Iran will mit dem opulenten Begräbnis von Ali Khamenei die alte Stärke des Regimes demonstrieren. Doch die Islamische Republik steht an einem Wendepunkt37 Jahre regierte Ayatollah Ali Khamenei Iran mit eiserner Faust. In diesen Tagen wird er als grosser Märtyrer bestattet. Kann sein Sohn Mojtaba an der Macht bleiben? Dafür wird er das Land modernisieren müssen.Omide Azadi (Teheran), Petra Ramsauer05.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenIn Teheran trauern Anhänger um ihren getöteten Obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei.Mohammed Salem / ReutersSchwarz sind die Fahnen in den Strassen, schwarz die Plakate mit religiöser Aufschrift, schwarz die Tschadors der Frauen, die Hemden der Männer. Seit Tagen hat sich Teheran verdunkelt, um bereit zu sein für das Jahrhundertereignis. Laut dem iranischen Regime wird es das «grösste Begräbnis der Welt». Zu Grabe getragen wird Ayatollah Ali Khamenei, der 37 Jahre lang der Oberste Führer der Islamischen Republik war. Am 28. Februar, am ersten Tag des amerikanisch-israelischen Angriffs, wurde er getötet – zusammen mit seiner ältesten Tochter, ihrem Mann, dem Kind und der Frau seines Sohnes Mojtaba.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sechs Tage dauern die Trauerfeierlichkeiten, der Leichnam wird aufgebahrt und durch die Strassen getragen, wo ihm Millionen von Iranern die letzte Ehre erweisen werden, in Teheran und in der heiligen Stadt Qom, 150 Kilometer südlich der Hauptstadt. Der Sarg soll am Dienstag auch zu den Städten Kerbala und Najaf im Irak gebracht werden. Das hat einen Grund. Es sind heilige schiitische Städte – Glaube, Krieg, Macht, der Kern des Regimes der iranischen Revolutionswächter und der Mullahs stecken hier. Sie begründen ihre Macht. Doch jetzt muss sich das Regime neu erfinden.Ketten und PeitschenIn Kerbala befindet sich der Schrein des Imams Hussein, des Enkels des Propheten Mohammed. Er starb hier im Jahr 680 samt seiner Familie und seinen Gefährten in einer Schlacht gegen den Umayyaden-Kalifen Yazid. Hussein hatte dem Kalifen den Treueeid verweigert und ihm vorgeworfen, er sei ein Unterdrücker und unrechtmässiger Herrscher.Für Schiiten ist Husseins Märtyrertod nicht bloss ein historisches Ereignis, dessen jährlich am Ashura-Tag mit Trauerritualen wie Selbstgeisselungen mit Ketten und Peitschen und grossen Kundgebungen gedacht wird. Der Märtyrertod ist auch ein Bezugspunkt für die Interpretation politischer Ereignisse. Husseins Tod im Kampf gegen das massiv überlegene Heer des Kalifen ist Kern des Selbstverständnisses der Schiiten und wird als ultimativer Triumph über die Tyrannei gesehen.Ali Khameneis Leichnam wird auch nach Kerbala gebracht, eine der heiligsten Städte der schiitischen Muslime. Hier starb im Jahr 680 Imam Hussein in einer Schlacht gegen den Umayyaden-Kalifen Yazid .Samer Al Husseini / Middle East Images / ImagoSchon Ruhollah Khomeiny nutzte diese Erzählung. Er verglich den Schah Reza Pahlevi mit dem Kalifen Yazid, der bekämpft werden musste, und mobilisierte so Massen für seine Revolution 1979. Den Aufstand bezeichnete er als religiöse Pflicht der Schiiten. Auch der Tod seines Nachfolgers Ali Khamenei durch den Grossangriff Israels und der USA wird durch diese Linse interpretiert: Khamenei starb als oberster geistlicher Führer im Widerstand gegen übermächtige Gegner. Auch er ist ein grosser Märtyrer.Dass Irans Volk den spirituellen Gehalt dieses Todes ähnlich sieht, darf bezweifelt werden. Für die Mehrheit der Iraner war Khamenei vor allem ein Symbol der brutalen Unterdrückung, der Korruption und des Machtrausches der Revolutionswächter, der mächtigen Schattenarmee Irans, auf deren Unterstützung er seine irdische Macht begründet hatte. Bei seiner Kür 1989 fehlte ihm der nötige theologische Rang. Sein Sohn, der ihm im März nachfolgte, gilt als noch weniger geeignet, die Rolle des obersten religiösen Führers einzunehmen, der auch als höchster Rechtsgelehrter über die wahre Ordnung wachen kann.Mojtaba wurde vielmehr wegen seiner Nähe zu den Revolutionswächtern im März zum Obersten Führer gewählt. Wenn er denn noch lebt – seit dem Angriff vom 28. Februar, an dem er selbst verletzt