New Yorker“ über den belgischen Modedesigner Martin Margiela, der damals gerade bei Hermès angefangen hatte. Dabei umriss sie die Lage der Pariser Traditionshäuser wie folgt: Die alten Handwerkskünste seien immer weniger gefragt. Die französischen Marken fühlten sich daher bedroht von den zu diesem Zeitpunkt noch jungen amerikanischen Marken mit ihren Marketingmaßnahmen und ihrem globalen Verständnis von Mode.Wie sich die Dinge ändern. Der Sommer 2026 zeigt es in mehrfacher Hinsicht. Es vergeht gerade kaum eine Woche, in der nicht irgendein französisches Luxushaus mit seinem Handwerk die Megaevents des popkulturellen – und damit einflussreichen – Teils dieser Welt ausstattet. In dieser Woche präsentieren die Häuser nun im Rahmen der Haute-Couture-Schauen, was sie können – und wie sie mit ihrer Hohen Schneiderkunst, in die Hunderte Arbeitsstunden pro Kleid fließen, eben nicht in Vergessenheit geraten sind, sondern ausgerechnet in der schnelllebigen Popkultur eine Rolle spielen.Die Bar-Jacke ist bei Dior jetzt aus grasgrünem TweedGanz vorne dabei, auch in Sachen Arbeitspensum, ist der nordirische Designer Jonathan Anderson, der seit vergangenem Jahr für Dior verantwortlich ist. Vor zwei Wochen präsentierte er in der Junihitze seine Herrenkollektion in Paris. Anschließend flog er nach New York, wo er in geheimer Mission an der Hochzeitsausstattung von Taylor Swift und Travis Kelce arbeitete, dem amerikanischen Promipaar schlechthin. Ralph Lauren? Oscar de la Renta? The Row? Wären heimische Optionen gewesen. T&T, wie sich das Paar nennt, entschied sich für Kleider von Dior. Jonathan Anderson arbeitete also an den Haute-Couture-Entwürfen für die Freitagshochzeit vergangene Woche. Samstag Morgen flog er von New York zurück nach Paris.Montag, 14.30 Uhr, zeigt er dann im Musée Rodin seine Haute-Couture-Kollektion für den kommenden Herbst. Es ist erst sein zweiter Couture-Aufschlag für Dior und zugleich seine fünfte Laufstegkollektion für die Marke, aber dieses knappe Jahr reicht offenbar, um sich dort sozusagen freizuschneidern. Die ausdrucksstarke Jonathan-Anderson-Ästhetik mit dem ironischen, zuweilen britischen Touch ist jetzt ganz auf das feine Dior abgestimmt. Oder anders formuliert: Jonathan Anderson hat sich lockergemacht.Dior: Anderson streckt sich in verschiedene Lebenswelten der superreichen clientes; Entwürfe für die Herbst-Winter-Schau in Paris.AFPDas ist selbst in dieser Couture-Kollektion sichtbar. Die Bar-Jacke, die der Gründer Christian Dior 1947 entwarf und ohne die es bei Dior bis heute nicht geht, fertigt Anderson aus plissierter Wolle und verknotet sie vorne zur großen Schleife. Bei ihm ist sie auch aus grasgrünem Tweed und franst am Saum aus. Dazwischen sitzen so selbstverständlich Jogginghosen wie Abendroben mit riesigen bestickten Fächern. Als wären es Schutzschilde für den Körper. Anderson streckt sich also in verschiedene Lebenswelten der superreichen clientes. Die Verbindung zu den Stars, die Dior für ihre Lebensereignisse auswählen sollen, steht ja schon.Blazy bedient sich an Chanels MärchenbuchArbeitet freihändig mit den Markenzeichen des Hauses: Matthieu Blazys Kollektion für Chanel.ReutersSo ist es auch bei Matthieu Blazy, seit vergangenem Jahr Kreativdirektor bei Chanel und in diesem Sommer verantwortlich für das andere wichtige Hochzeitskleid. Jenes von Dua Lipa. Auch für ihn ist es die zweite Couture-Schau. Wenn sein Vorvorgänger Karl Lagerfeld 36 Jahre lang bei Chanel mit den Markenzeichen des Hauses kokettierte und seine Vorgängerin Virginie Viard, ebenfalls so lange bei Chanel tätig, sich zuletzt als Kreativdirektorin brav an die Regeln hielt, hat sich Matthieu Blazy mit seinem Talent