Khameneis verspätete Bestattung: Iran plant die grösste Trauerfeier aller Zeiten Mit einer sechstägigen Zeremonie will das iranische Regime dem getöteten Revolutionsführer Ali Khamenei die letzte Ehre erweisen – und der Welt die Stärke der Islamischen Republik demonstrieren.03.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEine Frau hält das Bild des getöteten Revolutionsführers Ayatollah Ali Khamenei in ihren Händen.Majid Asgaripour / Wana News AgencyEs ist das erste staatliche Grossereignis, seit Ayatollah Ali Khamenei tot ist: Wenn sich das iranische Regime ab Freitag in einer sechstägigen Zeremonie von dem Revolutionsführer verabschiedet, feiert es gleichzeitig sein eigenes Überleben. Gut vier Monate nach Beginn des Iran-Kriegs und Khameneis Tod inszeniert die politische Führung in Teheran sein Begräbnis als ihren grössten Triumph.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Die Beisetzung von Ayatollah Khamenei ist ein regionales Grossereignis, das Kontinuität, Legitimität und Einfluss darstellen soll», sagt Negar Mortazavi, Senior Fellow am Center for International Policy in Washington. «Die Durchführung nach dem Krieg ermöglicht es Teheran, die politische und symbolische Wirkung zu maximieren.»Das Regime will die Zahl der Teilnehmer maximierenDer schiitischen Tradition entsprechend wird ein Verstorbener normalerweise so schnell wie möglich beigesetzt, oft innerhalb von 24 Stunden. Doch der Leichnam Khameneis wurde bis heute nicht bestattet. Nach offiziellen Angaben wird der Leichnam den religiösen Vorschriften entsprechend aufbewahrt. Wo und wie er konserviert wurde, ist nicht bekannt.«Eine Verzögerung von mehreren Monaten ist höchst ungewöhnlich und weicht von der normalen religiösen Tradition ab», erklärt Mortazavi. Offiziell hat das Regime diese Entscheidung mit Sicherheitsrisiken, der Gefahr weiterer Angriffe und logistischen Herausforderungen begründet.Tatsächlich dürfte die monatelange Verzögerung durchaus im Sinne der iranischen Machtelite gewesen sein: Eine mehrtägige Zeremonie mit Millionen von Teilnehmern zu organisieren, erfordert schon in Friedenszeiten eine gründliche Vorbereitung. Dazu gehört vor allem, die Teilnehmer zu mobilisieren. Aus Sicht des Regimes können es gar nicht genug sein: Mit einer hohen Zahl an Trauernden will die politische Führung in Teheran ihre eigene Legitimität signalisieren.Das Exil-Medium «Iran International» berichtet von staatlichen Versuchen, die Bevölkerung zur Teilnahme zu bewegen. Dazu gehören Angebote wie kostenlose Mahlzeiten, Übernachtungsmöglichkeiten und Anreisen per Bus aus ländlichen Gebieten. Ob es der Machtelite gelingen wird, wie angekündigt eine Teilnehmerzahl in zweistelliger Millionenhöhe zu mobilisieren, ist allerdings unklar. Bei einem grossen Teil der Bevölkerung ist das Regime verhasst. Khamenei stand fast vier Jahrzehnte lang an der Spitze der Islamischen Republik und verkörpert für viele Iraner die brutale Repression der Bevölkerung. Als sich die Nachricht von seinem Tod verbreitete, kam es in Iran zu spontanen – und riskanten – Jubelfeiern.Der Leichnam wird auch in den Irak transportiertLaut dem Parlamentspräsidenten Mohammed Bagher Ghalibaf erwartet das Regime allein in Teheran zwischen 10 und 20 Millionen Trauernde. Bevor der Leichnam des Ayatollah am 9. Juli in dessen Geburtsstadt Mashhad im Osten des Landes beigesetzt werden soll, wird er quer durch Iran und in den Irak geschickt: nach einer zehn Kilometer langen Prozession in Teheran über die Stadt Qom nach Najaf und Kerbala, wo Pilger in den beiden heiligsten Stätten des schiitischen Islam dem Ayatollah die letzte Ehre erweisen können.