worden sein soll, ist er bisher nie in der Öffentlichkeit aufgetreten –, wohin wird er die Islamische Republik führen?Säkularisierung geht voranDie Beerdigung mag nochmals perfekt in die religiöse Tradition passen, doch kann das Narrativ für die nächste Generation weitergesponnen werden? Wird Mojtaba von der eigenen Bevölkerung akzeptiert? Studien weisen darauf hin, dass sich in Iran wohl nur gerade etwa 30 Prozent der Bevölkerung als schiitische Muslime sehen. Die Säkularisierung ist in den letzten Jahren enorm vorangeschritten. Die Protestbewegung der Jugend 2022 und 2023, die unter der Losung «Frau, Leben, Freiheit» das ganze Land erfasste, war ein Aufstand gegen das theokratische Regime. Auch als aufgrund der extremen Inflation im Januar die Arbeiter und Händler auf die Strasse gingen, skandierten sie: «Tod Khamenei, Tod dem Diktator!»Machtdynastie: Nach Ali Khamenei wurde sein Sohn Mojtaba Khamenei zum Obersten Führer der Islamischen Republik ernannt.Morteza Nikoubazl / NurPhoto / ImagoDas Regime ist nicht mehr in der Lage, seine Macht allein religiös zu begründen. Das spiegelt sich auch im Begräbnis wider. So lautet der Slogan, der dieser Tage auf Plakaten steht und über TV-Bildschirme flimmert, «Märtyrerführer Irans» und nicht etwa Führer der islamischen Welt. Seit dem Beginn des Krieges hat die Verwendung historischer und nationaler Symbole in der Propaganda der Islamischen Republik deutlich zugenommen.So hing am Enghelab-Platz im Zentrum Teherans mehrere Wochen ein riesiges Bild von Rostam, dem bedeutendsten Sagenhelden der persischen Mythologie, der gegen eine mehrköpfige Schlange in den Farben der amerikanischen Fahne kämpfte. Die Sage von Rostam stammt aus dem monumentalen Nationalepos «Shahname», dem Buch der Könige, das um das Jahr 999 nach Christus vom persischen Dichter Firdausi geschrieben wurde. In einer Botschaft zum Jahrestag der Vollendung des Werkes gab Mojtaba Khamenei eine Erklärung ab: Die Geschichte des «Shahname» sei die Realität des Lebens der iranischen Nation und die persische Sprache eine der grössten Möglichkeiten zur Förderung der reichen iranisch-islamischen Kultur und Zivilisation. Ali Khamenei hätte nie so etwas geschrieben; Mojtaba verknüpft seine Vorstellung der Islamischen Republik offenbar ohne Hemmungen mit der vorislamischen Zeit, der reichen persischen Kultur.Fatemeh, Doktorandin der Politikwissenschaft, die anonym bleiben möchte, sagte der «NZZ am Sonntag»: «Durch die Betonung nationaler und nationalistischer Symbole will das Regime die Gelegenheit nutzen, um mehr Anhänger zu gewinnen.» Mit dem israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran brach ein Teil der regierungskritischen Bevölkerung zusammen, und patriotische sowie nationalistische Gefühle nahmen stark zu. Und so ist in den meisten Erklärungen, die Mojtaba Khamenei zugeschrieben werden, mit einem Mal von «nationaler Einheit» und «nationalem Zusammenhalt» die Rede.Ein Riesenplakat mitten in Teheran zeigt den Sagenhelden Rostam aus dem Buch der Könige, wie er eine mehrköpfige Schlange bekämpft. Die Islamische Republik bedient sich in jüngster Zeit öfters des persischen Kulturschatzes.Fatemeh Bahrami / Anadolu / ImagoAuf der offiziellen Website von Khamenei, die der Veröffentlichung von Nachrichten, Erklärungen und Stellungnahmen des Obersten Führers der Islamischen Republik dient, wird in einem Text erklärt, dass «die epischen Symbole Irans verschiedene Teile der Gesellschaft erneut zusammenbringen können».Wie eine Rave-PartyDie Stadtverwaltung von Teheran will zudem die Nachbildung eines berühmten historischen Reliefs an einem der Eingänge Teherans aufstellen. Bezug genommen wird auf das Flachrelief von Shapur I., dem Begründer des Neupersischen Reichs. Der König der Sassanidendynastie hatte 260 nach Christus die Römer geschlagen, das Relief zeigt, wie der gefangengenommene Kaiser Valerian vor Shapur kniet. In der heutigen Propagandaversion ist es jedoch der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu, der vor dem persischen König kniet. Ausländische Amtsträger, die nach Teheran einreisen, sollen daran erinnert werden, «dass die Macht Irans einen historischen Hintergrund hat», sagte