Ein Phantom an der Spitze der Islamischen Republik: Das sind die Theorien, warum man Mojtaba Khamenei nie siehtDas iranische Regime inszeniert das Begräbnis des Revolutionsführers Ayatollah Ali Khamenei als monumentales Ereignis. Doch sein Sohn und Nachfolger Mojtaba Khamenei bleibt verborgen.08.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIrans neuer Revolutionsführer Mojtaba Khamenei hat sich seit seiner Ernennung im März noch nicht öffentlich gezeigt.Morteza Nikoubazl / NurPhoto / ImagoSie tragen schwarze Kleidung, schlagen sich die Hände vors Gesicht und demonstrieren lautstark ihren Kummer: Hunderttausende Menschen haben seit Ende der vergangenen Woche von Irans getötetem Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei Abschied genommen. Wie viele von ihnen für die sechstägige Trauerzeremonie vom iranischen Regime mobilisiert wurden, lässt sich nicht ermitteln. Klar ist nur: Die politische Führung in Teheran unternimmt alles dafür, damit das Begräbnis als das grösste aller Zeiten in die Geschichte eingeht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der prominente Abwesende ist dabei Mojtaba Khamenei, Sohn und Nachfolger des getöteten Revolutionsführers. Seit den amerikanischen Angriffen auf das Regime ist er nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten – anders als seine drei Brüder, die an der Trauerzeremonie teilnahmen. Nach Medienberichten wurde Mojtaba Khamenei bei der gezielten Tötung seines Vaters Ende Februar verletzt. Seither brodelt die Gerüchteküche. Viele Menschen fragen sich, ob der neue Revolutionsführer überhaupt noch lebt.Mojtaba Khamenei agierte stets im HintergrundWo sich Mojtaba Khamenei zurzeit aufhält und in welchem Zustand er sich befindet, ist nicht bekannt. In den staatlichen Medien werden lediglich Communiqués in seinem Namen verlesen. Ob er tatsächlich der Urheber dieser Nachrichten ist, lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Ebenso unklar ist, ob der Revolutionsführer gesundheitlich dazu in der Lage ist, Botschaften zu verfassen oder strategische Entscheidungen zu treffen. Sich nicht öffentlich zu zeigen, passt laut dem Islamwissenschafter und Iran-Experten Wilfried Buchta allerdings auch zu dessen bisherigem Verhalten.«Mojtaba Khamenei hat stets im Schatten agiert und sich kaum der Öffentlichkeit präsentiert», sagt Buchta. So hat der 56-Jährige nie ein politisches Amt bekleidet. Dafür pflegte er enge Verbindungen zum Propagandaapparat und zu den zahlreichen Geheimdiensten im Land. Offiziell arbeitete Mojtaba Khamenei seit 2008 als enger Berater im Büro seines Vaters und zog im Hintergrund die Strippen.Seit dem Tod von Ali Khamenei muss sein Sohn mit demselben Schicksal rechnen. Die israelische Regierung und der Auslandsgeheimdienst Mossad haben mehrmals erklärt, dass sie Khamenei eliminieren wollen. Für den neuen Revolutionsführer wäre deshalb jeder öffentliche Auftritt ein Risiko. «Innerhalb der iranischen Führung herrscht ein extremes Mass an Vorsicht», sagt Buchta. «Man kann davon ausgehen, dass weder Mojtaba Khamenei noch irgendjemand in seinem Umfeld ein Handy oder einen Computer benutzt. Sie befürchten, geortet und umgehend getötet zu werden. Botschaften werden nur mündlich oder auf Zetteln übermittelt.»Der Mossad hat die Geheimdienste unterwandertBuchta geht davon aus, dass Mojtaba Khamenei – sofern er noch am Leben ist – eine falsche Identität benutzt und regelmässig seinen Aufenthaltsort ändert. Grund dafür sei vor allem die massive Unterwanderung der iranischen Sicherheitsdienste durch den Mossad, vor allem des Geheimdienstes der Revolutionswächter. Durch langjährige, gezielte Anwerbekampagnen mit immensen finanziellen Anreizen habe der Mossad ein dichtes Netz an Informanten und Kollaborateuren aufgebaut, erklärt Buchta.Anders als Präsident Masud Pezeshkian, Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf und Aussenminister Abbas Araghchi, die sich regelmässig in den sozialen Netzwerken zu Wort melden, hat Khamenei im Internet nur wenige Spuren hinterlassen. Zwar besitzt er zahlreiche aktive Social-Media-Accounts, auch auf westlichen Plattformen wie X, Instagram oder Telegram. Dabei handelt es sich jedoch um offizielle Regierungs-Accounts, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von ihm persönlich betrieben werden. Auffällig ist, dass sein X-Profil zeitweise aus den Niederlanden verwaltet wurde. Das deutet darauf hin, dass selbst das iranische Regime auf Virtual Private Networks (VPN) zurückgegriffen hat, um die eigenen Internetsperren zu umgehen.Die allgemeine Unsicherheit, ob Mojtaba Khamenei noch lebt oder nicht, wissen die Revolutionswächter für sich zu nutzen. Sie sind die mächtigste militärische, politische und wirtschaftliche Organisation in Iran. Laut Buchta verleihen die Nachrichten, die im Namen von Mojtaba Khamenei veröffentlicht werden, den Anweisungen und Vorschlägen der Revolutionswächter zusätzliche Autorität und Glaubwürdigkeit. Denn das Amt des Revolutionsführers ist das laut der Verfassung mächtigste Amt der Islamischen Republik. «Diese Trumpfkarte werden sie sicherlich nicht freiwillig aus der Hand geben», meint der Iran-Experte. Selbst wenn der neue Revolutionsführer nicht mehr leben sollte, könne das Regime zumindest eine Zeitlang weitermachen wie bisher.Der Glaube an den verborgenen Imam stützt das RegimeIm schiitischen Islam der Iraner ist der Glaube an den bei Gott in der Verborgenheit verweilenden Imam, der dem Messias gleicht und die höchste Macht verkörpert, tief verwurzelt. Das trifft vor allem auf die etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung zu, die dem Regime immer noch die Treue hält. Nach Ansicht des Islamwissenschafters kommt die kulturelle Akzeptanz des Konzepts des «verborgenen Herrschers», der mit seinen Anhängern immer wieder durch geheime Botschaften kommuniziert, den Revolutionswächtern zugute.Manche Beobachter vermuten sogar, dass Mojtaba Khamenei von den Revolutionswächtern als Geisel gehalten wird. Für diese Theorie – wie für alle anderen Theorien – gibt es keine Belege. Doch die Machtverhältnisse innerhalb des Systems dürften sich verschoben haben. Laut Buchta spricht viel dafür, dass der Einfluss der Revolutionswächter gewachsen und Khamenei mittlerweile von ihnen abhängig ist. Was auch immer mit ihm geschehen ist: Ein unsichtbarer Revolutionsführer könnte durchaus im Sinne der Revolutionswächter sein, weil sie sich seiner religiösen Legitimität bedienen können, während sie ihre eigene Macht weiter ausbauen.Mitarbeit: Jasmine Jacot-DescombesPassend zum Artikel
Warum bleibt Mojtaba Khamenei im Schatten?
Das iranische Regime inszeniert das Begräbnis des Revolutionsführers Ayatollah Ali Khamenei als monumentales Ereignis. Doch sein Sohn und Nachfolger Mojtaba Khamenei bleibt verborgen.