«Ayatollah Khamenei war nicht nur Irans oberster Führer, sondern auch eine der einflussreichsten religiösen und politischen Figuren in der schiitischen Welt, mit Anhängern und Verbündeten im gesamten Nahen Osten», erklärt die Iran-Expertin Mortazavi. Mit mehreren Prozessionen in verschiedenen Städten und Ländern könnte das iranische Regime möglicherweise das Begräbnis des Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeiny in den Schatten stellen. Mit geschätzt zehn Millionen Teilnehmern gilt es als das grösste Begräbnis in der modernen Geschichte.Überall präsent, aber nur auf Bildern: Irans neuer Revolutionsführer Mojtaba Khamenei hat sich seit seiner Ernennung nicht öffentlich gezeigt.Vahid Salemi / APFür die politische Führung in Teheran erfüllt eine hohe Teilnehmerzahl mehrere Zwecke: Sie signalisiert, dass die Institutionen der Islamischen Republik intakt geblieben sind und die Nachfolge trotz monatelangem Krieg und regionalen Spannungen geordnet geregelt wurde. Darüber hinaus kann Teheran mit der Anwesenheit ausländischer Delegationen und Vertretern verbündeter Bewegungen zeigen, dass es trotz den im Krieg erlittenen Rückschlägen weiterhin regionalen Einfluss ausübt.Der Irak, aber auch Syrien, Libanon, Katar und Oman haben angekündigt, Delegationen nach Iran zu schicken. Russland, China, Indien und Pakistan werden ebenfalls offiziell vertreten sein. Auch Gesandte aus Afghanistan, Armenien und Venezuela sollen an dem Begräbnis teilnehmen. Europäische Staaten, die USA und Israel wurden nach iranischen Angaben ausdrücklich nicht eingeladen, weil sie sich aus Sicht Teherans «auf der falschen Seite der Geschichte» positioniert hätten.Um die Gäste aus dem In- und Ausland zu beherbergen, wurden in den vergangenen Tagen Teherans Autobahnen in provisorische Parkplätze umgewandelt. Moscheen, Schulen, Sporthallen und Universitäten wurden zu Unterkünften umfunktioniert. Die Revolutionswächter sind für die Kontrolle der Menschenmengen in den wichtigsten Städten verantwortlich. Eine zentrale Rolle dürfte dabei spielen, jegliche Störung der Zeremonien zu unterbinden.Wird sich der neue Revolutionsführer zeigen?Der iranische Vizepräsident Mohammed Reza Aref, der das Begräbnis organisiert, hat es Ende Juni als «das wichtigste Ereignis des 21. Jahrhunderts» bezeichnet. Bei regimekritischen Iranern sorgt diese Äusserung für Spott. So schrieb ein Internet-User, dass das verzögerte Begräbnis «eines der grössten Diktatoren des Jahrhunderts» für viele Iraner als «eines der glücklichsten Ereignisse» in Erinnerung bleiben werde.Offen bleibt die Frage, ob sich Irans neuer Revolutionsführer Mojtaba Khamenei während der Begräbniszeremonien zeigt. Seit seiner Ernennung ist er noch nicht öffentlich in Erscheinung getreten. Medien berichten, dass er bei der gezielten Tötung seines Vaters verletzt wurde. Manche Beobachter spekulieren nun, dass er das Totengebet leiten könnte. Allerdings ist unklar, ob er gesundheitlich dazu überhaupt fähig ist.«International ist das Begräbnis eine Gelegenheit, zu demonstrieren, dass der Staat nach einer beispiellosen militärischen Konfrontation funktionsfähig und in der Lage bleibt, ein nationales Grossereignis zu organisieren», meint Mortazavi. Um diese Botschaft in die Welt zu senden, ist dem iranischen Regime offensichtlich kein Aufwand zu gross.Passend zum Artikel