Auch nach 100 Tagen zeigt sich der oberste Führer Irans nicht in der Öffentlichkeit. Doch seine Zeit als Phantom könnte bald vorbei seinLange hat man darüber spekuliert, ob Mojtaba Khamenei beim Angriff auf seinen Vater ebenfalls getötet oder schwer verletzt wurde. Doch jetzt hat das iranische Gesundheitsamt ein Bulletin veröffentlicht.Petra Ramsauer und Omide Azadi (Teheran)25.05.2026, 07.28 Uhr6 LeseminutenIst das Mojtaba Khamenei? Nein, nur auf dem Bild.Vahid Salemi / APSein Porträt ist in Irans Strassen allgegenwärtig. Überdimensionale Plakate zeigen den neuen Obersten Führer der Islamischen Republik, Mojtaba Khamenei, mit den Spitzen des Militärs. Der Ayatollah in Robe und Turban, der schwerbewaffneten Generälen den Weg auf dem Schlachtfeld zeigt, ist eines der Leitmotive. Andere Poster widmen sich der Verklärung seines Erbes: sein Vater, Ali Khamenei, der ihm die Flagge Irans überreicht. Eine Lichtaura umgibt ihn wie einen Heiligen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der 56-Jährige wurde Anfang März zum Nachfolger seines Vaters Ali Khamenei gekürt, nachdem dieser bei einem Raketenangriff Israels Ende Februar ums Leben gekommen war. Mit der Wahl von Khamenei wurde auch eine symbolische Botschaft an die Angreifer aus den USA und Israel gesandt: Ihr könnt dem Regime nichts anhaben. Khamenei bleibt die höchste Autorität im Land, verjüngt und entschlossen.Das Problem an dieser Geschichte ist allerdings: Mojtabas Bild mag überall zu sehen sein, er selbst ist jedoch seit seiner Kür nie öffentlich aufgetreten. Seit drei Monaten gibt es kein aktuelles Interview, keine Videobotschaft, kein echtes Foto. Jedes Plakat ist wohl mit künstlicher Intelligenz fabriziert, seine Stellungnahmen erfolgen nur schriftlich. Ob er sie selbst verfasst oder wer sie an seiner Stelle schreibt, ist ebenso unklar wie sein Aufenthaltsort oder ob er überhaupt noch lebt, und wenn, in welchem Gesundheitszustand und wie handlungsfähig er ist. Der Frontmann der Islamischen Republik, der eigentlich über die absolute Macht in militärischen und aussenpolitischen Fragen verfügt, ist ein Phantom.Nur ein Kratzer am OhrErst in diesen Tagen liegt ein offizielles Statement vor, in dem versucht wird, die heftigen Spekulationen darüber einzudämmen, ob Mojtaba überhaupt noch lebt und wenn, in welchem Zustand. Er war ja bei seinem Vater, als die USA und Israel den Amtssitz bombardierten und Ali Khamenei töteten.Hossein Kermanpour, Sprecher des iranischen Gesundheitsministeriums, verkündete diese Woche, dass der oberste Führer wohlauf sei, lediglich ein paar Stiche gebraucht habe, und dass ausser einem Kratzer am Ohr wenig von seinen Verletzungen zu sehen sei. Fast drei Monate hat es gedauert, bis dieses Bulletin veröffentlicht wurde. Ein Indiz dafür, dass der Glaube an den Unsichtbaren langsam auch in Iran schwindet.Über den damaligen Angriff gibt es nur bruchstückhafte Informationen: Mojtaba Khamenei soll bei einem Frühstückstreffen seines Vaters in den Vormittagsstunden des 28. Februars dabei gewesen sein. Versammelt waren da auch ein beträchtlicher Teil der Führungsriege der Islamischen Republik und auch zahlreiche Familienangehörige. In den ersten Stunden des Kriegs waren sie alle Ziel von heftigen Angriffen.Ein totaler Enthauptungsschlag des Regimes hätte es werden sollen. Tatsächlich traf es auch Ali Khamenei, der 37 Jahre lang die Islamische Republik geführt hatte. Mit ihm wurden ein Dutzend Kommandanten in den Tod gerissen. Aber sein Sohn Mojtaba soll überlebt haben.«Mojtaba hatte kurz den Raum verlassen und war im Treppenhaus, als die Bomben detonierten», berichtet Mazaher Hosseini, ein Kleriker, der derzeit als Protokollchef von Khamenei junior fungiert: «Er wurde von der Druckwelle zu Boden geschleudert, dabei wurde er am Rücken und an den Knien verletzt.» Darüber, wie schwer er verletzt war, gab es in den vergangenen Wochen teilweise widersprüchliche Gerüchte. Es hiess, er solle im Koma sein, in Russland behandelt werden. Anfang April behaupteten Quellen in Teheran, er sei bis zur Unkenntlichkeit entstellt und er habe ein Bein oder sogar beide verloren. Aber er werde in Iran behandelt und sei ansprechbar. Über Audiokonferenzen würde er an wichtigen Treffen teilnehmen. Gemäss anderen Behauptungen verständigt er sich nur schriftlich und über Boten mit den Generälen und der Regierung.Dass er noch lebt, sagt auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. In einem Interview behauptete er, Mojtaba Khamenei dürfte sich wohl in einem Bunker versteckt halten. Auch die US-Regierung geht davon aus, dass er noch lebt. «Laut unseren Informationen ist der Oberste Führer schwer verwundet und hat höchstwahrscheinlich schwere Brandwunden im Gesicht», so der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth. Mit den gegenwärtigen Stellungnahmen des iranischen Regimes sollen diese Behauptungen konterkariert werden. Aber der endgültige Beweis fehlt.