schon nach einem Jahr so gut eingearbeitet, dass er aus dem Fundstück eines alten Märchenbuchs, das einst Coco Chanel gehörte, eine eigene Welt erschafft, in der er freihändig mit ihren Markenzeichen, dem Tweed, den Kostümen, den Ketten, den simplen Cocktailkleidern, hantiert.Umso mehr werden sich die Handwerker strecken müssen. Wenn ein Begriff angesichts des aktuellen Design-Anspruchs dieser neuen Modemacher in Paris bei gleichbleibend hoher Handwerkskunst überarbeitet gehört, dann ist es jener der „petites mains“, wie man die Couture-Näherinnen seit dem 19. Jahrhundert nennt. Damit waren die Hierarchien klar festgelegt. Nur sind an den Häusern auch heute keine Modeschöpfer mehr tätig, die abgehoben von Raum und Zeit arbeiten, sondern durchgetaktete Arbeitstiere, die neben dem Design den Erfolg der Marken auf allen Ebenen prägen.Gegen dieses Kleid ist der Look von Tiffy aus der „Sesamstraße“ zurückhaltend: BalenciagaPRDas große Können der Handwerker würdigt Pierpaolo Piccioli in seiner ersten Couture-Kollektion für Balenciaga. Am Dienstagmittag, dem Tag vor der Schau, steht er im alten Couture-Salon von Cristóbal Balenciaga zwecks Vorbesichtigung einer Gruppe von Journalisten. „Die Umsetzung ist in der Couture so wichtig wie die Idee“, sagt er, um das Niveau zu beschreiben, auf dem hier gearbeitet wird. An der Umsetzung hätten sie Monate gesessen. An der Schneiderei, aber eben auch an neuen Verfahren wie dem 3D-Druck und der Herstellung einer ökologisch korrekteren Alternative zur Seide. Die Kollektion kehrt damit Pierpaolo Picciolis vielleicht größte Stärke hervor. Es ist nicht das Entwerfen, darin ist er auch sehr gut. Er ist für einige der schönsten Kleider der Welt verantwortlich. Bemerkenswert ist aber auch seine menschliche Zugewandtheit. Sei es mit den Handwerkern, sei es mit dem 1972 verstorbenen Gründer Cristóbal Balenciaga, dessen Studien im Hinblick auf Skulptur und Volumen er nun fortzuführen scheint.Sei es überhaupt mit der Welt, wo man wieder bei der Populärkultur wäre. „Ich mag das Wort cool nicht“, sagt Piccioli. „Aber Couture war immer weit weg von der Wirklichkeit der Menschen.“ Daran ändert auch Nettigkeit nichts, die Kosten für ein Kleid belaufen sich auf mehrere Hunderttausend Euro. Aber je einfallsreicher und zugleich tragbarer diese Mode ist, umso sichtbarer wird sie auch sein, zumindest bei den Superhochzeiten und Filmpremieren.Morgens auf dem Laufsteg in Paris, abends bei der Filmpremiere in London: Kleid von SchiaparelliApropos Filmpremieren, Daniel Roseberry zeigt bei Schiaparelli am Montagmorgen ein Kleid mit Silikonkorsage mit Porzellaneffekt und einem von innen beleuchteten Rock. Es ist Look 30 von 30 und ein Beispiel für Daniel Roseberrys Talent, an Elsa Schiaparellis Erbe mit absurden Ideen anzuknüpfen. Es schauen unter anderen zu: die Schauspielerin Emma Corrin, die in einer ebenfalls von Schiaparelli stammenden Federjacke samt Hörnern besser stehen als sitzen kann. Außerdem: Bad Bunny in gelbem Anzug mit Krawatte sowie Law Roach, Stylist der Schauspielerin Zendaya. Look 30, das Kunstwerk mit der Silikonkorsage, nimmt Roach dann direkt nach der Schau mit. Er muss nach London, der Privatjet steht schon bereit – für das Kleid. Am Montagabend wird Zendaya es dort zur Premiere von „Die Odyssee“ tragen. Liebe Amerikaner, so geht Fashion-Marketing jetzt.
Designer von Taylor Swift: Was in Paris bei den Couture-Schauen von Dior, Chanel und Schiaparelli los ist
Kleider für Zendaya und Co.: Die französischen Modehäuser zeigen ihre Haute-Couture-Kollektionen in Paris – und demonstrieren nebenbei, wie ausgerechnet die Hohe Schneiderkunst heute Teil der Populärkultur ist.















