Die englischen Fans waren auf alles vorbereitet, als sie sich bei dieser Weltmeisterschaft zum Achtelfinale ihrer Mannschaft ins Aztekenstadion von Mexiko-Stadt wagten. Den Reisehinweisen der britischen Boulevardpresse zufolge würde sie dort so etwas wie die Hölle auf Erden erwarten. Briten auf mexikanischem Staatsgebiet mussten im Grunde jederzeit damit rechnen, von einem Kartellboss in Säure aufgelöst zu werden – falls sie zuvor nicht von der dünnen Höhenluft oder einer Magenverstimmung nach dem Besuch am Taco-Stand dahingerafft worden waren. Ach so, und wer eine E-Zigarette mit ins Land schmuggeln würde, dem drohten „bis zu acht Jahre Gefängnis“, wie die für gewöhnlich gut informierte Sun berichtete.Zur Verteidigung des britischen Boulevards ist zu sagen: Solch ein verzerrtes Bild von Mexiko verbreiten auch andere. Insbesondere jene, die noch nie dort waren. Die Washington Post hatte zuletzt englische Fußballfans auf ihrem Trip zum Achtelfinale begleitet, und siehe da: Die Hölle war nirgends zu finden. „Was sie stattdessen gefunden haben, war ein Paradies für Fußballliebhaber, bevölkert von Seelenverwandten.“Stimmung beim Co-Gastgeber:In Mexiko schlägt das Herz dieser WM – und am heftigsten schlägt es in GuadalajaraZum dritten Mal empfängt die Stadt die Fußballwelt. 1970 stand hier für Pelé und seine Brasilianer sozusagen alles still. Und heute? Zeigt Guadalajara, worauf es wirklich ankommt – und was die Fifa nicht verstehen will.So ähnlich erging es auch den Fans aus Tschechien, Schweden, Japan, Uruguay, Spanien und Südkorea, die man dort getroffen hat. Sie alle haben in Mexiko ihre Lieder gesungen und wurden von den Gesängen der Mexikaner gnadenlos überstimmt. „Ay, ay, ay, ay, canta y no llores …“ Soweit sich das beurteilen lässt, haben es so gut wie alle Fußballfans geliebt. Ein englischer WM-Reisender sagte, er habe in Mexiko „mehr Hunde“ in Mexiko-Trikots gesehen als in den Vereinigten Staaten „menschliche Wesen“ in US-Trikots.Dem gegenüber stehen nun zwei Zahlen, die 104 und die 13. Von den 104 Spielen dieser WM durften nur 13 im Paradies für Fußballliebhaber stattfinden. Das epische Achtelfinale zwischen Mexiko und England war tatsächlich die letzte WM-Begegnung, die auf mexikanischem Boden ausgetragen wurde. Der zweite Co-Host Kanada ließ sich ebenfalls mit 13 Spielen abspeisen. Bleiben 78 für die Vereinigten Staaten von Amerika.Treffen sich ein Amerikaner, ein Mexikaner und ein Kanadier – und vereinbaren einen sehr schlechten DealMan stellt sich die entscheidende Szene damals, als dieses Turnier geplant wurde, etwa so vor: Treffen sich ein Amerikaner, ein Mexikaner und ein Kanadier in der Spielplan-Kommission. Sagt der Amerikaner: „Das Finale findet natürlich bei uns statt, wir sind das größte Land.“ Gut, Kanada ist flächenmäßig und Mexiko fußballkulturell größer, aber wer wollte da widersprechen? „Im Übrigen“, sagt der Amerikaner, „würden wir bei unserer gemeinsamen WM gerne die beiden Halbfinals sowie die vier Viertelfinals in den USA stattfinden lassen, das scheint uns ein fairer und ausgewogener Vorschlag zu sein.“ Aus bislang unerfindlichen Gründen haben sich der Mexikaner und der Kanadier auf diesen Deal eingelassen.Die laufende WM wurde im Jahr 2018 vergeben, während der ersten Amtszeit von Donald Trump. Der US-Präsident hat zu Beginn dieser Woche im Weißen Haus noch einmal in schamloser Offenheit dargelegt, wie sich das aus seiner Sicht zugetragen hat: „Ich habe mir diese WM geholt, das habe ich allein erledigt. Wir haben Kanada ein kleines Stück abgegeben und Mexiko ein kleines Stück abgegeben. Das habe alles ich gemacht.“Pure Leidenschaft: In Mexiko war die Seele dieser WM beheimatet. Carl de Souza/AFPÜberliefert ist, dass Trump damals insbesondere afrikanischen Ländern mit politischen Konsequenzen drohte für den Fall, dass sie bei der WM-Vergabe für den einzigen Gegenkandidaten stimmen sollten, Marokko. „Es wäre eine Schande, wenn Länder, die wir immer unterstützen, sich gegen die US-Bewerbung einsetzten“, schrieb Trump auf der Plattform, die damals noch Twitter hieß. Eine Schande ist aber viel eher, wie bei dieser WM nun die Anzahl der Spiele über die drei Gastgeberländer verteilt ist. Bei einem Finale in New Jersey hätten die beiden Halbfinals in Kanada und Mexiko stattfinden müssen.Das wäre nicht nur aus Proporzgründen richtig gewesen, sondern auch deshalb, weil sich in Mexiko das Herz und die Seele dieses Turniers befanden, bevor am Sonntag dort das 13. und letzte Spiel abgepfiffen wurde. Dieses Achtelfinale war eines der besten und emotionalsten Fußballfeste dieses Turniers. Und es hätten noch einige folgen können, auch ohne die Teilnahme der mexikanischen Mannschaft. Aber dies ist nun mal die WM der USA, die sich zwei Mitausrichter als Hilfskräfte hält. Allein der US-Bundesstaat Texas darf drei WM-Spiele mehr ausrichten als ganz Mexiko.Der große mexikanische Schriftsteller Juan Villoro schrieb dazu in einem Essay für die New York Times: „Der Prolog von Goethes Faust spielt im Himmel, die Prologe der jüngsten drei Weltmeisterschaften spielten im Fegefeuer.“ Gemeint ist: Wie diese Turniere nach Russland, nach Katar und, ja, ins Trumpland kamen, das war zumindest höchst dubios. Eines müssen sich die Fußballgroßmacht Mexiko und das Fußball-Schwellenland Kanada aber selbst vorwerfen lassen: Sie hätten diesen Bedingungen niemals zustimmen dürfen.
WM 2026: Nur 13 Spiele in Mexiko? Warum das ein großer Fehler war
Die USA haben ihre Mitgastgeber mit viel zu wenigen Partien abgespeist, in den Nachbarländern ist die WM bereits abgepfiffen. Dabei schlug gerade in Mexiko das Herz dieses Turniers.