jüngst Mohammad Khani, der Sprecher der Stadtverwaltung.Das Regime um Mojtaba Khamenei scheint noch einen Schritt weiterzugehen. Es setzt nicht nur auf Nationalismus und den Stolz auf die eigene reiche Historie, sondern scheint auch bereit, die Islamische Republik in religiöser Hinsicht neu definieren zu wollen. «Die Ideologie wird modernisiert», sagt Reinhard Schulze, der führende Schweizer Islamexperte und emeritierter Professor der Universität Bern. Zwar nutze das iranische Regime die Religion, um den Führungsanspruch im eigenen Land und vor allem auch in der Region beizubehalten, doch die Religion solle nicht mehr den Alltag der Menschen definieren. «Der iranischen Führung geht es nicht mehr so sehr darum, den privaten Bereich ihrer Bürger zu diktieren; die persönliche Frömmigkeit rückt in den Hintergrund», sagt Schulze.Ein Relief zeigt den römischen Kaiser Valerian, der sich nach verlorener Schlacht vor dem Grosskönig Shapur I. hinkniet.Raimund Franken / ImagoBei den Ashura-Feiern Ende Juni in Teheran habe man diese neue Tendenz beobachten können: «Als die Hauptredner auftraten, glich das vom Rhythmus und Sound her eher einer Rave-Party als traditionellen schiitischen Trauerritualen.» Bemerkenswert sei dabei auch gewesen, dass im Staatsfernsehen Videos gezeigt worden seien, auf denen Frauen in bunten Kleidern und ohne Kopftuch an den Feiern teilgenommen hätten und im Takt der Klagelieder mitgeschwungen seien.Tatsächlich werden derzeit auf Social Media zahlreiche Bilder und Videos von jungen Frauen ohne Hijab veröffentlicht, die auch an Kundgebungen der Regierung teilnehmen. Viele staatliche Nachrichtenagenturen publizieren Interviews mit diesen Frauen. So erklärte eine von ihnen, mit offenem Haar und mit einer iranischen Fahne in der Hand: «Mein Mann ist Soldat, aber er hat nichts mit meinem Hijab zu tun. Ich denke, wir sind alle Iraner und sollten lernen, mit und ohne Hijab zusammenzuleben – Muslime und Nichtmuslime – und unser Land zu verteidigen.» Sie deutet auf ihre kleine Tochter, die ein Kleid mit einem Mickymaus-Aufdruck trägt, und fährt fort: «Mein Mann ist seit Kriegsbeginn in der Kaserne und kommt selten nach Hause, aber meine Tochter und ich sind stolz darauf, dass mein Mann sein Volk und sein Land verteidigt.»Auch Taheri, ein berühmter Grabredner, der bereits mehrfach Zeremonien am Amtssitz von Ayatollah Ali Khamenei geleitet hat, sagte vor einigen Tagen an einer Strassenkundgebung: «Die Einteilung der Menschen in solche ohne Hijab und solche mit Hijab spaltet nur. Hier auf diesem Platz steht eine Frau mit Hijab neben einer Frau ohne Hijab und verteidigt das Land, und das bedeutet den Sieg der Islamischen Republik.»Der aufgebahrte Sarg von Ayatollah Ali Khamenei und seinen Familienmitgliedern, die ebenfalls beim israelisch-amerikanischen Angriff getötet wurden.Mohammed Salem / ReutersUnd so gibt die pompöse Trauerfeier für Khamenei in Iran und im Irak dem Regime die Gelegenheit, seinen Führungsanspruch im In- und Ausland zur Schau zu stellen. Die Islamische Republik unter dem bisher unsichtbaren Mojtaba Khamenei muss sich neu definieren, modernisieren. Sie tut es aus reinem Machtkalkül.Mojtaba Khamenei und die Revolutionswächter, die derzeit die faktische Macht im Land halten, versuchen mit nationalistischer Propaganda, religiöser Symbolik und der Lockerung der Sittengesetze die Brüche im Land mit 93 Millionen Einwohnern zu kitten. Der Protestbewegung soll der Wind aus den Segeln genommen werden, ein Ende der Sanktionen könnte die wirtschaftliche Lage erleichtern, eine Lockerung der Sittengesetze soll Luft zum Atmen geben. Und doch ist das Regime für eine Mehrheit noch wenig glaubwürdig.Die Zahl der Hinrichtungen, die im Vorjahr schon einen tragischen Rekordwert erreicht hat, schnellt weiter in die Höhe. 40 Menschen sind wegen Widerstands gegen das Regime und seine Ordnung seit Kriegsbeginn hingerichtet, 6000 verhaftet worden. Auch die Freiheit der Frauen bleibt ungewiss. Im Juni wurde die junge Sängerin Parastu Ahmadi zu 74 Peitschenhieben verurteilt, weil sie mit offenen Haaren aufgetreten ist. Vulgär und unmoralisch fand das ein Gericht in Qom, der heiligen Stadt.Passend zum Artikel