«Es ist noch zu früh für Mojtaba Khamenei, sich zu zeigen», meint sein Protokollchef Mazaher Hosseini. «Wenn die Zeit gekommen ist, wird Ayatollah Khamenei Reden halten.» Dass sich der Oberste Führer versteckt halte und keinen Ton von sich gebe, habe aber nicht nur gesundheitliche Gründe, meint er: «Unsere Feinde nützen jede Gelegenheit, um Vorwände zu finden, dass sich der Oberste Führer der Öffentlichkeit zeigt.» Sie warten mit anderen Worten auf eine Möglichkeit, ihn zu töten.Viele regimekritische Iraner aber sind überzeugt davon, dass Mojtaba Khamenei in Wahrheit längst tot ist und sein Mythos als Kitt des Regimes dienen soll: Inszeniert von der Führungsriege um die Revolutionswächter soll der imaginäre, unsichtbare Oberste Führer dafür sorgen, dass der Machterhalt der Strukturen gesichert ist. «Vermutlich wird nach dem Ende des Krieges bekannt, dass er längst nicht mehr lebt, und dann werden Sohn und Vater zusammen bestattet», vermutet Kamran, der für eine Börsenfirma arbeitet.Ein untoter Märtyrer?Wasser auf die Mühlen solcher Gerüchte gab die Enthüllung eines überdimensionalen Wandbildes in der Stadt Mashhad Ardehal. Unter dem Banner «Märtyrer des epischen Kampfes» wurden getötete Führungsfiguren des Regimes gehuldigt. Darunter war aber auch das Konterfei Mojtaba Khameneis. Eilig wurde dies als Fehlinterpretation klassifiziert, als gezielte Desinformation des Auslandes. Es war ein fataler Fehler, denn für die Widerstandsfähigkeit des Regimes ist der Oberste Führer essenziell.Um seine Lebendigkeit und Handlungsfähigkeit zu untermauern, wurde von regimenahen Medien vermeldet, dass er in den vergangenen zwei Wochen zum Beispiel General Ali Abdollahi getroffen habe. Dieser koordiniert als Armeechef die Operationen des regulären Heeres und der Truppen der Revolutionswächter. «Der Oberste Führer hat uns seine neuesten Befehle gegeben, wie wir den Feind schlagen könnten», wusste der General nach dem Treffen zu berichten. Auch Präsident Masud Pezeshkian will mit ihm Anfang Mai gesprochen haben. «Was mich beeindruckt hat, war seine Herzlichkeit», sagte er. Sonst nichts.Fotos gab es keine, auch keine Filmaufnahmen, die diese Begegnungen belegen würden. «Er ist unser KI-Ayatollah», sagt der 25-jährige Behzad, der als Videoproduzent arbeitet. «Er ist der erste Führer dieses Landes, der in der Realität nicht existiert, sondern eine Kreation der wahren Machthaber im Land ist.» Diese würden in Mojtabas Namen einfach Texte veröffentlichen. Die Show sei nur dazu da, das Volk zu täuschen.Mojtaba künstlich am Leben zu halten, ist einfach, da er vor seiner Wahl kaum öffentlich in Erscheinung trat. Er war als Bürochef seines Vaters in einer zentralen Machtposition, in der er auch die Kontakte zur Führungsriege der mächtigen Elitearmee der Revolutionswächter festigte, aber er mied die Öffentlichkeit. Er hielt keine Reden, trat bei keinen Kundgebungen auf. Nur ein einziges Interview aus dem Jahr 2021 ist überliefert. Darin spricht er über den Tod seines Grossvaters. Seine Stimme hört man nur in einem kurzen Video, das 2024 veröffentlicht wurde.Zwar mag es dem Regime in Iran gelungen sein, Mojtaba als eine Art symbolische Führungsfigur am Leben zu erhalten. «Es ist überraschend gut gelungen, nach aussen den Anschein zu wahren, alle würden an einem Strang ziehen», sagt der Historiker Arash Azizi. Im Innern des Regimes gibt es jedoch heftige Machtkämpfe. Pragmatiker setzen sich für eine rasche Verhandlungslösung mit Kompromissen ein, während die Hardliner die maximalen Forderungen gegenüber den USA durchsetzen möchten. Sollte Mojtaba hier ein Machtwort sprechen, wird er das wohl als echte Führungsfigur in Fleisch und Blut machen müssen. Ein unsichtbarer Führer wird da nicht ausreichen. Mojtabas Zeit als Phantom könnte also bald vorbei sein.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Das Phantom von Teheran: Wo ist der Oberste Führer Irans?
Lange hat man darüber spekuliert, ob Mojtaba Khamenei beim Angriff auf seinen Vater ebenfalls getötet oder schwer verletzt wurde. Doch jetzt hat das iranische Gesundheitsamt ein Bulletin veröffentlicht.











