Es gibt Bücher, die schon auf den ersten Zeilen den Ton setzen und eine unvergessliche Atmosphäre schaffen. Das ist nur eine der Leistungen des Romans „Das Erwachen“ (The Awakening) von Kate Chopin, erschienen im Jahr 1899. Als Autorin war Kate Chopin bis dahin durch zwei ebenfalls schmale Romane und mehrere Bände Kurzgeschichten hervorgetreten. Trotz einiger Gesten, die damals als eigenwillig empfunden wurden – sie war laut biographischer Auskunft die erste Frau, die in St. Louis Zigaretten rauchte –, schätzte man sie an ihren Wohnorten als Mutter, Ehefrau und aktives Gemeindemitglied.Die Erstausgabe von Kate Chopins „The Awakening“, 1899ArchivDoch „Das Erwachen“ erzählt eine ungeheuerliche Geschichte: wie eine junge Mutter und Ehefrau namens Edna Pontellier in der Gesellschaft des amerikanischen Südens aus den bisherigen Bindungen heraustritt, in Affären erotische Erfüllung sucht und am Ende keinen anderen Ausweg sieht, als alles hinter sich zu lassen, das eigene Leben eingeschlossen. Kate Chopin erzählt vom schwülen Sommer in Grand Isle, einer Insel in Louisiana, sie zeichnet eine halbwegs korrekte Ehe, die zum Gefängnis wird, sie malt die sinnlichen Farben, hört das Meer und fängt jede Schwingung der üppigen Natur auf. Mitten darin: eine Frau, die vor die Hunde geht, ein Fremdling unter den vertrautesten Menschen, weil ihr neu entdecktes Ich nirgendwo hinpasst.Das weitere Schicksal des Romans allerdings färbte das Leben der Autorin dunkel und zeichnet ein klägliches Bild des damaligen Betriebs. Gleich nach Erscheinen überzogen die Kritiker das Buch mit Schmähungen wie „schmutzig“, „ungesund“, „abstoßend“ und „vulgär“. Ein Kritiker verstieg sich zu dem Urteil: „sad and mad and bad“. Mit diesem öffentlichen Aufschrei war die Karriere von Kate Chopin beendet; sie schrieb nie wieder einen Roman. Sentimentale Unterhaltung, selbst einen unschädlichen Bestseller mochte man Frauen zugestehen, ernsthafte Literatur nicht. Ihr wichtigstes Werk verschwand in der Versenkung und wurde erst mehr als ein halbes Jahrhundert später wiederentdeckt, jetzt als feministischer Klassiker. Die erste deutsche Übersetzung erschien fast achtzig Jahre nach dem Original.Die Ironie daran ist, dass die Autorin überhaupt nicht mit ihrer tragischen Heldin identifiziert werden wollte. Kate Chopin führte eine glückliche Ehe, soweit die Zeugnisse das Urteil erlauben, hatte sechs Kinder und war fest in ihrer Gemeinschaft verankert. Doch ihre Zeitgenossen, die Krämerseelen, vermochten ihren Roman nur als Angriff auf die öffentliche Moral zu lesen. Damit bestätigte die bornierte Perspektive der Kritiker gerade den Befund des Buches: dass weibliche Unabhängigkeit und sexuelle Selbstbestimmung in der Lebenszeit der Autorin nicht geduldet wurden.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
Ehe-Desaster im Roman: Kate Copins "The Awakening"
Ein Eheroman, der 1899 alles infrage stellte, was man damals von Frauen erwartete. Und die Autorin selbst war auch unkonventionell: Kate Chopins „The Awakening“ – Teil 25 der F.A.Z.-Serie „Amerika, wie es im Buche steht“.






